Venom

He who lies to himself

Cannot be honest with others

_

And this time it was me

Who suffered your dishonesty

And it hurt me in a way

I was not hurt until this day

I nearly lost myself, my mind

Maybe I, too, was a bit blind

And didn’t see what you did to me

Till it was too late for me

To get out of this unharmed

But, see I really was charmed

Bewitched, in love like mad

So it should’ve been you, my lad

To help me out, not make it worse

By screwing me, reinforcing the curse

My life had become, you know

You could’ve cared about me, but no

You only see yourself and how

The world’s about you, but now

I’ll tell you something, man

If I’d known what’d happen, I’d ran

Ran away from you the first time I

Met you, because you deceived me

Disappointed me, harmed me,

Nearly made me wanna die

So stop it, you have no right to cry

You’re not evil, you’re just weak

And I, I was stupid, I can see that now

But instead of punishing myself for how

Really, really dumb I have been –

_

I see the only thing that’s positive about it:

After all you make a good story.

Sorry, not sorry.

Der Herzenswunsch

Für P, der immer in meinem Herzen sein wird;

für J, in dessen Herzen ich bin;

für V, der mein Herz hat (oder zumindest das gleiche).


 

In meinen Tagträumen geht es dir sehr schlecht meinetwegen. Früher konntest du gut damit leben, ein paar Tage lang nichts von mir zu hören, aber damals hattest du dabei nicht die Gewissheit, dass es für immer ist, meine Abwesenheit, dass ich nicht mehr einfach vor deiner Tür stehen werde, dass nie wieder dein Handy klingeln wird, während auf dem Display angezeigt wird: „Eingehender Anruf Elodie.“ Das hat es einfach gemacht, damals.

„Die meldet sich schon wieder. Selbst wenn ich nichts von mir hören lasse – mehr als zwei Tage hält sie nie durch, bevor die Sehnsucht überhand nimmt und die Sorge, ob mit mir auch alles in Ordnung ist,“ dachtest du dir, und Recht hattest du. Jetzt, wo du weißt, ich bin fort und komme nicht wieder, ist alles anders. Auf einmal ziehen sich die Minuten werden Stunden, lange Stunden, auf einmal spürst du jeden Tag, an dem ich nichtmal kurz schreibe. Und es gibt nichts, das dich trösten könnte, keinen Ersatz für mich, nichtmal eine Ablenkung.

Die Zweifel haben leise angefangen, schüchtern stellen sie zum ersten Mal ihre Fragen. Aber mittlerweile herrscht da in deinem Kopf eine wahre Kakophonie, von allen Seiten feuern sie lautstark ihre Einwände auf dich ab.

„Warum hast du sie gehen lassen?“, brüllt es von hinter dem Selbstbewusstsein.

„Du hattest Unrecht,“ schreit eine schrille Stimme aus dem Urteilsvermögen.

„Wahrscheinlich hättest du gar nicht anders handeln können,“ widerspricht es polternd jenseits der Zuständigkeit.

„Lalala – laaaaa!“, trällerst du betont fröhlich und fragst dich, wie du jetzt gerade auf Beethovens 9. gekommen bist, in letzter Zeit war ich es doch, die immer sowas gehört hat, nicht du (Wirst du ich? Oder bist du es bereits?).

In meinen Tagträumen kannst du nicht mehr schlafen, nicht mehr essen, nicht mehr klar denken. Du musst nicht mehr darüber nachdenken, ob du einen Fehler gemacht hast, du weißt, dass du das getan hast.

Du musst nicht erst auf dein Smartphone schauen, um zu wissen, dass ich mich nicht gemeldet habe, du tust es trotzdem – ständig. Hättest du früher mehr Anteil genommen an meinem Leben, meinen Gedanken, an mir, würde dir die Ironie daran auffallen: Du benimmst dich wie ich mich das ganze letzte Jahr benommen habe, deinetwegen.

Das verzweifelte Hoffen gegen jede Vernunft ist das Schlimmste, nicht wahr? Oder sind es bei dir eher die Erinnerungen, die weh tun? Wie glücklich wir waren, und wie wunderschön alles hätte sein können? Leidest du immer mal wieder unter Flashbacks – du stehst nichtsahnend in der Küche und wartest darauf, dass der Kaffee fertig durchläuft, die Augen starr auf den steigenden Pegel der schwarzen Brühe in der Glaskanne gerichtet, doch plötzlich siehst du nicht mehr, was so quälend langsam vor dir abläuft – ein anderes Bild schiebt sich darüber, ein Bild aus der Vergangenheit, dennoch so real (oder realer) wie etwas, das gerade passiert:

Die gleiche Kaffeemaschine, eine andere Küche;

„Vom Draufstarren wird der Kaffee nicht schneller fertig,“ hörst du meine Stimme hinter dir, und als du dich umdrehst, langsam und unsicher, als würdest du träumen: „Hab ich selbst oft genug versucht, bringt leider gar nichts.“

Und da stehe ich, hinter dir, in einer Unterhose von dir und meinem Eishockey-Trikot, das mir viel zu weit ist, die langen offenen Haare ein einziges schlaf- und sex-induziertes Chaos, und grinse dich an.

„Elodie,“ bringst du heraus. Fragend erwidere ich deinen Blick, es fühlt sich an, als zerbräche etwas in dir, als du das typische schiefe Elodie-Lächeln registrierst, den liebevoll-spöttischen Ausdruck, die kleine Falte auf der rechten Seite der Stirn, die sich dort bildet, wenn ich wie jetzt die rechte Augenbraue hochziehe.

„Alles klar?“, frage ich, amüsiert, weil du mich so anstarrst. „Sehe ich so furchtbar aus? Ziemlich koitierte Frisur, was?“

„Unsinn,“ flüsterst du, die Stimme ist dir irgendwie abhanden gekommen, „du bist wunderschön,“ und du kannst es dir regelrecht vor Augen rufen: Wäre das hier ein Film, würde die Kamera von einem Close-Up herauszoomen in die Totale, sodass man dich in der Küche sähe, in deiner jetzt wieder, ein großes kühl wirkendes Zimmer, ein bisschen unaufgeräumt, wie du alleine neben der Kaffeemaschine stehst, irgendwie verloren, und deine Worte in den leeren Raum sprichst. Ungehört fallen sie in die Stille einer Junggesellenwohnung, die sich früher weniger einsam angefühlt hat. Das Gefühl der Verlassenheit legt sich auf dich, verschleiert dir die Sicht und umfängt dich wie ein Umhang; für ein paar Minuten lässt du es zu, wickelst dich darin ein, lässt dich von seiner Berührung durchdringen, für einen Moment bist du nicht einsam, du bist die Einsamkeit selbst. Wenn jetzt jemand hereinkäme, könnte er das silbrig-graue Tuch sehen, das du wie einen Ganzkörper-Schleier trägst.

In meinen Tagträumen kannst du nicht mehr erkennen, wer du bist, deiner Seele fehlt der Spiegel – meine. „Du bist wie ich“, hast du mir mal gesagt, und mir damit das größte Kompliment gemacht, das ich mir zu der Zeit hätte vorstellen können. „Und gleichzeitig machst du mich zu einem besseren Menschen, und zu einem glücklicheren. Weil du so bist, wie du bist, liebe ich dich. Und jedes Mal, wenn mir auffällt, dass wir eine der vielen Eigenschaften, die ich an dir liebe, teilen, dass ich sie unglaublicherweise auch besitze, kann ich mich selbst besser leiden. Weil wir uns so ähnlich sind, bedeutet Dich Lieben – Mich Lieben.“

Aber das hast du jetzt nicht mehr. Du hast niemanden mehr, der dir täglich bewusst – indem er es ausspricht – und unbewusst – indem er dir ähnlich ist – zeigt, wie wundervoll du bist. Wer weiß, vielleicht bist du auch gar nicht mehr so wundervoll? Ohne mich, vielleicht vergisst du, wie man Du ist? Dann stehst du vor dem Spiegel, betrachtest prüfend dein Gesicht, etwas hagerer geworden, seit dir meinetwegen die Lust am Essen vergangen ist, und fragst dich, ob diese Falte neulich schon da war, sie lässt dich alt aussehen, griesgrämig, und du hast niemanden mehr, der dir seine Tabak-Packung an den Kopf wirft und dich doof schilt, wenn du solche Gedanken äußerst. Ohne solchen Widerspruch verselbstständigen die sich, werden lauter und lauter und überzeugender und überzeugender. Die Falte ist ja nicht alles, ein graues Haare hast du auch schon entdeckt.

Du wünschtest, es würden Einwände erhoben, wenn du deinem unstillbaren Bedürfnis nach Selbsterniedrigung nachkommst, der hohen Kunst der Selbstkritik bis über die Grenze zum Selbsthass frönst; du wünschtest, jemand hielte dich auf, griffe ein, rückte dir den Kopf wieder zurecht, liebevoll, aber entschieden.

„Wenn du nicht sofort damit aufhörst, fies zu meinem Léon zu sein, werde ich dich leider verprügeln müssen, Léon,“ hörst du meine Stimme in deinem Kopf. „Ich mein’s ernst, ich mach dich fertig. Niemand krümmt meinem Léon auch nur ein Haar, nichtmal er selber. Du bist ein wunderbarer, schlauer, lieber Mensch, von innen und außen wunderschön. Das werde ich schon noch in deinen Schädel kriegen, und wenn es Jahre braucht.“

Wehmütig lachst du auf, und obwohl du gut darin bist, das Offensichtliche abzustreiten (dass du in mich verliebt bist zum Beispiel), kannst du die Tränen nicht leugnen, die beginnen, dein Gesicht hinabzulaufen. Irgendwo hat eben jede Selbst-Belügerei ihre Grenzen.

Dein normaler Tagesablauf hat längst jede Form verloren, ist auseinandergefallen wie du selbst es tust. Keine Struktur mehr, die Ordnung leckt, wo die ganzen schmerzhaften Gedanken einbrechen, die die Erinnerung auf dich abfeuert wie Pfeile.

Schon beim Aufwachen geht das los:

„Etwas fehlt.“ „Etwas ist nicht in Ordnung.“

Plötzlich wach:

„Elodie ist weg. Mein Arm ist leer.“

Dann, das Realisieren setzt ein:

„Oh nein. Stimmt ja. Sie ist weg.“

Es jetzt noch aus dem Bett und unter die Dusche zu schaffen, ist ein Kunststück, ein Kraftakt, an dem du regelmäßig versagst. Schaffst du es, geht es im Badezimmer weiter:
„Wann habe ich angefangen, mich so an ihren ständigen Lärm morgens zu gewöhnen, den Föhn, die elektrische Zahnbürste, das Pfeifen und schief Singen unter der Dusche … dass er mir fehlt, wenn er nicht da ist?“

„Seit wann ist alleine duschen traurig?“

„Verdammt, unter dieser Dusche haben wir uns geliebt. Ich habe dich an den Hüften hochgehoben und mit dem Rücken an die Wand hier gelehnt… Du hast deine Beine um mich gewickelt und mich in dich aufgenommen. Und die ganze Zeit fiel der heiße Regen der Dusche auf uns…“

„Oder wie du vor mir gekniet hast, wie du mich in den Mund genommen hast, und ich mich irgendwann kaum mehr auf den Beinen halten konnte; du hast dich liebevoll über mich lustig gemacht, ich sollte nicht so mit dem Duschstrahl rumzittern, du wolltest weder frieren noch dauernd Wasser ins Gesicht kriegen…“

„Dein Gesicht, nur Millimeter von meinem entfernt, gerötet, Pupillen riesig, Augen starr in meine gebohrt, an deinen Wimpern glitzern Wassertropfen, deine Haut glänzt, dein ganzer Körper brennt, und ich erkunde deine heißeste Stelle, fast verglühe ich, als wir dort zusammenwachsen…“

Entschlossen, dem Spuk in deinem Kopf ein Ende zu machen, reißt du den Kaltwasserhahn auf. Der Schock ist fast ein Schmerz auf deiner Haut. Schmerzen sind gut. Ein frustrierter Schrei bleibt dir aus Rücksicht auf die Nachbarn in der Kehle stecken. Deine Wangen sind nass. Nur du kannst jetzt noch unterscheiden, was davon Tränen sind und was Leitungswasser. Wenn du lange genug in dem Eisregen stehen bleibst, wirst auch du es nicht mehr sagen können, dann ist alles, was an deinem Gesicht hinabläuft, kalt und ein bisschen salzig.

