Empathen

Dich zu lieben, ist nicht einfach, denn dir geht es oft schlecht. Du bist unglücklich und niemand kann etwas daran ändern. Depressionen, du hattest sie schon alle. Was hast du nicht an Suizidgedanken und -versuchen überlebt.

Heute hast du mal wieder einen schlimmen Abend. Der Tag war schon übel. Du hast deine Klausur verhauen und nach ein bisschen Rumrechnen gemerkt, dass die Studienzeit dir langsam knapp wird, wenn du die auch noch wiederholen musst. Jetzt sitzt du auf dem Balkon, vor dir die Flasche Wein wird langsam leer, und rauchst Kette. Ein Blick in dein Gesicht verrät denen, die andere Personen nur sehen und nicht spüren, wie ich dich spüre, was ich mit geschlossenen Augen erkennen würde: Du bist mit den Nerven am Ende. Wer die Traurigkeit in deinen Augen, die tiefer als sonst eingekerbten Sorgenfalten um deinen Mund und zwischen deinen Augenbrauen, die Augenringe, die nach unten geneigten Mundwinkel, die zitternden Hände und die hängenden Schultern nicht zuordnen könnte, müsste zumindest die Schachtel Rasierklingen auf dem Tisch vor dir bemerken, den vollen Aschenbecher, das bereitgestellte Verbandszeug und Desinfektionsmittel. Wer dich nicht kennt, wäre schockiert. Ich bin einfach nur dankbar, dass du wenigstens an Wunderversorgung gedacht hast.

Deine Psyche tut dir weh. Ein konstanter, furchtbarer Schmerz, nicht physisch und doch im Körper verortbar, ein Ziehen und Zerren, eine Leere zwischen deinen Rippenbögen, etwa im Ursprung des Musculus rectus abdominis, aber eben nicht körperlich dort. Du hast zwei Stellen im Körper, an denen du seelische Schmerzen fühlen kannst: im Hals und eben am Oberbauch. Wenn es so etwas wie eine Seele gibt, nicht nur irgendwelche neuralen Verschaltungen und chemischen Prozesse im Gehirn, die ein Ich-Gefühl konstituieren, dann muss deine an einem dieser beiden Orte oder an beiden sitzen. Du leidest, du leidest auf eine Weise, die dich lähmt und dir die Zuversicht raubt, irgendetwas könnte jemals wieder gut werden. Du weißt aus Erfahrung, dass man sich nicht auf die Stimme der Depression verlassen kann, wenn sie einem so etwas einredet, wenn sie einem die lebenslange Verzweiflung voraussagt. Das ändert nichts daran, dass du ihr jedes Mal glaubst, auf einer Ebene, die über rationales Wissen hinausgeht und durch dieses nicht beeinflusst werden kann, eine Ebene, die du noch am ehesten als „emotionales Verstehen“ bezeichnen würdest, auch, wenn Sprache als selbst vor allem rationales Werkzeug schlecht dazu geeignet ist, darüber zu sprechen, wie Dinge sich anfühlen. Ja, über so etwas machst du dir Gedanken. Du machst dir über alles Gedanken. Ständig. Du fühlst dich für alles verantwortlich. Du versuchst, der Welt um dich herum der Atlas zu sein und lädst sie dir auf die Schultern, und wenn du unter ihrem Gewicht strauchelst, bestrafst du dich selbst dafür, in Gedanken, Worten und Taten.

