Der Irrtum

Anne

Mache ich ihn noch glücklich oder sind wir einander Automaten für mittelmäßige Bedürfnisbefriedigung geworden, könnte ein ausreichend gefüllter Kühlschrank mich ersetzen?

Seit diese Gedanken angefangen haben, bin ich empfindlich geworden. Ich beobachte ihn, analysiere all seine Handlungen, zerpflücke seine Aussagen auf der Suche nach Indizien für seine Gefühle und leide an der Problematik, dass man immer findet, was man gesucht hat – egal, ob es da war, bevor man begonnen hat, etwas auf eine bestimmte Fragestellung hin zu untersuchen. Schrödingers Beziehungsprobleme: Sobald man einen Gedanken über seinen Partner zu Ende gedacht hat, sieht man ihn überall bestätigt. Man könnte der glücklichsten Ehefrau der Welt die These einpflanzen, dass ihr Mann fremdgeht, und egal, ob er es tut oder nicht, die Hinweise darauf werden sich plötzlich häufen. Gemäß mittelalterlichem Verständnis von Recht würde so ein Initialverdacht schon reichen, um den mutmaßlichen Delinquenten ins Gefängnis zu werfen und zu foltern, bis er gesteht; denn entgegen landläufiger Auffassung war den Menschen damals sehr wohl bewusst, dass man keinen Unschuldigen foltern sollte – die Folter war so etwas wie die Strafe dafür, sich überhaupt verdächtig gemacht zu haben. Sich verdächtig zu machen, ist die erste Stufe von Schuld. Wussten Sie nicht? Danken Sie Foucault, nicht dem mit dem Pendel, dem mit der Philosophie über die Entwicklung von Strafen, Schuldverständnissen, Gerechtigkeit, Autor von Werken wie „Überwachen und Strafen“ oder „Wahnsinn und Gesellschaft“.

Also, ja, ich bin mir dessen bewusst, dass die Ergebnisse meiner Beobachtungen nicht viel mehr aussagen als: „Sie hat ihn beobachtet, wobei sie von vorneherein damit gerechnet hat, dass er nicht mehr glücklich sein könnte“. Ich weiß das. Fühlen tue ich leider etwas ganz anderes. Wenn man Angst hat, jemand könnte nicht mehr glücklich in der Beziehung mit einem sein, wirklich Angst, reagiert man sensibel auf alles, das vielleicht oder auch nicht darauf hindeutet, dass dem so sein könnte. Natürlich versucht man, vernünftig zu sein und immer auch eine mögliche andere Erklärung für dieses oder jenes Verhalten zu eruieren.

Etwa so:

Er kuschelt sich morgens nicht mehr an mich und macht mich damit halbwach genug, um zu spüren, dass er mir beim Schlafen zusieht.

Mögliche andere Erklärung: Er ist gerade furchtbar im Stress und etwas kaputt, sodass er so lange schläft, wie er irgendwie kann, und dann sofort aufsteht, um sich für die Arbeit fertig zu machen.

Er sagt mir nicht mehr, dass er mich liebt.

Mögliche andere Erklärung: Er denkt, dass ich weiß, dass er mich liebt.

Er geht öfter und länger mit Freunden weg als früher und nimmt mich nicht mit.

Mögliche andere Erklärung: Die Freunde haben Probleme, um die er sich kümmert. Oder: Er braucht einfach mal ein paar Wochen Abwechslung, will mal mit jemand anderem als mir reden, über Dinge, über die er mit mir nicht reden kann vielleicht.

Und so weiter, und so weiter. Mache ich mir etwas vor? Und wenn ja: Was mache ich mir vor – dass er nicht mehr glücklich ist oder dass er sehr wohl noch glücklich ist und es nur gerade weniger zeigt?

Fünf Jahre Beziehung klingt nach gar nicht so viel, ist aber genug Zeit, um eine Menge kaputt zu machen. In letzter Zeit fertige ich in meinem Kopf Listen davon an, was ich alles falsch gemacht, an welchen Stellen ich uns kaputt gemacht haben könnte. Fünf Jahre sind 3 mal 365 plus 2 mal 366 Tage, das sind eine Menge Chancen, Fehler zu machen.

Würde er mich nochmal heiraten, wenn er die Wahl hätte?