Schlotternd verlässt du das Bad, ziehst irgendetwas an, Hauptsache schwarz, gehst in die Küche. Du erinnerst dich an den Flashback an der Kaffeemaschine neulich und entscheidest dich heute lieber für Tee. Ohne darüber nachzudenken, setzt du eine Kanne auf, Scharz- und Pfefferminztee. Du schenkst dir eine Tasse ein, als dir zwei Fehler auffallen, die du gemacht hast.

1. Du bist alleine, du brauchst keine ganze Kanne Tee.

2. Schwarztee mit Minze ist mein Lieblingstee, den du nur mir zuliebe mitgetrunken hast, du kannst diese Mischung überhaupt nicht leiden. Überhaupt nicht. Früher fandest du sie ganz ok, erfrischend, nur etwas merkwürdig, aber jetzt? Jetzt verabscheust du sie.

Wie all diese bescheuerten kleinen Eigenheiten, die ich hatte. Wer kommt bitte auf die Idee, Schwarztee, guten englischen Frühstückstee, mit Pfefferminze zu versauen?

Genau wie diese Manie, Früchte in salzige Gerichte zu schmeißen:

„Weißt du, was diese Weißweinsauce perfekt machen würde? Melone!“

Nein, nein, einfach nein!

Elodie, es ist nicht bequem, den ganzen Tag im Lotussitz rumzuhocken, das ist es nichtmal für ein paar Sekunden!

Man muss nicht alles mit doppelt so viel Weichspüler wie angegeben waschen!

Mach deine Zigaretten wie alle anderen Leute auch an – mit dem Daumen am Feuerzeug, nicht mit dem Zeigefinger!

Lass nicht immer überall, wo du gehst und steht (auf einem Bein stehst, das muss man sich mal geben!), Taschentücher, Haargummis, Kulis und leere Cola light-Flaschen rumfliegen! Ein Glück, dass ich nicht mehr täglich hinter dir herräumen muss! Ein Glück, dass du hier nicht mehr wohnst, ein Glück…

Es sticht in deinen Augen, als du den ekelhaften Tee hinunterwürgst, langsam, vorsichtig, schmeckst du jedem Mundvoll nach.

„Verflucht, Elodie. Minztee schmeckt, als müsste man heulen.“

In meinen Tagträumen kannst du keine Musik mehr hören. Nicht nur, dass Musik dich immer emotional macht, weil Melodien mit deiner Seele sprechen wie Worte mit deinem Verstand. Nein, die Hauptursache ist, dass es keine Musik gibt, die dich nicht an mich erinnert. Wir beide haben einen seltsamen Musikgeschmack, zu seltsam, als dass einer von uns beiden je darauf gekommen wäre, dass es auf dieser Welt eine zweite Person mit dem gleichen geben könnte.

Dann lernten wir uns kennen, und uns fiel auf: Wir beide hören exakt das Gleiche. Unbekannte Oldies, Irish Folk, Opern, Musicals, Klassik von Renaissance bis Romantik, alte Volkslieder, Gothic, Metal, 50-er, 60-er, 70-er, 80-er, Hellectro, Country, Kurt Weill-Lieder… Bobby Darin, Robert Schumann, ASP, Die Prinzen, Tschaikowsky, Couperin, The Dubliners, Mono Inc., Chopin, Jacques Brel, Patricia Kaas, Simon & Garfunkel, The Doors, Tennesse Ernie Ford, Beethoven, Vivaldi, Percy Grainger, … Diese Liste lässt sich nicht abschließen, irgendwas würde immer fehlen. Und aus diesem Wust von Melodien und Stücken waren es die gleichen, die wir beide auswendig konnten und die uns beiden besonders am Herzen lagen.

Natürlich merkten wir bald, dass der Eindruck, jeder von uns hätte seinen Seelenzwilling oder, wenn jeder Mensch nur eine halbe Seele kriegt, den Besitzer der anderen Hälfte gefunden – dass sich das nicht auf unseren Musikgeschmack beschränkte. Auch nicht auf unseren Geschmack im Allgemeinen, obwohl der sich ebenfalls überschnitt – wie erwähnt, wir hatten die gleiche Kaffeemaschine. Nein – Geschmack sagt viel über einen Menschen aus, besonders, wenn es um die persönliche Bewertung von Dingen geht, die die Emotio, gar die Seele ansprechen wie z.B. Literatur und Musik, aber es gibt menschliche Eigenschaften, die noch viel mehr über ihn verraten – ohne uns zuvor je begegnet zu sein, hatten wir die gleiche Art, zu denken und machten uns die gleichen Gedanken; wir hatten die gleichen Vorstellungen vom Leben und allem, was darin und daran wichtig ist; wir empfanden ob der gleichen Sachen die gleichen Gefühle; in keinem Punkt wichen unsere Moralvorstellungen voneinander ab; unsere Ratio und unsere Emotio glichen einander aufs Haar.

Wir mussten uns nie kennen lernen, wir kannten uns schon.

Das macht es dir jetzt doppelt schwer. Wenn du dich fühlst, als hättest du einen Teil von dir verloren, weißt du, dass du nicht anfängst, in kitschigen Klischees zu denken.

Jeden verdammten Tag wirst du damit konfrontiert. Du weißt in jeder Situation genau, was ich getan hätte – und was ich dabei gedacht und gefühlt hätte. Du hörst ständig meine Stimme in deinem Kopf alles kommentieren.

Keine Reklame ohne: „Weißt du noch, bei Futurama übertragen sie Werbung in Träume, ich bin ziemlich sicher, sobald sie’s können, werden sie’s wirklich tun. Dann muss man Geld für spam-freie Träume bezahlen. Für noch mehr Geld kann man sich natürlich den Traum kaufen, den man sich wünscht. Mit Sky sogar ohne Product Placement.“

Kein Film ohne: „Hast du gemerkt, dass der gerade noch was anderes anhatte? Ein Schnitt und schon ist die Hose schwarz statt blau, ist er ein Metamorphmagus?“

Kein Essen ohne: „Ist da wirklich kein Hühnereiweiß drin? Die verstecken das in den unmöglichsten Sachen…“

Kein Einkauf ohne: „Können wir nochmal in die Kosmetikabteilung? Nein, man kann nicht zu viel Duschgel besitzen! … Oooh und guck mal, da vorne gibt es Kuscheltiere, können wir nur mal kurz gucken?“

Keine Autofahrt ohne: „Wann darf ich wieder fahren? Und kannst du vielleicht mal mehr drauftreten? Den kannst du ja locker noch überholen!“

Das alles ist schrecklich schmerzhaft, aber das Schlimmste ist wirklich das mit der Musik. „Es soll ja Leute geben, die von richtig guter Musik kein geistiges Äquivalent zu einem Orgasmus kriegen können,“ meinte ich mal. „Die können einem wirklich leid tun,“ befandest du. Keiner von uns beiden könnte sich jemals ein Leben ohne Musik vorstellen.

Doch, egal, was du anmachst, sofort bin ich da, mit dir im Raum, und das lässt dich jedes Mal in einen dieser tiefen Abgründe stürzen, die das Leben in deine Seele gerissen hat. Und wie tief du auch gelandet bist, in einer unergründlichen, lichtlosen Schwärze, kaum hast du dich vom Aufprall erholt, berührt dich etwas am Arm, jemand nimmt deine Hand, und die Worte, die ich dir so oft gesagt habe, um dich zu trösten, hören sich in dieser Umgebung wie eine Drohnung an, als ich, neben dir am Ende, sie ausspreche:

„Du verlierst mich nicht, Großer. Ich bin bei dir. Ich werde immer bei dir sein.“

In meinen Tagträumen bist du so unglücklich, wie ein Mensch es nur sein kann. Du denkst, dass dein Leben so keinen Sinn mehr hat, nicht, wenn es nur noch aus Leiden besteht. Doch einfach Schluss zu machen, ist keine Option, nicht wahr? Nicht für dich. Lieber machst du noch mehr Schmerzen durch. Du weißt, dass du das hier überleben wirst, das war nie das Problem. Du weißt nur nicht wie.

Eines Tages bist du nichtsahnend aufgewacht – was soll an einem Donnerstag im Juli schon passieren – und nur wenige Sekunden später hat das Leben dir den ersten kräftigen Schlag versetzt, völlig unvorbereitet hat er dich erwischt. Du warst ja noch halb am Schlafen und niemand hat dir gesagt, du sollst dich ducken, ausweichen oder eine Deckung aufbauen. Deshalb warst du schon am Taumeln, als diese Realität sich um dich herum aufbaute:

Meine Bettseite war leer, das Kissen unberührt. Die Decke roch nach Lenor, nicht nach mir.

Und dazu eine Gewissheit in dir – keine Ahnung, kein ungutes Gefühl – Gewissheit:

Etwas stimmt hier nicht.

Etwas stimmt hier ganz und gar nicht.

Es ist etwas Schlimmes passiert.

Und dann, was du für undenkbar gehalten hattest, es wurde Wissen:

Ich habe sie verloren.

Elodie ist fort.

Du hattest nicht den geringsten Zweifel an diesen beiden Erkenntnissen, die wie Blaulicht in deinem jäh sehr wachen Bewusstsein blinkten:

ETWAS SCHLIMMES IST PASSIERT – BLINK BLINK – ICH HABE ELODIE VERLOREN – TATÜ TATA.

Eher wärst du bereit gewesen, Zweifel an der Form der Erde oder der Existenz deiner Person anzuerkennen als Zweifel an der Richtigkeit dieser Aussagen.

Wo war ich? Und warum? Mein Platz war doch hier, an deiner Seite. Was hattest du nur getan, um das zu zerstören? Du konntest mich nicht verlieren, das ging einfach nicht. Wir wollten doch unsere Leben miteinander verbringen! Oder hattest du mir das nie gesagt? Hattest du – nein. War das der Grund – nein, oder? Nein, oh bitte nein.

Der zweite Hieb des Tages traf dich: Egal, was es war, das mich davon abhielt, dort zu sein, wo ich hingehörte – deiner Meinung nach hingehörte – es war deine Schuld. Du warst es, der mir immer gesagt hatte:

„Du bist mir wichtig, Kleine, vielleicht der wichtigste Mensch in meinem Leben, und ich habe dich wirklich sehr, sehr lieb. Und ja, ich bin verknallt in dich. Ich mag alles an dir, und ich finde dich wahnsinnig sexy. Man könnte sogar sagen, auf eine gewisse Weise liebe ich dich. Ja, ich liebe dich. Aber nicht so, wie du dir das wünschst. Ich kann dir einfach im Moment nicht das geben, was du brauchst. Wenn dir das reicht, was wir haben, bin ich zufrieden, aber ich kann verstehen, wenn nicht.“

Es hatte mir immer gereicht, wahrscheinlich, weil ich, die ich dich kenne wie mich selbst, gespürt habe, dass nicht mangelnde Gefühle diese Worte artikuliert hatten, sondern Angst. Weil ich auch so war, weil ich auch Angst davor hatte, mein Herz und damit meinen Verstand zu verlieren. Weil du dir trotzdem jede Sekunde dessen bewusst warst, dass ich dich mit einer brennenden Zuneigung liebe und brauche, wie sie noch von niemand anderem dir gegenüber empfunden wurde. Ebenso, wie du dir meiner Gefühle für dich manchmal bewusster gewesen warst als ich selbst, warst du wohl davon ausgegangen, dass es sich umgekehrt genauso verhielt.