Du würdest gerne weinen, du kannst es nicht. Obwohl, das trifft es nicht ganz – du hasst dich selbst, wenn du weinst, du kommst dir schwach vor, und Schwäche ist für dich einer der größten Charakterfehler, die es gibt; aber du weißt, dass Weinen dir besser tun würde als dieses zugeschnürte Erstickungsgefühl im Hals, das du stattdessen hast. Manchmal flüchtest du dich nach Hause oder zumindest irgendwohin, wo dich niemand sehen kann, wenn du weinen musst. Solange du nicht alleine bist, hältst du mit aller Macht die Tränen zurück; es ist schlimm genug, dir selbst zu beweisen, dass du ein Schwächling bist, indem du flennst wie ein Baby. Dass jemand anderes das mitkriegt, ist vollkommen inakzeptabel. Der Welt zeigst du nur dein emotionsloses Gesicht oder dein Lachen. Niemand kann so überzeugend lügen wie du, wenn du auf die täglich auf dich abgeschossene Frage nach deiner Befindlichkeit mit einem breiten Grinsen und fröhlicher Stimme verkündest: „Gut, wirklich gut. Und selbst?“ Wer nicht den hellen Funken in deinen Augen kennt, der dort brennt, solange du tatsächlich glücklich bist, würde nie an deiner Aussage zweifeln. Gut so. Du bist nicht auf der Welt, um anderen zur Last zu fallen. Als du das erste Mal vor mir geweint hast, wusste ich, dass du mich wirklich liebst. Nein, eigentlich wusste ich das schon, als du das erste Mal ehrlich auf mein „Wie geht es dir?“ reagiert hast.

Mit einem tiefen, entschiedenen Zug leerst du dein Weinglas und drückst deine Zigarette aus. Zeit, zur Tat zu schreiten. Du bist im Selbstzerstörungs-Modus, ich habe Angst. Um dich. Dir ist jetzt alles egal, du willst einfach nur nicht mehr so leiden. Die seelischen Schmerzen, sie müssen ja nicht ganz weggehen, das tun sie eh nicht, sie sollen nur ein bisschen, bitte nur ein kleines bisschen nachlassen. Etwas Erleichterung, ein wenig weniger Leere. Es mag paradox erscheinen, dass du dir weh tust, um weniger Schmerzen zu empfinden. Du könntest genau erklären, warum das funktioniert – der Körper schüttet Endorphine und Adrenalin aus, sobald er verletzt wird, sodass es einem geistig besser geht; das diente einst dazu, in Gefahrensituationen kämpfen oder fliehen zu können, das Gehirn mobilisiert die letzten Kräfte des durch die Schädigung geschwächten Körpers. Doch du bist es müde, solcherlei Erklärungen zu geben; zu oft wurdest du im Laufe deines Lebens schon auf deine mit Narben bedeckten Arme und Beine angesprochen, zu viele Fragen wurden dir nach dem Wie und Wieso ihrer Entstehung gestellt, zu selten hat man dir zugehört, wenn du dir tatsächlich die Mühe gegeben hast, eine Begründung vorzubringen. Und es ist doch auch vollkommen egal warum, oder? Es funktioniert. Punkt. Alles, was du jetzt willst, ist, dich zu schneiden. Du kriegst schon diesen Blick, der mich bis in meine bösesten Träume verfolgt, eine Mischung aus Junkie vorm nächsten Schuss und vollkommener Verzweiflung, die mir das Herz zerbricht. Nicht nur, weil du dir Schaden zufügst, vor allem, weil es dir so schlecht geht, dass dir nichts anderes mehr einfällt, als dir Schaden zuzufügen, um dem zu entkommen. Du ziehst eine Klinge aus dem Karton, öffnest mit geübten Fingern, völlig ruhig jetzt, das Zittern ist verschwunden, das Papier, in das sie eingewickelt ist, du öffnest ein Verbandpäckchen, mehrere Kompressen, Salbentüll zur Wundauflage, noch ein Verbandpäckchen, und legst dir alles bereit; vor meinen Augen beginnt alles, sich zu drehen. Du desinfizierst die Rasierklinge und deinen Arm; ich bin halb deine Ruhe und halb mein Schwindel. Sorgfältig bereitest du alles vor, du tust das hier schließlich nicht zum ersten Mal; meine Hand krampft sich um die Lehne meines Stuhls, mein Arm kribbelt, ich ertrage das hier schließlich nicht zum ersten Mal. Dann bist du fertig, bereit; meine Anspannung steht zwischen uns in der Luft wie eine Wand. Normalerweise würdest du sie fühlen, fast schon sehen können, jetzt bist du zu weit weg.