Wir drehen uns am Telefon im Kreis, meine beste Freundin und ich; seit Stunden wägen wir Für und Wider dessen ab, was gerade wirklich in meiner Beziehung passiert. Immer ist der Inhalt der Gleiche, als wären wir Personen in einem Film, die ihrer Rolle gemäß ihr Programm abspulen:

Ich: „Er hat mich seit Wochen nicht mehr angerührt. Also klar, ab und zu ein Begrüßungs- oder Abschiedskuss, aber wir schlafen nicht miteinander.“

Jenny: „Natürlich gilt sowas allgemein als schlechtes Zeichen, Anne, aber im Einzelfall muss es nicht zwingend bedeuten, dass mit euch etwas nicht in Ordnung ist; es kann bedeuten, dass in seinem sonstigen Leben etwas nicht in Ordnung ist. Vielleicht hat er Stress, das ist ein echter Libido-Killer…“

Ich: „Aber früher hatten wir auch ab und zu Stress, auf der Arbeit, im Studium, mit der Familie, und trotzdem haben wir miteinander geschlafen.“

Jenny: „Das kann ja gut sein, aber Beziehungen verändern sich, und das ist nichts Schlimmes. Du weißt selbst, dass man am Anfang einer Beziehung mehr Sex hat als ein paar Jahre später. Dafür macht man mehr andere Dinge zusammen.“

Ich: „Ja, das ist schon wahr… Ich weiß nicht, was ich glauben soll…“

Und da liegt das Problem: Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, ob er glücklich ist. Da kann ich noch so lange mit Dritten am Telefon rumlavieren. Fakt ist, der Einzige, der mir zuverlässig eine Antwort geben kann, ist er. Dass ich überhaupt so lange damit gewartet habe, ihn zu fragen, liegt nicht daran, dass ich dumm bin – es liegt daran, dass ich Angst vor seiner Antwort habe. Ganz einfach. Deshalb habe ich wochenlang versucht, mich für dieses Gespräch zu wappnen, habe versucht, mich irgendwie darauf einzustellen, dass das Schlimmstmögliche eintritt. Ich wollte mich nicht eiskalt erwischen lassen. Aber ich komme so nicht mehr weiter. Ich werde mit ihm reden müssen. Dafür gibt es keine Alternative. Heute Abend werde ich es angehen – mit ein oder zwei Gläsern Wein im Kopf, genug, um mutig genug zu sein, den Mund aufzukriegen, aber nicht so viel, dass ich unsachlich oder unvernünftig werde. Nicht, dass ich irgendwie so anfange:

„Schatz…“ (lall) „Du bumst mich nicht mehr, was soll das? Liebst du mich überhaupt noch?“ (hicks) „Jetzt sag halt was!“

Nein, nein. Ich werde ihm keine Vorwürfe machen, will ich auch gar nicht. Ich will von ihm wissen, ob meine Sorgen berechtigt sind oder ob ich rumspinne. Fertig.

Und ich merke gerade – auch, wenn ich die ganze Zeit versucht habe, mich auf das Übelste einzustellen, auf sowas kann man sich nicht einstellen. Egal, wie oft ich mir selbst die Option vor Augen gehalten habe, dass er mich verlässt, es wäre ein schrecklicher Schock und würde meine Welt aus den Angeln heben.

Ja, heute. Heute Abend kommt er von seiner Geschäftsreise zurück. Ich hoffe, er ist nicht zu erschöpft, aber ich muss es wissen. Ich muss mir endlich mal wieder sicher sein, was Sache ist in meinem Leben.


Marc

Mache ich sie noch glücklich? Oder bin ich für sie ein notwendiges Übel geworden, das mit ihr unter einem Dach lebt, langweilig aber passt schon? Würde sie mich mit einem anderen ersetzen, wenn sie die Wahl hätte, wenn sie ohne negative Konsequenzen Bäumchen wechsel dich spielen könnte?

Seit diese Gedanken angefangen haben, bin ich empfindlich geworden. Ich beobachte sie, ich achte darauf, wie sie mit mir umgeht, ich registriere jeden Blick, den sie mir zuwirft, suche die Liebe darin und finde nur Misstrauen oder Distanz, entweder sie mustert mich forschend, als dächte sie darüber nach, was sie mit mir überhaupt noch anfangen soll oder als sei sie schlicht weit weg, schotte sich gegen mich ab. Ich achte darauf, wie oft sie mich berührt, mir im Vorübergehen über die Haare streicht, mir einen Kuss gibt oder mich in den Arm nimmt. Wie oft sie sich nachts im Bett an mich kuschelt und ihre Hand über meinen Körper wandert, wie oft sie überhaupt irgendeinen näheren Kontakt mit mir initiiert. Und ich kann sagen, wie oft: fast nie. Ich habe den Eindruck, sie begehrt mich nicht mehr.

Nicht, dass sie zickig wäre oder Streit suchen würde. Sie ist nur wie nicht ganz da.

Natürlich kann das auch andere Ursachen haben – vielleicht hat sie gerade Stress im Job oder einer ihrer Freundinnen geht es schlecht (Jenny hat zum Beispiel alle paar Monate üblen Liebeskummer und Anne kümmert sich jedes Mal aufopferungsvoll um sie), vielleicht fehlt ihr irgendetwas im Leben, das mit mir gar nichts zu tun hat, vielleicht hat sie selbst eine melancholische Phase… Aber warum redet sie dann nicht mit mir? Warum erzählt sie mir nicht davon, dass sie wegen etwas unglücklich ist?

Ich zermartere mir das Hirn auf der Suche nach etwas, das ich falsch gemacht haben könnte. Ich finde eine Menge Kleinkram, aber nichts, das rechtfertigen würde, dass sie seit Wochen sauer sein könnte. Zumal sie mir nicht sauer vorkommt, eher so, als würde sie mit uns abschließen, als ließe sie uns langsam einschlafen.