Warum hattest du nie dir und mir gestanden, was du wirklich fühlst? Das wäre gewesen, was ich verdient hätte. Weil du unfähig gewesen warst, das zu tun, bekamst stattdessen du jetzt, was du verdient hattest: Du verlorst mich. Das konnte doch nicht wahr sein. Wenn es noch irgendetwas geben sollte, was du tun könntest, um das zu verhindern, um das Karma davon zu überzeugen, dass du eines gütigeren Schicksals würdig seist – du würdest es tun. Egal was. Nur nicht mich verlieren, oh bitte, bitte nicht.

Du musstest herausfinden, was los war. Erst dann wärst du überhaupt in der Lage, etwas Sinnvolleres zu unternehmen, als wie ein Irrer in der Wohnung hin und her zu rennen, bar jeglicher kohärenter Gedanken, und hektisch eine Zigarette nach der nächsten zu rauchen, die neue immer an der letzten anzündend. Oh Gott, du warst jetzt schon völlig fertig.

Also – einmal tief einatmen, einmal tief ausatmen. In Erfahrung bringen, was geschehen war. Danach, wenn es sich herausstellen sollte, dass es wirklich gar nichts gab, das du tun konntest, könntest du immernoch ausrasten und dich der Panik ergeben. Dann war eh alles egal, nicht wahr?

Tatsächlich brauchtest du nicht lange, um den Ursachen meiner Abwesenheit auf den Grund zu kommen. Im Nachhinein hättest du dir gewünscht, du hättest fast ewig herumtelefonieren und mit Leuten auf Whatsapp schreiben oder vielleicht sogar selbst eine Tour durch die Stadt unternehmen müssen, auf der du Bars abklapperst und bei Freunden von mir klingelst… Egal was. Alles, um nur die Zeitspanne zu verlängern, in der du noch nicht die Wahrheit kanntest. Im Nachhinein wärst du für jede Minute dankbar gewesen, in der die Welt zwar bereits im Aufruhr war, aber noch nicht zerschmettert zu deinen Füßen lag.

Das war es nämlich, was passierte, als du den Anruf von meiner Mutter entgegennahmst und ihrer tränenerstickten Stimme zuhörtest, wie sie Worte formte, die zu sperrig schienen, um von deinem Gehörgang in dein Gehirn zu gelangen: deine Welt geriet ins Rutschen, erst langsam, dann immer schneller, während du gelähmt daneben standest, unfähig, zu intervenieren, nur ein stummer Zeuge der Tragödie seines Lebens; bis die Welt komplett das Gleichgewicht verlor, fiel, und fiel, und fiel – der Fall schien unendlich, in Superzeitlupe, oder besser noch: in Einzelaufnahmen, ein Bild – Bewusstsein weg – nächstes Bild – Bewusstsein weg – nächstes Bild – Bewusstsein weg – nächstes Bild… um dann mit dem grauenvollsten, lautesten Geräusch, das deine Ohren jemals vernehmen sollten, auf dem Boden zu zerschellen, dass die Splitter nur so um dich herumflogen. Das Geräusch, das deine Welt beim Aufprall gemacht hatte, war ein ohrenbetäubendes Krachen, das eines Motorradhelms, der mit 200 km/h auf Asphalt trifft. Das Letzte, was ich gehört hatte, bevor bei mir die Lichter ausgingen. Für immer.

In meinen Tagträumen tut dir mein Tod manchmal so weh, dass du das Gefühl hast, wahnsinnig zu werden. Aber das ist nur ein Gefühl, du bist und bleibst du selbst. Vielleicht wäre es manchmal einfacher, sich dem Irrsinn hinzugeben, doch du weißt, dass ich dir verdammt nochmal in den Arsch getreten hätte, wenn du nicht zu einem Mindestmaß auf dich Acht gibst.

Ich wünsche mir, dass du leidest, dass du manchmal nur meinetwegen, mit Hilfe der Gedanken an mich, weitermachen kannst. Ich wünsche dir, dass du psychisch völlig fertig bist, dass du mit jeder Faser deines Körpers spürst, wie furchtbar es ist, ohne mich leben zu müssen.

Das alles nehme ich in Kauf, das alles könnte ich aushalten, selbst, wenn ich im Tode noch genug ich selbst wäre, um wie zu Lebzeiten jedes einzelne deiner Gefühle selbst zu spüren als wäre es mein eigenes. Und wenn es uns beide, dich im Reich der Lebenden und mich im Reich der Toten, manchmal schier zerreißen würde vor Sehnsucht und Schmerzen, es wäre in Ordnung. Ich könnte es irgendwie ertragen, auch wenn mein Herz immer wieder bräche.

Mein mehrfach gebrochenes Herz, es wäre mir recht – wenn ich nur mit dir tauschen könnte. Alle Schmerzen würde ich auf mich nehmen, sogar deine Trauer würde ich herbeiwünschen, wenn du nur an meiner Statt weiterleben könntest, wenn ich es hätte sein können, die sich in dieser Unwetternacht auf unserem Motorrad totgefahren hätte.

Dann geht es dir eben eine Zeit lang schlecht, weil du mich verloren hast – das geht vorbei. Totsein nicht.

Wieso kann es nicht mich getroffen haben? Einen Tag vorher noch bin ich nachts mit der Karre durch die Gegend geheizt. Wieso du?

Die Welt wird nie wieder in Ordnung kommen, eine Verwechslung ist passiert.

Du solltest leben dürfen.

[ Du über mir, in deinen Augen das unerreichte Land; deine Arme halten mich; deine Tränen laufen meine Wangen hinab; deine Haare streifen mein Gesicht; du in mir, so tief in mir; du wirst immer in mir sein.

Du bist mein,“ flüsterst du, durch meine Lippen in meinen Mund, „du bist mein, nur mein. Hör auf, zu weinen, ich gehe nicht weg. Ich gehe nie weg.“]

Schluss mit lustig, werdet erwachsen!

Liebe Menschen, sehr verehrte Damen und Herren der Schöpfung,

es ist nie eure Schuld, oder?

Wie konnte das nur passieren?

Ihr hattet ja keine Ahnung! Ihr habt euch nichts Böses dabei gedacht!

So viel Schlechtes auf der Welt, wo kommt das nur her?

Jetzt reicht’s. Ihr seid erwachsene Menschen. Ihr betrachtet euch selbst als die klügsten Tiere auf dieser Erde. Über jeden Schwachfug denkt ihr nach. Übernehmt endlich Verantwortung für euer Handeln. Ihr benehmt euch noch genauso wie als 12-Jährige in der Schule, als ihr dem Lehrer weismachen wolltet, dass ihr eure Hausarbeit nicht machen konntet, weil euer Drucker nicht funktioniert hat. Nun, ich habe Neuigkeiten: In der Welt der Erwachsenen interessiert es niemanden, was mit eurem Drucker los ist, ihr werdet nur danach bewertet, was ihr abliefert. Wenn euer Drucker kaputt ist, kauft euch verflucht nochmal einen neuen, repariert den alten oder geht in den Copy-Shop.

Es wird Zeit, ein paar grundlegende Gegebenheiten zu begreifen:

1. Handlungen haben Folgen.

2. Ergebnisse entstehen aus Entscheidungen, Handlungsentscheidungen und letztlich Handlungen.

3. Wenn man nichts tut, passiert auch nichts. Durch Unterlassen erzielt man keine Veränderung.

Ich erkläre das an ein paar Beispielen.

Wenn ihr aus Jux einen Stein von einer Autobahnbrücke werft, um mal zu schauen, was passiert, landet der zwangsläufig irgendwo; wenn dieses Irgendwo die Windschutzscheibe eines Autos oder der Kopf eines Menschen ist, womit zu rechnen ist, ist jemand tot. Und ihr habt ihn umgebracht. Ganz einfach.

Wenn ihr mit jemandem psychisch oder physisch intim werdet, besteht die Möglichkeit, dass derjenige Gefühle für euch entwickelt. Ob ihr eure geheimsten Gedanken mit ihm teilt oder ihn vögelt, ist gar nicht so wichtig, wichtig ist, dass solche Aktionen etwas verändern an der Art, wie jemand euch sieht und was er für euch fühlt. Genau wie beim Steinewerfen liegt es nicht mehr in eurer Hand, was sich verändert, wenn ihr mit eurer Seite der Handlung fertig seid; ob irgendwo ein kleiner Krater in der Erde entsteht, ein paar Büsche umgeknickt werden oder ob jemand verletzt wird oder sogar stirbt – selbst wenn ihr das nicht abschätzen könnt, es ist eure Schuld. Ihr seid dafür verantwortlich. Und, mal ganz ehrlich – konntet ihr es wirklich nicht abschätzen? Oder war es euch einfach egal? Vielleicht habt ihr sogar absichtlich ein bisschen auf den roten Golf da unten gezielt? Neiiiin, niemals!

Das Steak da auf deinem Teller ist ein Stück tote Kuh. Damit die da landen konnte, musste jemand sie umbringen. Diese konkrete Kuh wurde getötet, damit du sie essen kannst. Du hast sie auf dem Gewissen. Du hast doch nicht den Bolzen angesetzt und abgedrückt? Du hast durch dein Kaufverhalten nur den Totschlag an ihr in Auftrag gegeben! Weißt du was? Wer einen Mord in Auftrag gibt, wird so bestraft, als hätte er ihn begangen. Moralisch gesehen macht das nämlich keinen Unterschied. Hör auf, dich immer aus allem rauswinden zu wollen. Deinetwegen sterben jedes Jahr hunderte Lebewesen, manche davon Menschen. Die meisten allerdings wehrlose andere Tiere, die in ihrem Leben keine Schuld auf sich geladen haben, es gar nicht konnten, weil die Haltung durch den Menschen sie jeder normalen Handlungsmöglichkeit beraubt hat. Und wenn du dich deswegen nicht scheiße fühlst, bist du wirklich ein… Nein, ich muss das hier nicht schreiben, du weißt genau, was ich meine.

Das Fett da auf deinen Hüften ist keine Veranlagung, es ist Bequemlichkeit. Hör auf, so zu tun, als könntest du dir nicht erklären, wie es da hinkommt. Du darfst so viel essen, wie du willst, du darfst so aussehen, wie es dir gefällt, da habe ich überhaupt nichts gegen. Aber wenn du anfängst, dich zu beschweren, wenn du laufend irgendwem auf die Eier gehst damit, dass du dich zu dick findest oder aus Neid Dünne diskriminierst, dann reicht es. Dann muss ich es dir um die Ohren hauen, so wenig es dir passt: Du bist fett, weil du mehr Kalorien zu dir nimmst als du verbrennst. Ganz simpel. Iss weniger oder lern, mit dir zu leben, verdammt. Das müssen wir alle!