Du nimmst die Klinge in die Rechte, ich wende meine Augen ab und kann trotzdem spüren, wie sie niederfährt, wieder und wieder, wie das Blut mir, nein dir, sorry, den Arm hinunterläuft, das Brennen der geöffneten Haut und die tiefe Befriedigung über jeden einzelnen Schnitt. Es ist nicht zum Aushalten. Ich will die Verbindung zwischen uns kappen, will, dass das aufhört, will dich nicht immer fühlen müssen und gleichzeitig will ich, muss ich doch für dich da sein, verdammt, du brauchst mich doch, ich springe auf, schlage mir dabei das Knie am Tisch an, worauf du zusammenzuckst und dir mit einem „Auutsch“ ans Bein fasst, dann bin ich in der Wohnung, und noch immer gehst du nicht weg, aus meinem Kopf, meinen Gefühlen, ich renne auf die Straße und habe ein so tiefes Bedürfnis danach, so laut ich kann loszubrüllen, dass ich mir die Hand vor den Mund halten muss, ich renne, renne, und dann spüre ich, wie mich eine tiefe Welle von Gefühlen überrollt, Depression, Hoffnungslosigkeit, Selbsthass, ich stolpere gegen die nächste Hauswand, um mich an ihr festzuhalten, und dann ist da dieses Reißen in meinem linken Arm, Erschrecken und die Erkenntnis: „Verdammt, das war zu tief, viel zu tief, verdammt, verdammt, Scheiße, was mach ich denn jetzt, ich bin so ein nichtsnutziger Idiot…“ und ich weiß, jetzt muss ich dringend zu dir und dich ins Krankenhaus bringen. Ich ringe all die Schmerzen, die psychischen und die physischen, nieder, schiebe sie aus meinem vordersten Bewusstsein, um handlungsfähig zu bleiben, denn ich weiß, du bist es nicht mehr, du sitzt gerade da, starrst entgeistert auf deinen Arm und in deinem Kopf geht es nur noch „Fuck, fuck, fuck, fuck“, also brauchst du mich. Ich kehre um, verfalle ins Sprinten, innerhalb von Sekunden bin ich wieder an der Haustür, nehme mehrere Stufen auf einmal, die Treppe rauf in den 4. Stock, durch unsere Wohnungstür, die noch offen steht, ich knalle sie hinter mir zu, durch die Wohnung, und auf dem Balkon finde ich dich, bleich wie Papier, wie du deinen linken Arm vor dich hältst, auf dem ein wirklich viel, viel zu tiefer Schnitt prangt, den du entgeistert anstarrst, während du „Fuck, fuck, fuck“ flüsterst, und ich sage, außer Atem, aber so ruhig wie möglich: „Großer, ich bin ja da. Ich bin ja wieder da. Komm, wir fahren jetzt ins Krankenhaus und lassen das nähen.“ Du schaust auf, deine Dankbarkeit ist wie die Wärme eines Lagerfeuers in mir und auf deinem wunderschönen, todtraurigen Gesicht, aber wenigstens bist du wieder da, und nickst. „Ok,“ antwortest du. „Ok. Danke, Kleine. Danke, danke. Es tut mir so leid.“ „Pscht,“ mache ich, knie neben dir nieder und beginne, die Wunde zu verbinden – zum Glück hast du vorhin daran gedacht, Verbandszeug bereit zu legen.

Du fühlst dich etwas besser an, jetzt. Und wenn die Wunde erst gescheit versorgt ist, wirst du dich noch besser anfühlen und fühlen.

Du trägst auf deinen Schultern die Last der ganzen Welt, mein Großer, aber du bist meine Welt und deshalb muss ich dich auf meinen Schultern tragen. Du würdest es mir wirklich leichter machen, wenn du die Welt ab und zu absetzen könntest. Soll sich doch zur Abwechslung wer anders um sie kümmern. Ich kümmere mich um dich, und das solltest du auch tun.

Später liegst du in meinem Arm, du bist am Einschlafen, und liebst mich so sehr, dass mir Tränen in die Augen steigen und ich weiß, es wird nicht immer so sein mit dir, du wirst nicht immer unglücklich sein; du bist viel zu stark, um immer unglücklich zu sein. Ich kenne dich schließlich.

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