Ich bin völlig fertig. Und traue mich seit Wochen nicht, ihr von meinen Sorgen zu erzählen, weil sie so abweisend wirkt. Sie ist sonst ein offener Mensch, der seine Gedanken und Gefühle direkt anspricht, und wenn sie das jetzt nicht tut, stimmt etwas ganz und gar nicht, stimmt so viel nicht, dass ich weiß, wenn ich sie konfrontiere, wird mir nicht gefallen, was sie mir zu sagen hat.

Aber mir bleibt ja nichts anderes mehr übrig. Weitergehen kann das so nicht, diese Ungewissheit macht mich kaputt. Ich kann teilweise kaum arbeiten.

Deshalb werde ich mit ihr reden, heute. Wenn ich in zwei Stunden zu Hause ankomme, werde ich sie mir schnappen und sie rundheraus fragen, was los ist. Wenn sich meine Befürchtungen bestätigen und sie mich nicht mehr liebt, habe ich wenigstens Gewissheit. Dann kann ich mich wenigstens drauf einstellen. Auch, wenn ich wirklich hoffe, dass es eine vernünftige Erklärung für das alles gibt, oder wenigstens eine, die nichts mit ihrer Liebe für mich zu tun hat.


Anne und Marc, Marc und Anne

Um 21:00 Uhr biegt Marcs Auto in die Einfahrt ein. Anne hat die letzte halbe Stunde am Fenster auf ihn gewartet; sie hat den Nachmittag in fiebriger Aktivität verbracht, versucht, sich irgendwie abzulenken, etwas zu tun, das sie nicht ständig an das bevorstehende Gespräch und seine möglichen Konsequenzen erinnert, doch irgendwann ging das nicht mehr, irgendwann erwischte sie sich dabei, wie sie länger und länger am Fenster rauchte, den Blick auf die Straße gerichtet, auf der Marcs BMW früher oder später auftauchen müsste, und so gab sie es irgendwann auf, den Artikel über das bevorstehende Spiel der Lions zu schreiben, die bereits glänzende Küche zu wienern, sich wieder und wieder die Haare zu bürsten und den Lippenstift nachzuziehen, und seitdem steht sie da, in der Küche, deren Fenster auf die Vorderseite des Hauses hinausgehen, die Rechte auf der Arbeitsplatte, in der Linken eine Zigarette nach der nächsten und ab und zu das Weinglas, die Augen bohren sich in die Dunkelheit draußen, wartend, wartend, bis endlich der dunkelrote Wagen auftaucht.

Marc fährt durch die einsetzende Nacht, zügig, eine Hand am Steuer, die andere umklammert eine Zigarette nach der nächsten, der rechte Fuß drückt das Gaspedal aufs Bodenblech, der alte Sechszylinder dreht gleichmäßig und ruhig, im Gegensatz zu Marcs Gehirn, das sich anfühlt, als würde es auseinanderbrechen vor widersprüchlichen Gefühlen und rasenden Gedanken. Auf dem Beifahrersitz liegt der Blumenstrauß, den seiner Frau mitzubringen er sich spontan entschieden hat. Irgendwas war da, ein Funken Hoffnung vielleicht nur, vielleicht auch ein ernstzunehmendes Gefühl, dass sie beide nicht erledigt sind, dass Anne ihn noch immer liebt.

Und dann ist er da.

Anne kann nicht anders, sie rennt zur Haustür und reißt sie auf, und da ist Marc, springt aus dem Auto, in der Hand einen gigantischen Strauß roter Rosen, und dann laufen sie aufeinander zu, mit wenigen Schritten sind sie beieinander; Marc sieht die Liebe in dem Blick, mit dem Anne zu ihm aufschaut, tiefe warme Liebe, die nie weg war, nur von Angst durchtränkt, Anne sieht das Lächeln auf Marcs Gesicht, dieses weltschönste Lächeln, das er nur für sie übrig hat; und in diesem Augenblick wird Anne klar, wie sehr er sie liebt und braucht, wie glücklich er ist, sie zu haben, begreift Marc, wie sehr sie ihn liebt und braucht, wie glücklich sie ist, ihn zu haben, und sie fallen einander in die Arme und halten sich aneinander fest, ganz fest. Minutenlang stehen sie eng umschlungen auf dem Gehweg, die Liebe strahlt von ihnen aus wie Licht, und sind einander die Welt.

Später werden sie über alles reden, werden sie herausfinden, wie es zu diesem furchtbaren Irrtum kommen konnte, was sie die letzten Wochen durchgemacht haben, und noch später werden sie beide über die Abstrusität der ganzen Sache lachen, aber jetzt gerade stehen sie nur da, so eng aneinander geschmiegt, dass kein Zweifel mehr zwischen sie passt, durchdrungen von Gewissheit:

Alles ist gut.

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