Und ja – es gibt Ausnahmen, es gibt Menschen, die wegen Krankheiten oder arg ungünstiger Gene zunehmen. Dass die damit hadern, ist vollkommen verständlich, und dass es verdammt unfair ist, was ihnen passiert, ebenfalls. Aber ich spreche in diesem Text sowieso nicht die Menschen an, die unschuldig in miese Situationen geraten sind, und nicht die Zustände, die man Zufall, höherer Gewalt oder der Bosheit anderer anlasten kann. Wenn also jemand das liest, dem es so geht – hey, du bist überhaupt nicht gemeint. =)

Wir Menschen sind ungeschlagen darin, uns selbst zu belügen und Ausreden für unser verdammenswertes Verhalten zu finden. Der nicht funktionierende Drucker ist allgegenwärtig. Oder natürlich das Vorschieben der eigenen Unwissenheit.

„Oh, das wusste ich nicht…“ Gut, wenn es der Wahrheit entspricht, bedeutet das eben nur, dass du dumm bist, dir nicht genug Gedanken über deine Handlungen machst, bevor du handelst. Immernoch besser, als ein Arsch zu sein. Meistens stimmt es jedoch gar nicht, dass jemand etwas nicht wusste oder sich wirklich nicht vorstellen konnte, dass seine Entscheidungen exakt die Folgen nach sich ziehen könnten, die eintreten. Nein, wir sind einfach ignorant und egoistisch. Wir interessieren uns nicht die Bohne dafür, ob jemand anderes leidet, solange wir bekommen, was wir wollen. Blöd gelaufen für die 20-jährige Kambodschanerin, die zwei eigene Kinder und vier Geschwister von dem katastrophal niedrigen Lohn ernähren muss, den sie damit verdient, deine Designer-Klamotten zu nähen, die du für völlig absurde Preise käuflich erwirbst. Pech gehabt, Schwein, jetzt geht’s ab ins Schlachthaus – sieh’s positiv, dein Leben bis hierhin war eh scheiße, dafür haben wir gesorgt. Wären die Leute halt woanders geboren worden, die Durst leiden, damit wir Avocados und Schnittblumen haben! Und wenn man nicht im Mittelmeer ertrinken will, soll man halt nicht mit einem hochseeuntauglichen Boot da rausfahren!

Sagt mal, was ist eigentlich mit euch los?!

Benutzt euer Hirn, der Großteil von euch hat genug davon, um halbwegs kohärente Gedanken zu erzeugen! Die meisten Ereignisse auf dieser Welt sind vorhersehbar, sie entstehen nicht einfach aus dem Nichts, puff – ein Krieg, wie schade! Nein, ihr führt sie herbei. Jeden Tag, mit jeder einzelnen Handlung, jedem einzelnen Unterlassen. Was ihr konsumiert, wie ihr Menschen und andere Tiere behandelt, was eure Prioritäten sind und an welche Stelle dieser Hierarchie ihr selbst euch stellt, all das beeinflusst eure Umwelt und letztlich eure Person. Egoismus weitergedacht, das wäre doch mal was – seid nett zu anderen, weil die dann nett zu euch sind und euch das besser tut als die ewig angekotzten Gesichter überall; zerstört nicht das Ökosystem, in dem ihr lebt, ihr wollt nicht auf einem von extremen Hitzewellen und Stürmen heimgesuchten Planeten leben; benehmt euch wie Freunde, dann werdet ihr Freunde haben. Besser wäre es selbstverständlich, ihr würdet all diese Dinge aus anderen Gründen tun, aus moralisch höherstehenden, besser wäre, ihr könntet gute Menschen sein, weil ihr erkannt habt, dass das das Richtige ist. Doch das erwarte ich ja gar nicht von euch, ich weiß, dass das schwer ist. Fangt mit was Leichterem an – denkt mal ein bisschen nach, und ihr werdet erkennen, dass ihr selbst Vorteile davon habt, euch nicht ständig wie egozentrische Vollpfosten zu betragen.

Nehmt euer Leben in die Hand, übernehmt Verantwortung für euch selbst. Lasst den Kindergarten mit den Ausreden und Entschuldigungen. Wenn man sich nicht ändert, ist eine Entschuldigung eh Dreck wert. Das Deutsche vermittelt uns da eh eine falsche Vorstellung – wir sagen: „Ich entschuldige mich.“ Das ist Unfug. Wir können uns nicht selbst entschuldigen, also die Schuld nehmen, das können nur die, denen wir Unrecht getan haben. Und die werden das nur tun, wenn sie den Eindruck haben, dass ihr verstanden habt, was ihr falsch gemacht habt. Verlasst euch also nicht darauf, entschuldigt zu werden. Verlasst euch auf euch selbst – darauf, dass ihr in der Lage seid, das Richtige zu tun, also etwas, für das man später nicht um Verzeihung bitten muss.

Denkende Wesen aller Länder, vereinigt euch! Macht eure eigene Welt zu einer besseren!

Stadt der Fremden

Tausend Likes auf Tinder
Herz und Arme leer
Tapp durchs Leben wie ein Blinder
Glück, ich find’s wohl nicht mehr.

Tausend Lächeln in der U-Bahn
Hinter den Lippen nur Schmerz
Ich les dich als wärst du ein Roman
Denn auch deinem Blick fehlt das Herz.

Tausend Geschichten niemals passiert
Wie oft war ich nicht wahr
In meinem Kopf selbstvergessen, kaschiert
Etwas blitzt auf, erlischt, und – ist nicht mehr da.

Erzquengels Guide zur perfekten Online-Präsenz, Teil 1

Für die Leute von Faktastisch auf Facebook: Nameist Latte, Nico Kring, Michaela Schiffner, Regina Jones, Ronny Eberhardt, Andreas Hauschildt, aber vor allem für Fatih Yilmaz, der mich auf die Idee gebracht hat, so einen Text zu schreiben.

Ich werde sterben wie wahrscheinlich die Hälfte meiner Generation: mit tausend Likes auf Tinder, alleine zu Hause vor meinem PC. Wenn ich Glück habe, wird mein Hamster es schaffen, sich aus seinem Käfig zu befreien und meine Leiche anknabbern, bis man mich ein paar Wochen später findet; wenn ich Pech habe, wird mein Hamster die Käfigtür nicht aufkriegen und selbst einsam in seiner Single-Wohnung eingehen, während sich im Internet tausende Leute seinen Instagram-Account anschauen. Damit das Ganze nicht noch trauriger wird, als es eh schon klingt, muss ich wenigstens die Internetpräsenz von Flauschi und mir nett gestalten – sonst klappt es nichtmal mit den Likes.
Zum Glück ist es online nicht so schwer, sich als die Person zu präsentieren, die man gerne wäre (aber nie sein wird). Man entscheidet ja selbst, was man dort teilt, niemand muss einen jemals verheult oder höllisch genervt erleben, wenn man das nicht möchte. Man lädt nur die Fotos hoch, auf denen man gut getroffen ist oder die man wenigstens ein bisschen nachbearbeitet hat (wer hat denn heutzutage noch Pickel auf Facebook?). Man legt sich ein Portfolio aus Zitaten großer Philosophen und Künstler, nachdenklicher Sprüche, witziger Bemerkungen und Tierfotos zu, garniert das Ganze dann mit jeweils aktuellen Bezügen, und fertig ist der tiefsinnig-ironische Post des Tages. Wenn man es sich noch einfacher machen will, schreibt man sich ein Programm, das die gesammelten Weisheiten immer wieder neu kombiniert, einen Post-Generator, Sie wissen schon, wie z.B. der Porno-Namen-Generator, der vor ein paar Jahren mit Highlights wie „Sie kamen, um zu kommen“ begeistern konnte.
Ergebnisse könnten sein:

„Love what you do and do what you love!“ – Dazu ein Foto von Ihnen, wie Sie am Schreibtisch an einer Eiswaffel lecken.
Pro-Tip: Ein Filter in cremigen Bonbonfarben wirkt hier wahre Wunder. Es ist wichtig, dass auch die Farbe des Eises dazu passt – vermeiden Sie Schokolade und Vanille, die wirken langweilig. Besser ist Fruchteis in Rosa-Tönen. Die Zunge nicht zu weit rausstrecken, Sie wollen verspielt-sexy wirken, nicht pornös-sexy.

„Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum.“ – Ein echter Klassiker, den man zu fast allem kombinieren kann – zum Herz geformte Hände, gerne vor einer tiefstehenden Sonne, in die Luft hüpfen, Portraits mit Blume vorm Gesicht oder das folgende, sich zunehmender Beliebtheit erfreuende Motiv: einen Schritt vor Ihnen läuft ihr Partner, Sie halten sich an den Händen, von Ihnen sieht man nur den Arm und die Hand, von ihm Hand, Arm und Rücken und sein Gesicht wahlweise im Dreiviertelprofil oder verlorenen Profil – je nachdem, ob Sie einen Fokus auf die Fixiertheit Ihres Partners auf Sie oder das gemeinsame Streben nach vorne, auf ein Ziel zu, unterstreichen möchten.
Pro-Tip: Wenn Sie sich für das Springen entscheiden, achten Sie darauf, dass Ihre beiden Füße so weit wie möglich über der Erde sind, Sie wollen aussehen, als hätten sie vollständig die Bodenhaftung verloren und außerdem nicht wirken, als seien Sie zu unsportlich, aus dem Stand einen Meter hoch zu springen. Wahrscheinlich sind Sie das allerdings, also hüpfen Sie im Zweifel von einer nicht zu hohen Mauer, die Sie nachher aus dem Bild retuschieren lassen, und schauen Sie um Himmels Willen nicht so, als wüssten Sie, dass Sie sich gleich eine tierische Zerrung im Knöchel zuziehen werden.

„Dance like nobody’s watching.“ – Auch in der langen Version möglich: „Dance like nobody’s watching, love like you’ve never been hurt; sing like nobody’s listening, live like it’s heaven on earth“ oder Ähnliches. Dazu gehört selbstverständlich ein dynamisches, junges Bild, auf dem Sie zumindest andeuten, gerade zu tanzen.
Pro-Tip: Nicht alles Tanzen ist lebensbejahendes Tanzen, und letzteres ist das, was Sie darstellen wollen. Kein Shufflen, kein Jumpstyle, kein Walzer, Ballett nur, wenn Sie dabei nicht zu ernst aussehen oder wirken, als würde ihr Körper sich durch Schmerzen an Ihnen dafür rächen, dass Sie ihn so grausam verbiegen. Auf der sicheren Seite sind Sie mit in die Luft geworfenen Armen, Kopf in den Nacken, Augen zu, zauberhaftes Lächeln auf dem Gesicht.

Außerdem können Sie nahezu jeden solcher Sprüche einem Autor oder Sänger in den Mund legen, das wirkt belesen:
„Nimm das Leben nicht zu ernst, du kommst da eh nicht lebend raus.“ (Kurt Kobain)

Lebensfreude verbreiten, amüsant sein und zeigen, das man jeden Tag wie im Extasy-Rausch verbringt (obwohl man natürlich nie Drogen nehmen würde!!!), ist die eine Seite, die man unbedingt von sich zeigen muss. Die andere ist, dass man auch mal sehr nachdenklich ist, sich Gedanken macht um die Probleme der Welt, und dass man ein aufrechter, netter Typ ist, der bereit ist, sich zwei Minuten Zeit zu nehmen, um sein Profilbild mit der Flagge des (europäischen oder nordamerikanischen) Landes zu hinterlegen, in dem es zuletzt ordentlich gekracht hat. Im Gedenken an die Opfer! Da kann man ja nicht einfach so zur Tagesordnung übergehen, wenn gerade irgendwo 50 Leute gestorben sind, und vor allem: Weiße! Gut, dass es Menschen wie Sie gibt, die einen Moment innehalten, um der Welt zu zeigen, was für mitfühlende, gute Charaktere sie sind.
Vergessen Sie auch nicht, ihrem Post-Generator genug ernste, kritische Sprüche einzugeben, die dieser dann beliebig verschiedenen großen Denkern der Menschheitsgeschichte zuschreibt:

„Das Leben ist nicht immer nur eitel Sonnenschein – die Stärke eines Menschens erweist sich erst im Sturme.“ (Erzquengel)

„Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ (Stevie Wonder)

„Steh immer ein Mal mehr auf als du umgeboxt wirst.“ (Friedrich Nietzsche)

„Schämen sollte sich, wer sich gedankenlos der Wunder der Technik bedient und dabei nicht mehr davon versteht als die Kuh von der Botanik der Pflanzen, die sie mit Behagen frisst. – Von meinem iPhone 10 gesendet.“ (Sokrates)

Im Alltag ist es schon eine größere Herausforderung, unbeschwert, fröhlich, gutaussehend, nett, umgänglich, schlau, reflektiert, ernsthaft, mitfühlend, sorgend, belesen und alleswissend rüberzukommen – wenn auch nicht unmöglich. Haben Sie sich mal gefragt, wie viele der gelächelten „Guten Tag“s, die Sie heute gekriegt haben, ehrlich gemeint waren? Oder wann das letzte Mal war, dass jemand mit einem „Wie geht’s dir?“ ernsthaft ausdrücken wollte, dass es ihn interessiert, wie es Ihnen geht? Wie ist es denn bei Ihnen? Wann hat es Sie das letzte Mal interessiert, wie es Ihrem Gegenüber ging? Was war die letzte Diskussion, die Sie geführt haben, um gemeinsam zu einer bestmöglichen Lösung zu gelangen, nicht, um jemandem Ihre eigene Meinung um die Ohren zu hauen und sich vielleicht noch ein bisschen mit Ihrem Wissen zu brüsten? Das kann man Ihnen natürlich nicht vorwerfen, genauso wenig wie die Bauch-weg-Strumpfhose, das Make-Up, die gegen den inneren Widerstand ausgeführte Umarmung oder das fast überzeugende Lachen. Denn wenn jeder, dem gerade danach zumute ist, seine Mitmenschen anschnauzen, in Tränen ausbrechen oder einfach nur noch einen unartikulierten lauten Schrei ausstoßen würde, in den er all seine Trauer, seinen Ärger und seine Enttäuschung packt, dann würde wahrscheinlich nur noch gebrüllt werden in der Welt da draußen. Das wäre zum einen sehr laut, und zum anderen schon fast obszön ehrlich. Und, Sie erinnern sich: Obszön wollen Sie nicht wirken, Sie wollen auf eine nachdenkliche (Männer) oder verspielte (Frauen) Weise anziehend sein.

Reality will never be the same again

Losing control has never felt like this before
Maybe still quite frightening, but I do
Sense I’m flying, not falling anymore
Losing control has never felt like it does with you.

Being weak has never been like this before
Tingling sensation everywhere from head to feet
Warmth, head fuzzy, and blooming from the core
Of my frailty: a fearless force, with every heartbeat.

Trust has never meant to me what it does now
Neither did ecstasy, being at home, or happiness
But in your arms I found myself, and how
Beautiful I am, with that smile and in togetherness.

All of my life I have been afraid of something
Like this happening to me, of someone like you
Leaving me – speechless; can’t find the words to
Describe what I feel now, only my heart does sing;

With you in my every thought I know today
I’m more myself than I ever have been
Not struggling anymore, my mind serene
At your side, love, I’ll always find my way.

Der Hamster und sein trauriger Clown

Für Quoc und Jan


 

Eindringlich spricht er zu mir; seine Barthaare zittern, die großen schwarzen Augen bohren sich in meine. Zum Schluss fragt er mich:
„Und? Hast du das alles verstanden?“
Als ich nicke, macht er eine absegnende Bewegung mit der Hand, dann wendet er sich ab in einer Wolke aus Flausch und dreht mir seinen kümmerlichen Schwanz zu. Ich höre ein leises Rascheln, ein Tapsen in der Plastikröhre, und er ist im Rad; ohne mich noch einmal anzusehen, beginnt er sein tägliches Work-Out.
Ich gehe zu meinem Kleiderschrank, wähle mit Bedacht und seinen Worten im Hinterkopf die Stücke aus, die ich heute tragen will, schlüpfe hinein, bürste meine Haare, setze mich an meinen Schminktisch und mache mich fertig für meinen Tag. Als ich fertig bin, grinst mich aus meinem Spiegel hämisch das Clownsgesicht an, das ich mir aufgelegt habe – geschickt betonte Augen, helle Haut, Contouring, das meinem Gesicht eine unheimlich knochige Silhouette verleiht, ein grinsender roter Mund. Er hatte Recht: Wenn ich so rumlaufe, wird niemand meine Traurigkeit sehen. Niemals. Probeweise strecke ich die Rechte, zur Faust geballt, in die Luft, und beobachte die mittlerweile deutlich sichtbaren Muskeln in meinen Armen, die sich dabei anspannen. Ich trage ein enganliegendes schwarzes Muskelshirt, darunter eine schwarze Cargo-Hose und Springerstiefel, ebenfalls schwarz. Mein furchtbar schwangerer, fetter Bauch wölbt sich vorne über der Hose, doch meine Seiten sind schmal wie immer, sodass ich gut an die Pistolenholster komme, die ich mir an beide Seiten geschnallt habe. Ein letzter prüfender Blick in den Spiegel – ich bin weg. Meine Schultasche nehme ich heute nicht mit.

Als ich das Klassenzimmer betrete, bricht der übliche Radau los, das übliche Geschrei und Geläster, sie wollen gar nicht, dass ich sie nicht höre, wenn sie auf eine Weise flüstern, die lauter ist als jedes Rufen: „Was hat sie denn da wieder an?“ „Lianne und ihr Make-Up, ist ja der Hammer.“ „Dass die tatsächlich jemand geschwängert hat, ich fass es ja gar nicht.“ Letzteres kam von David. Von David. Vielleicht bin ich zu sentimental, aber ich erinnere mich an das Gefühl von seinem Körper auf meinem, seine Zunge in meinem Mund, seinem Glied in mir, an die Hitze, die er ausstrahlte, wie er mich warm gehalten hat, bevor ich die erste Pistole ziehe und ihm ins Gesicht schieße.
Auf einmal sind sie alle nur noch Panik und Rumgerenne und Brüllen. Aber ich brülle lauter.
„SETZT EUCH VERDAMMT NOCHMAL HIN! IHR ALLE! SONST KNALL ICH JEDEN VERFICKTEN ARSCHKOPF VON EUCH AB!“
Jähe Stille, Stühlerücken. Ich atme tief durch.
„Guten Morgen, liebe – „, ertönt die Stimme unseres Klassenlehrers von der Tür, munter schreitet er zum Lehrerpult, mit Schwung stellt er seine Ledertasche darauf, bis – ja, bis er mich bemerkt, und da ist es zu spät, um noch abzuhauen.
„Lianne, was tust du da?“, fragt er entgeistert, durch sein Gesicht rattern alle ihm bekannten Episoden dieser Serie, von Columbine bis Winnenden. „Lianne, wir können doch über alles reden…“
„Das ist ja eine prima Idee,“ antworte ich leichthin, während ich auf ihn ziele. „Reden wir doch über das erste Mal, dass Sie mir das angeboten haben. Darüber, wie Sie mich damals mit den Augen ausgezogen haben, während ich Ihnen mein Herz ausgeschüttet habe und vielleicht auch darüber, wie Sie jede. verdammte. Aussage. von. mir. in der nächsten Schulstunde vor der Klasse angesprochen haben.“
Er windet sich, man kann es richtig sehen. Wie eine Schlange, der man auf den Schwanz tritt. Auf seinem bleichen, nichtssagenden Gesicht erscheinen rote Flecken. Er ist groß, dürr und arbeitet in seiner Freizeit am Schöffengericht. Ich bin mir sicher, er stellt sich gerne vor, er wäre ein wenig wie Goethe – ein genialer Kenner der deutschen Sprache und gleichzeitig ein unbestechlicher Jurist. Ebenso wie Goethe würde er jederzeit dafür stimmen, eine Frau zum Tode zu verurteilen, die ihr eigenes Kind aus Angst vor gesellschaftlichem Druck tötet, um dann ein Buch über ihre verzweifelte Lage zu schreiben, in dem er sich sehr verständnisvoll zeigt.
„Lianne, dir wurde sicherlich Schlimmes angetan,“ fängt er an, und vor meinen Augen sehe ich nur einen Mehlwurm, der sich vor der Sonne versteckt, sich windet, windet… Ich kann das einfach nicht ernst nehmen. Ich habe ihn zu oft erlebt, wie er wirklich ist – ein unscheinbarer Mehlwurm zwar, aber einer, der sich wie die Bienenkönigin aufführt. Wie oft hat er Leute durch Prüfungen rasseln lassen, jemandem auf irgendeine Hausarbeit oder ein Referat eine 5 oder 6 gegeben (ich erinnere mich genau daran, wie er in der 5. Klasse aktiv für das Durchfallen eines Klassenkameraden gesorgt hat – wir sollten in Heimarbeit ein Rätsel erstellen; der hat ein kleines Computerspiel programmiert, und an einer Stelle kam eine Frage über ein Buch, das wir im Unterricht gelesen hatten, „Die Stadt der träumenden Bücher“ von Walter Moers, auf die es zwei Antwortmöglichkeiten gab: die Richtige und „Adolf im Bonker“ (ein anderes Werk von Moers). Wählte man die zweite, hatte man verloren. Der werte Herr Lehrer allerdings zettelte einen Aufstand auf, dass der Schüler rechtsradikal und besorgniserregend sei und dringend von der Schule fliegen müsse – was er erreicht hat, ist, dass der Junge die Klasse wiederholen musste, weil er im Fach Deutsch eine 6 gekriegt hat).
„Bilden Sie sich ja nichts ein, ein menschliches Nichts wie Sie kann jemandem wie mir nichts Schlimmes antun,“ erkläre ich und schieße dem Klassenlehrer eine Kugel durch den Kopf. Er guckt kurz blöd, dann sackt er über dem Pult zusammen, von dem aus er mich so oft blöd angeschaut hat. Von der Klasse kommt etwas wie ein Stöhnen.
„Na gut, wer ist der Nächste?“, witzele ich. Keiner lacht. Zu tragisch, ich habe gerade einen Lauf, ich fand mich selbst noch nie so komisch wie heute. Zur allgemeinen Aufmunterung schieße ich Mark, dem Klassenstreber, ins Gesicht. Statt dem üblichen Applaus, wenn er eins in die Fresse kriegt, folgen ein paar kleine Aufschreie von den üblichen Mädchen, also von denen, die damals schon geheult haben, als unser Zug auf Klassenfahrt einen überrollt hat, der sich davor gelegt hatte, und ein allgemeines Seufzen.
„Nicht lustig?“, unke ich. „Passt auf, ich weiß was, das lustig ist: Ein kleines Kind ruft: ‚Mami, im Piranha-Becken schwimmt ein Skelett! Mami! Mamiii! Maaaamiiii?'“
Keiner lacht. Ich schieße zwischen Nadesha und Wladimir in den Boden. Die beiden zucken zusammen, als hätte es sie erwischt, und wenigstens lache ich, muss so dermaßen lachen, dass ich weiß, mein Make-Up verläuft. Wie oft habe ich mir darum Sorgen gemacht. Heute nicht.
„Ich habe noch einen,“ fahre ich fort. „Sitzen zwei Kühe auf einer Telegrafenleitung. Fällt die eine runter. Sagt die andere: Gott sei Dank kann mir das nicht passieren, mein Vater hat eine Imbissbude.“ Nacheinander schwenke ich den Lauf meiner Pistole auf meine Klassenkameraden, sie funktioniert wie ein Marker – kaum habe ich jemanden im Visier, lacht er. Zufrieden grinse ich alle an.
„Jetzt hätte ich Lust auf eine Quiz-Show,“ verkünde ich. „Wenn die folgenden Kandidaten bitte nach vorn an die Tafel kommen könnten: Kevin, Marleen, Christopher, Christine, Katja, Stephan, Lene.“
Sie zögern. Sie wissen genau, dass ich weiß, dass sie die großen Lästerer aus der Klasse sind. Um sie zu ermutigen schieße ich direkt neben Lenes Kopf ein Loch in die Wand. Da kommen sie alle folgsam nach vorn, ohne Trödeln jetzt.
„Na, geht doch!“, frohlocke ich. „Stellt euch bitte jetzt folgende Aufgabe: Wer ist alles von eurem Gemache angekotzt? Eure Antworten schreibt ihr an die Tafel.“
Noch ehe sie jeder ihre Kreide in der Hand haben, schieße ich sie tot. Es macht mir sogar ein bisschen Freude.
„Ja, gut… Der Rest von euch ist mir eigentlich wurscht. Aber wenn mir auch nur einer zu nahe kommt, knall ich ihn ab, ist das klar?“, will ich vom Rest der Klasse wissen. Sie nicken stumm.
Vom Fenster her ertönt Klatschen. Ich schaue mich überrascht um. Dort, auf dem Fensterbrett vor dem offenen Fenster, sitzt Andrew Kehoe-Steinhäuser, mein Hamster, und applaudiert aus vollem Herzen.
„Wunderbar,“ sagt er, „das hast du ganz wunderbar gemacht. Aber jetzt komm mit, die Bullen stehen überall um die Schule rum. Ohne meine Hilfe wirst du hier nicht mehr rauskommen.“
Ein letztes Mal grinse ich meine Klasse durch mein Gesicht an, das schon von sich aus lächelt, schlage zum allgemeinen Amusement ein Rad, dann bin ich bei Andrew auf dem Fensterbrett und mit ihm hinaus, fort, in die Büsche, weit weg.

1000 Namen Du / Tes Mille Noms / You, you, you *

Vor dir war in mir nur Chaos
Tausend Stimmen ohne Klang
und ohne Sprache, lediglich
ein nonverbales Zerren an mir
ein Ziehen aus und in tausend Richtungen
Sehnsucht und Zerrissenheit, einzige Gewissheit:
So wie es ist, ist es falsch –
Das wusste ich und sonst nichts.

Dann hast du mich gefunden
Du hättest jemanden
um Hilfe schreien hören
meintest du und verwundert
stand ich da, einen Fuß
noch auf dem Brückengeländer
schüttelte den Kopf:
Ich war’s nicht.
„Doch, ganz bestimmt,“
insistiertest du, „du
tust es ja jetzt noch.“
Und zum ersten Mal
hörte ich hin, mir zu,
und verstand.
Aus dem Zerren und Stoßen
das mich an den Abgrund
bewegt hatte, der sich vor mir auftat,
wurden Laute, wurden Worte, die sich
zu Sätzen aufreihten, ich öffnete den Mund
und sie flossen hinaus in einem Schwall
als der Gletscher in mir aufbrach.
Deine Wärme, die deiner Arme um mich
und deines Atems auf meinem Gesicht
als du flüstertest:
„Ich kann dich verstehen.“
drangen durch die dickste Eisschicht
schmolzen die dichteste Schneedecke
Und in meiner Seele wurde es Sommer.

Sprechen, bei dir, mit dir kann ich
endlich sprechen, auf einmal habe ich
Worte, die richtigen, wichtige
Tausend Stimmen entströmen mir
Und jede ist meine eigene
Jede hat ihre eigene Sprache
ihren höchsteigenen Charakter
und ihren eigenen Ausdruck;

– Zum ersten Mal wird mir klar
wie viele ich bin, und wie viel
und mit dieser Erkenntnis kommt
das Bewusstsein, paradox doch wahr,
nun endlich Eins zu sein. –

„Sprich weiter,“ sagst du
und das tue ich.

Je parle à toi
avec la voix de ma peur
Elle es petite, tremblante
„Désolée,“ elle dit timidement
„Mais il faut que tu
me serres dans tes bras
Je dois m’accrocher à quelqu’un
Sinon je pourrais me perdre
ou tomber; ou même mourir –
on ne sait jamais.“

I talk to you
with the voices of my memories
Some of which are loud and gay
Some are quiet and a little shy
Some full of rage, anger, sadness
– maybe even hatred – they howl
and scream, they leave us in tears
While others are loaded with laughter
and happiness and when they speak
you can tell they’re smiling.

Ich spreche zu dir
mit der Stimme meines Herzens
(das ist das Schwerste
selbst dir gegenüber)
Sie spricht von der Liebe
(natürlich)
die sie empfindet für den
der ihren Hilferuf vernommen hat
und der ihr jetzt gerade zuhört
Sie erzählt von tiefer Freundschaft
von der Nähe zwischen verwandten Seelen
und von der körperlichen Vereinigung
die mit der geistigen Intimität
so oft Hand in Hand geht und die
erst dann perfekt ist, wenn man
mit ihr keine Leere füllt,
keinen eigenen Mangel auszugleichen sucht
wenn sie nicht ersehnt wird
weil man alleine nicht ganz ist
sondern weil man selbst so viel ist
dass man etwas von sich hergeben
sich hingeben kann, dann passiert
das Wichtigste an der Liebe
– das Glücklichsein und Glücklichmachen –
ganz von alleine.
„Spürst du mich schlagen?,“ fragt sie dich
„Das bedeutet, ich bin am Leben
und ich lie-be, lie-be, lie-be das Leben.“

Tout à coup, la voix de la prudence parle
mais elle ne s’adresse pas à toi
elle parle à moi-même:
„Parler avec tous ces voix
surtout avec celle de l’amour
c’est pas très sage, au contraire
c’est une veritable ânerie, et dangereux
Le risque d’être blessé s’améliore grâvement
quand on se présente comme vulnérable.
Si c’était à moi de décider
on n’avait pas commencé à parler avant toute chose
et on n’en commencerait jamais.“

Neither of us can answer to Prudence
afore another voice of mine takes the floor:
„Hey, I remember you
– I remember everything –
You may call yourself ‚Prudence‘
right now and I do know you
use many different names
to get your way –
‚cautiousness‘, ‚thoughtfulness‘,
’sanity‘, even ‚reason‘ –
but I fathom you’re only ‚Peur‘ –
– good ol‘ Fear in disguise.“

Und irgendwann habe ich
dir alles gesagt, was es
für den Moment zu sagen gibt;
Also schaue ich dich abwartend an
schweigend nun, mache ich mir
ein Bild von dir, präge mir dich ein
in allen Einzelheiten, um dich ab jetzt
immer mit mir herumtragen zu können
Ich ergründe deine schwarzen Augen
den Verstand und Schalk, der in ihnen funkelt
und die Traurigkeit, die trotzdem
nie ganz aus ihnen verschwindet
Ich betrachte deine breiten Schultern
denen man ansieht, dass auf ihnen
manchmal das Gewicht der ganzen Welt lastet
Die muskulösen Arme, mit denen du
mich umfangen hast, als ich ihren Schutz brauchte
und auf denen du mich trugst, wenn ich müde war
Ich erfasse die Verletzungen
die dein Leben dir zugefügt hat
all die sichtbaren und unsichtbaren Narben
Und sehe die Verwundbarkeit in deinem Gesicht
Ich erkenne, dass auch du alleine warst
einsam und dir die Worte gefehlt haben
Und trotz aller Widrigkeiten
hast du dich durchgekämpft
Ich spüre deine Stärke, unbändig, ungebrochen
Die Macht deines Willens,
deiner Gedanken und Gefühle
würde mich taumeln machen, hieltest du mich nicht.

Und auf einmal begreife ich:
Du hast mich um Hilfe rufen gehört
weil wir die selbe Sprache sprechen.

Du bist wie ich.

„Gut,“ ich lächle dich an
„ich bin für’s Erste fertig mit Reden.
Du bist dran.“

Du erwiderst mein Lächeln
ein Strahlen auf deinen Lippen
und in dem Blick, mit dem du
den meinen ergreifst und festhältst.

Dann sprichst du.


* Christian
Christian Georg
Clara Maria
Helena Patricia Georgia
Jan Heiko
Philip Siegfried
Thomas
Thorsten Philipp
Vincent Bastien
+ 991

Ode an den Mond aus Toast

Ich weiß, wer ihn gebacken hat und ich kenne
die kleinen Fehler, die sie eingebaut haben
Dort ist eine kleine Unregelmäßigkeit, da ist
eine Luftblase, die keiner geplant hatte, jedoch
finde ich persönlich ihn gerade richtig, wie er
eben nun einmal ist, nicht nur richtig, perfekt
Denn er scheint und ist weich und auch sehr
lecker, die Konsistenz ist genau, wie sie sein
sollte und die Lumineszenz ist optimal, eben
alles genau so, wie man es von einem Mond
aus Toast erwartet, den man nicht nur fürs Licht
braucht sondern auch zum Liebhaben, einen
den man von der Schlafzimmerdecke oder
vom Himmel holen will um ihn mit ins Bett
zu nehmen und durchzuknuddeln und da, bei
sich zu behalten, ich meine wer braucht so einen
nicht, so einen Mond aus Toast, nachts als Trost
der leuchtet und leuchtet, bis alle Dunkelheit weg
einfach weg ist, und tags als Gefährte, den jeder
unbedingt kennen lernen will, man ist der Coolste
auf jeder Party mit einem Mond aus Toast.

Und selbst wenn man ihn mal nicht sehen kann
weil Neutoastmond ist oder er sich versteckt
weiß man doch er ist da, immer da, und geht
nicht weg, zumindest hofft man das, also ich
ich hoffe das.

Celestine

Erster Teil: Sommer

Es musste kurz nach der Fertigstellung der Zeitmaschine gewesen sein, als Benjamin zum ersten Mal klar wurde, dass er verliebt war. Verliebt wie ein Teenager, samt Schmetterlingen, die wild in seinem Bauch herumflatterten und dazu führten, dass er kaum noch Hunger hatte, wirrem Kopf, der zu nichts mehr zu gebrauchen zu sein schien (zum Glück war er mit der Zeitmaschine fertig), und in dem die Gedanken sich um nichts anderes drehten als um das Eine, nein, die Eine, die Einzige, Sie: Celestine Adalie Bint Sinā.

Benjamin kannte Celestine schon seit der Grundschule, die beiden waren fast nebeneinander aufgewachsen, aufs gleiche Gymnasium gegangen, und ihre Wege hatten sich erst kurz nach dem Abitur getrennt, als Benjamin nach Freiburg gegangen war, um Physik zu studieren, während Celestine in Zürich Philosophie mit Nebenfach Rechtswissenschaften studierte. Vor etwas über einem halben Jahr hatten sie sich auf einem Klassentreffen wieder gesehen und sich danach ein paar Mal verabredet, zumindest bis Benjamin beschloss, dass er lieber seine ganze Aufmerksamkeit für seine Forschung aufwenden und all seine Kraft in die Entwicklung der Zeitmaschine stecken wollte. Wenn er die fertig hatte, scherzte er damals gegenüber Celestine, war es ja eh egal, dass er jetzt erstmal keine Zeit hätte – sein zukünftiges Ich könne sie dann ja oft genug besuchen. Ein bisschen wehmütig hatte Celestine gelacht und zugestimmt. Seit diesem Mal hatte Benjamin sie nicht mehr gesehen und auch nicht viel von ihr gehört – wobei er es eh nicht mitbekommen hätte, wenn sie sich öfter gemeldet hätte, er steckte wirklich bis über beide Ohren in der Arbeit.

Aber jetzt, wo er mit der Arbeit fertig war, da war er, unerklärlich und wunderbar, verliebt in sie. War er es vorher schon gewesen und nur zu beschäftigt, um es zu bemerken? Oder war das Gefühl neu? Das konnte er nicht beantworten. Was er wusste war, dass er sich bei Celestine melden musste, sofort. Hoffentlich war sie nicht sauer auf ihn, weil er damals der Arbeit den Vorzug gegeben hatte. Er erinnerte sich an ein Treffen, bei dem sie miteinander geschlafen hatten, nicht zum ersten Mal, und sie, noch nackt in dem zerwühlten Bett, zu ihm, der er sich bereits anzog, sagte: „Du könntest genauso gut vergeben sein und mich hier als kleine Ablenkung zwischendurch hernehmen, denn ich werde dich an deine Physik verlieren, wie ich dich irgendwann an eine Ehefrau verlieren würde.“ Besonders glücklich hatte sie nicht geklungen.

Ja, vielleicht war sie sauer auf ihn. Schon gut möglich. Aber er würde es irgendwie wieder gut machen, schwor er sich. Zuerst einmal würde er sie anrufen. Schnell hatte er ihre Nummer in seinem Smartphone gefunden und wählte „Anrufen“.

Das Freizeichen ertönte, dann die übliche weibliche Computerstimme: „Diese Rufnummer ist uns nicht bekannt.“

Komisch. Er legte auf. Warum hatte sie sich eine neue Nummer zugelegt? Sie hatte doch vor einem halben Jahr erst ein neues Handy gehabt, das neueste und leistungsstärkste Modell, das der Markt zu bieten hatte und viel schneller als seine alte Gurke, wie sie ihm unter die Nase rieb. Er konnte sich genau an dieses Gespräch erinnern, das bildete er sich nicht ein. Also warum ging die Nummer nicht? Und was sollte er jetzt machen, beziehungsweise: was konnte er jetzt machen?

Stand Celestine im Telefonbuch? Wahrscheinlich nicht. Sie war Dozentin an der Uni und konnte sicher getrost darauf verzichten, Tag und Nacht von verzweifelten Studenten rausgeklingelt zu werden, die nochmal hören wollten, was jetzt genau in der Klausur dran kam. Davon abgesehen – Telefonbuch? In welchem Jahrhundert lebte sein Kopf genau? Wieso schaute er nicht einfach auf ihrer Facebook-Seite nach und hinterließ ihr dort eine private Nachricht? Na bitte, das klang schon besser.

Benjamin klappte seinen Laptop auf (das heißt auch nicht mehr „Laptop“, das heißt jetzt „Notebook“, nörgelte die innere Stimme, die sich schon über seine Idee mit dem Telefonbuch mokiert hatte), öffnete den Browser und rief Facebook auf. Wenig später hatte er Celestine gefunden. Sie war immer noch in seiner Freundesliste. Ein gutes Zeichen? Oder hatte das nichts zu bedeuten bei jemandem, der über 50 gemeinsame Freunde mit ihm hatte, wie sein Gsichtsbuch ihn informierte?

Moment… Da stimmte was nicht. Er hielt inne. Ja, das war Celestines Seite, da stand ihr Name: Celestine A. B. Sinā, und vom Profilbild sahen ihn unzweifelhaft Celestines Augen leicht kritisch an. Nur war ihr Profil kein normales Profil mehr. Oben quer über der Seite stand: „In Erinnerung an Celestine Bint Sinā“. Und darunter, etwas kleiner: „Liebe Freunde von Celestine, wir fanden es zu schrecklich, Celestines Profil komplett zu löschen, deshalb haben wir hier so etwas wie eine Gedenk-Seite draus gemacht. Sie fehlt uns allen.“

Benjamin fühlte sich, als hätte jemand ihm mit voller Kraft ins Gesicht geschlagen. Wie erstarrt blickte er auf den Bildschirm, auf die angezeigte Seite, die ihm gerade so nebenbei mitgeteilt hatte, dass die Frau, die er liebte, tot war.

Was war passiert?

Celestine war nicht einmal 30 gewesen. Und vollkommen gesund, als er sie das letzte Mal gesehen hatte. Vor höchstens 6 Monaten. Also – was war passiert?

Er musste es wissen. Zuerst durchforstete er die Pinnwand des Profils nach Einträgen von Personen, die er irgendwoher kannte. Nichts. Dann entdeckte er, dass unter „Informationen“ Familienangehörige von Celestine angegeben waren, darunter ihre Schwester Minou, die er zumindest früher gekannt hatte. Benjamin hatte Sorge, dass Minou sich entweder nicht an ihn erinnerte oder nicht einfach so mit ihm reden würde, und dass er bei ihr vielleicht Gefühle aufwirbeln könnte, die sie wohlweislich begraben hatte, wenn er sie nach Celestine fragte. Das tat ihm jetzt schon leid, änderte aber nichts daran, dass er es tun würde.

Trotz Benjamins Befürchtungen meldete sich Minou auf die Nachricht, die er ihr über Facebook geschickt hatte, gab ihm Antworten auf seine Fragen und erkundigte sich sehr nett nach ihm. Jetzt war er schlauer, aber auch noch verzweifelter.

Celestine hatte sich umgebracht, das war passiert. Sie war auf ihren Dachboden gegangen und dann hatte sie ein Seil über einen der Dachsparren geworfen, war hinaufgeklettert und dann, mit der Schlinge des Seils um ihren Hals, gesprungen. Sie hatte sich erhängt. Ziemlich kurz nachdem er ihr verkündet hatte, dass er sich jetzt erstmal nur noch um seine Arbeit kümmern wollte und, aus ihrer Sicht zumindest, in der Versenkung verschwunden war.

Plötzlich ergab sich ein vollkommen neues Bild aus seinen Erinnerungen an sie.

Wusstest du, dass ich mal verliebt in dich war, damals in der Schule?“, hatte sie ihn am Abend des Klassentreffens gefragt, als sie sich vor der Tür eine Zigarette teilten.

Und ein paar Wochen später, als sie nackt in seinem Arm lag, wohlig an ihn gekuschelt, mit schon ziemlich schläfriger Stimme: „Ich glaube, ich liebe dich immernoch.“ Er war irgendwie vor den Kopf gestoßen gewesen, bis sie ihm am nächsten Tag lachend erklärt hatte, das sei bestimmt nicht an ihn gerichtet gewesen, sie wäre da schon am Träumen gewesen. Und er Esel hatte ihr das geglaubt. Unfassbar.

Oh Gott. Hatte Celestine sich seinetwegen umgebracht?

Nimm dich nicht so wichtig, Schöner,“ hörte er ihre leicht rauchige Stimme in seinem Kopf, und dann ihr Lachen, ein bisschen spöttisch, aber nicht bösartig. Vielleicht nahm er sich gerade zu wichtig, das konnte schon sein… Vielleicht war aber auch etwas dran. Jedenfalls bekam er den Gedanken nicht mehr aus dem Kopf.

Und außerdem war zweitrangig, warum sie es getan hatte, wirklich wichtig war nur: Benjamin konnte sie davon abhalten. Konnte nicht nur – musste. Wenn das kein Grund war, seine neu fertiggestellte Zeitmaschine zu benutzen, fiel ihm keiner ein. Er musste sie noch feinjustieren und nachprüfen, ob sie genug Kühlflüssigkeit, Motorenöl und Benzin hatte (sie funktionierte auch mit E10, aber Benjamin hatte ein bisschen Sorge um die Langlebigkeit der Motordichtungen). Dann konnte es losgehen. Er war fest entschlossen, Celestine vom Suizid abzuhalten, aus welchem Grund sie ihn nun begangen hatte, und aus ihr wieder die lebenslustige Person zu machen, als die er sie so lange gekannt hatte.

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Zweiter Teil: Winter

Benjamin kam gerade von einem Wochenende mit Celestine, und kaum, dass die Haustür hinter ihm ins Schloss gefallen war, hatte er schon das Gefühl, mit jeder weiteren verstreichenden Sekunde Arbeitszeit zu verschwenden. Deshalb warf er seinen Koffer und seinen Mantel achtlos in den Flur und eilte gleich als Erstes in seine Werkstatt im Keller. Er riss die Werkstatttür auf, mit einem langen Schritt war er im Raum, mit dem zweiten an der Werkbank und mit dem dritten –

er erstarrte mitten in der Bewegung. An dem Schreibtisch an der entgegengesetzten Seite des großen Raumes saß jemand und wartete auf ihn. Als die Person aufstand und in das fast blendend helle Licht der Lampen über Werkbank und Arbeitsfläche trat, sah Benjamin, dass sie nicht einfach jemand war, sondern – er. Die Kniee gaben unter ihm nach, er hielt sich an der nächstbesten Kante fest.

Oh du liebe Zeit. Oh mein… Oh du… Himmel,“ brachte er heraus. Dann, als die Stimme langsam wieder funktionierte: „Ist das der HAMMER, ich habe es also wirklich geschafft!“

Gleichzeitig wollte er auf den zugehen, der nur sein zukünftiges Ich sein konnte, um ihn überschwänglich in den Arm zu nehmen, aber bevor er ganz bei ihm angekommen war, hatte er dessen Faust im Gesicht, und bevor er überhaupt realisierte, was passierte, lag er ausgestreckt auf dem Boden seiner Werkstatt und blutete die Fliesen voll.

Du dummes Arschloch,“ sagte der Zukunfts-Benjamin seltsam ruhig, als mache er eine einfache Feststellung oder vielleicht eine Bemerkung über das Wetter. Das machte Benjamin wiederum eine Scheißangst, weil er wusste, dass er nur so sprach, wenn er furchtbar wütend oder wirklich verzweifelt oder beides war. Was hatte er falsch gemacht? Worüber könnte der Typ sich so aufregen? Tausend Dinge rasten ihm durch den Kopf, alle betrafen Feinheiten in der Konstruktion der Zeitmaschine, deren Blaupausen mittlerweile ausgereift genug waren, sodass er schon bald in die Bauphase übergehen konnte.

Was…“, setzte er an, wobei ihm Blut aus der Nase in den Mund lief, doch Zukunfts-Benjamin unterbrach ihn sofort, noch immer in diesem furchtbaren Plauderton.

Hast du eigentlich mal eine Sekunde darüber nachgedacht, wie es Celestine damit geht, dass du sie anrufst und dich mit ihr verabredet, wenn es dir gerade in den Kram passt, sie dann vögelst, noch ein bisschen auf guter Freund machst und sie dann gedanklich wieder in der Schublade verstaust, in der du sie real life auch gerne hättest, um dich wichtigeren Dingen zu widmen?“

Celes… Was? Was willst du jetzt mit Celestine? Und kann ich erstmal aufstehen, ohne dass du mir gleich eine klebst, bevor wir das Verhör fortsetzen, hä, BENJAMIN?“, antwortete er, vollkommen verdattert und gleichzeitig zunehmend ärgerlich.

Ich war bei ihr,“ meinte Zukunfts-Benjamin leichthin. „In zwei Monaten.“

Ja, und?“, wollte Benjamin wissen. „Worauf willst du zum Teufel nochmal hinaus?“

Das war kurz vor ihrem Suizid,“ sagte Zukunfts-Benjamin, und jetzt hatte seine Stimme ganz offen etwas Drohendes.

Wie, Suizid?“ Benjamin war sich kurz nicht sicher, ob er träumte oder unter Halluzinationen litt. Vielleicht das LSD neulich..?

Suizid. SELBST-MORD.“ Zukunfts-Benjamin betonte jede Silbe als handele es sich um zwei Wörter. „In ihren Augen hat man es schon gesehen. Sie hatte sich noch kein Härchen gekrümmt, aber sie war schon halb drüben, auf der anderen Seite. Verstehst du? Ihre Augen waren schon tot.“

Benjamin fiel es plötzlich wie Schuppen von den Augen. Wie hatte er sich selbst so falsch einschätzen können? Sein Zukunfts-Ich klang nicht wütend oder drohend. Der Mann versuchte mit aller Kraft, nicht in Tränen auszubrechen.

Aber… Ich weiß nicht, was du meinst,“ stotterte er. „Celestine hat sich nicht… Aah, ich bin schon ganz durcheinander. Celestine wird sich nicht umbringen. Ihr geht es gut.“

Ach ja?,“ versetzte Zukunfts-Benjamin. „Da sagt dieser Screenshot von ihrer Facebook-Seite aber etwas anderes.“ Gleichzeitig hielt er seinem Gegenwarts-Ich ein Smartphone mit schwarzem Bildschirm unter die Nase.

Ach ja?,“ machte Benjamin ihn nach. „Ich sehe da gar nichts.“

Willst du mich –„ fing Zukunfts-Benjamin an, dann warf er selbst einen Blick auf das Phone, drückte ein paar Mal an verschiedenen Stellen daran herum und steckte es dann mit einer ärgerlichen (oder verzweifelten und deshalb etwas fahrigen) Bewegung in seine Hosentasche. „Das Scheißteil funktioniert nicht. Wahrscheinlich, weil es noch nicht erfunden wurde. Grad eben, in zwei Monaten, läuft es einwandfrei. So ein Scheiß…“

Moment mal,“ meinte Benjamin, „ich glaube dir ja auch so, aber tu mir den Gefallen und erzähl mir, was passiert ist und wieso – und erlaub mir endlich, mich irgendwo hinzusetzen.“

Ok, meinetwegen, setz dich, wohin du willst. Aber wenn ich den Eindruck habe, du hörst mir nicht gescheit zu oder nimmst nicht ernst, was ich sage, oder unterbrichst mich zu oft, dann setzt es was. Dann schepper ich dir noch ein paar.“

Jaja, ist schon gut. Ich höre zu…“ Benjamin stand vorsichtig auf, ging zu einem Hocker, der vor der Werkbank stand und ließ sich darauf nieder. Zu hart hatte sein Zukunfts-Ich ihn nicht getroffen, die Nase blutete schon nicht mehr.

Gut.“ Der Benjamin aus der Zukunft ließ sich seinerseits wieder auf den Bürostuhl am Schreibtisch fallen und drehte ihn so, dass sie sich anschauten. „Also: in zwei Monaten wird Celestine sich umbringen. Sie wird sich erhängen. Den Grund nennt sie ‚die Philosophen-Krankheit‘, Psychiater sagen einfach ‚Depressionen‘ dazu. Ah-ah, halt den Mund. Ich weiß, dass du jetzt fragen wolltest, was wir dann damit zu tun haben, obwohl das eine verdammte Frechheit ist, wenn man bedenkt, was du regelmäßig mit ihr veranstaltest. Ah, schon wieder – halt den Mund. Hältst du mich für bescheuert? Ich kann mich doch wohl noch an mein Sexleben von vor einem halben Jahr erinnern!“

Ein drittes Mal machte Benjamin den Mund auf, um etwas zu sagen, und schloss ihn dann von selbst, bevor sein Zukunfts-Ich ihn zurechtweisen konnte. Wenn Celestine in so kurzer Zukunft wirklich tot war, dann gab es wenig, was er gerade Sinnvolles zu dem Gespräch beisteuern könnte.

Sie war ehrlich zu mir,“ fuhr Zukunfts-Benjamin fort, „wahrscheinlich, weil es ihr einfach schon egal war. Sie meinte, dass sie schon seit gefühlten Ewigkeiten an Depressionen leidet. Mich zu verlieren, so sagte sie, sei nur der Tropfen gewesen, der ein lange volles Fass zum Überlaufen gebracht hätte. Dass es irgendwann überlaufen würde, stünde außer Frage. Wenn ich es nicht gewesen wäre und meine Art, mit ihr umzugehen, wäre es jemand oder etwas anderes gewesen. Vielleicht der nächste Artikel zur #metoo-Debatte, vielleicht eine unfreundliche Verkäuferin bei H&M…“

Jetzt unterbrach Benjamin ihn doch. „Was bitte ist #metoo?“

Genervt machte Zukunfts-Benjamin eine Bewegung, als wische er die Frage weg. „Ist doch vollkommen egal, erfährst du auch noch früh genug. Jedenfalls versicherte Celestine mir, dass sie mit oder ohne mich, dich, uns, wie auch immer, suizidal geworden wäre. Irgendetwas wäre passiert, und sie hätte endgültig die Schnauze voll gehabt und es endlich durchgezogen. Ihre Worte, nicht meine. Ob ich ihr glaube oder nicht, spielt keine Rolle. Celestine meinte, sie hätte schon immer unter Depressionen gelitten, oder zumindest den Großteil ihres Lebens, früher oder später hätte es ihr gelangt und das hätte sie auch schon immer irgendwie gewusst – mit Ausnahme von der Zeit, in der wir fast zusammen gekommen wären. Ein paar Wochen hätte sie das Gefühl gehabt, dass sie vielleicht wirklich eine Chance haben könnte, dass sie, wenn ihr Leben sich weiter in eine Richtung entwickle, von der sie seit der Grundschule träumt, dann könnte sie eventuell heilen oder wenigstens deutlich gesünder werden. Das spielt eine Rolle. Das ist wichtig. In zwei Monaten konnte ich sie nicht retten, da war sie schon zu zerbrochen und zu entschlossen. Aber jetzt kann ich sie noch retten. Du hättest es auch gekonnt, aber du bist leider ein Vollidiot…“

Benjamin blieb stumm und schockiert sitzen und schaute sich selber in sechs Monaten ins Gesicht, kaum in der Lage, zu fassen, was er da hörte.

Zukunfts-Benjamin dagegen sprach weiter: „Folgendes wird jetzt passieren: du wirst Celestine in Ruhe lassen. Ich werde mich um sie kümmern und sie glücklich machen. Im Gegensatz zu dir Blödmann liebe ich sie nämlich.“

Benjamin löste sich aus seiner Erstarrung und protestierte.

Spinnst du? Du willst mir, also dir selbst die Frau ausspannen?“

Wenn du es so ausdrückst – ja. Du bist viel zu beschäftigt mit deiner Zeitmaschine, um zu merken, was dir entgeht.“

Das ist doch überhaupt nicht wahr…“ Benjamin unterbrach sich selbst. Oder war es wahr? Wenn in sechs Monaten die Zeitmaschine fertig, Celestine aber tot sein sollte, musste es wahr sein. „Fuck.“

Dann: „Fuck, was habe ich getan?“

Sein Zukunfts-Ich sah ihn abwartend an, während Benjamin sich die Haare raufte. Beiden kamen die Tränen, was wirklich selten war, bei jedem von ihnen.

Ich liebe sie auch,“ flüsterte Benjamin.

Wenn du das tätest,“ versetzte Zukunfts-Benjamin, „würdest du dich um sie kümmern. Du wärest gerade bei ihr, nicht in deiner Werkstatt.“

Vielleicht hast du Recht,“ wandte Benjamin ein. „Vielleicht sollte ich den Kram hier einfach Kram sein lassen und zu ihr gehen. Jetzt.“

Vielleicht solltest du das. Wirst du aber nicht. Ich kenne dich. Sie ist dir niemals wichtiger als die Zeitmaschine,“ seufzte Zukunfts-Benjamin.

Ist sie nicht? Okay, vielleicht wollte ich es nicht wahrhaben, gut möglich. Vielleicht war ich bis gerade eben so versessen darauf, meine Arbeit fertig zu kriegen, dass ich sie aus meinen Gedanken und Gefühlen gedrängt habe, bis ich es mir selbst geglaubt habe, dass sie nur ein Zeitvertreib, bestenfalls eine gute Freundin mit Vorzügen ist. Aber was glaubst du denn, warum du sie liebst, du großer schlauer Mann aus der Zukunft, hmm?“

Jetzt schwieg Zukunfts-Benjamin.

Dachte ich es mir,“ setzte Benjamin hinzu. „Du liebst sie, weil ich sie liebe, Schlaumeier. Ist dir vielleicht nicht sofort aufgefallen, aber spätestens als deine Zeitmaschine fertig war, hattest du genug Zeit zum Nachdenken – und da war sie, Celestine, in deinem Kopf, in deinem Herzen. Du nickst – es ist wahr. Ich werde nicht zulassen, dass sie sich etwas antut. Wenn ich ihre Chance bin, psychisch gesund zu werden, dann werde ich sie nicht im Stich lassen. Und selbst, wenn sie die Depressionen nicht vollständig los bekommt, lasse ich sie nicht alleine. Ich werde sie immer so glücklich machen wie ich kann, und das wird immer ausreichen, damit sie sich nicht das Leben nehmen will.“

Er sah auf und bemerkte, dass Zukunfts-Benjamin inzwischen vor ihm stand und ihm etwas hinhielt. Die Blaupausen für die Zeitmaschine.

Seine Hand zitterte leicht, aber er zögerte nicht, als er die Papiere entgegennahm.

Du weißt, was du zu tun hast?“, fragte Zukunfts-Benjamin.

Ja,“ antwortete Benjamin, „das weiß ich. Auch, wenn es anfangs ein bisschen weh tun wird, ich werde das Richtige tun.“

Zukunfts-Benjamin hielt Benjamin die Hand hin, die dieser ergriff, einmal fest drückte und schüttelte. Die beiden sahen einander in die gleichen Augen, danach wandte Benjamin sich ab, die Blaupausen in der einen Hand, ging zu dem Ofen, der im Winter seine Werkstatt heizte und den sein Zukunfts-Ich angefeuert haben musste, während er noch unterwegs war. Er entriegelte die Ofentür, zog sie auf und dann warf er die Baupläne für die erste Zeitmaschine der Welt, von der er jetzt sogar wusste, dass sie funktionieren würde, in das lodernde Feuer im Innern.

Er drehte sich schnell um, und da sah er Zukunfts-Benjamin, erst noch normal, dann wurde er langsam durchsichtig. Die beiden nickten einander zu. Schließlich war Zukunfts-Benjamin verschwunden und Benjamin stand alleine in der Werkstatt. Nachdenklich schloss er die Ofentür wieder, danach zog er sein Handy aus der Hosentasche, um Celestine anzurufen. Er würde ihr sagen, dass er sie liebte und dass er mit ihr zusammen sein wollte. Er würde ihr all das sagen, das er einmal versäumt hatte zu sagen bis es zu spät war, und das wahr war, obwohl er es bisher so gut vor sich selbst versteckt hatte. Aber zuerst würde er sie einfach fragen, was sie heute Abend so machte und ob sie etwas dagegen hätte, wenn er vorbeikäme.

Freizeichen. Tuten. Und endlich, endlich, als hätte er selbst erlebt, sie verloren zu haben, so lange kam es ihm vor – Celestines Stimme.