Auf der Grenze

Manchmal hasse ich mich so sehr, dass ich es nicht länger ertrage, ich selbst zu sein. Dann beginnt das Dissoziieren: Ich tue so, als sei ich nicht ich. Es ist, als bräche meine Seele von meinem Körper ab und ginge dabei selbst entzwei. So kommt meine Psyche damit zurecht, sich selbst nicht leiden zu können – sie versucht, sich zu beweisen, dass sie gar nicht das ist, was sie hasst. Was sie hasst, das ist der andere Teil. Die beiden Seelensplitter hassen sich gegenseitig und machen einander für alle Probleme verantwortlich, die sie haben. Ich nenne das Stück, das den Bruch initiiert und das am meisten hasst Nicole, wie meinen zweiten Vornamen. Das Stück, das mehr wie ich ist und sich auf die Seite meines Körpers stellt, ihn und sich beschützen will, nenne ich Maja, nach meinem ersten Vornamen.

Nicole ist es, die immer auf mir herumtrampelt. Wenn sie da ist, übernimmt sie die Führung und macht mich zu einem Menschen, den ich selber nicht mehr erkenne, einem furchtbaren Menschen. Sie macht alles, um uns zu zerstören. Sie besäuft sich wie eine Irre, raucht dabei eine Menge, verletzt meinen Körper auf jede nur erdenkliche Weise – sie kann das ja, ist ja nicht ihr Körper. Denkt sie zumindest. Sie schneidet sich, drückt Zigaretten auf sich aus, schlägt mit voller Kraft gegen Wände, … Und sie ist gemein. Auch zu anderen. Dass die mich mögen, verwendet Nicole gegen sie. Wenn jemand es so gar nicht erträgt, dass ich mich selbst verletze, wird sie genau dieser Person ihre neuen Wunden unter die Nase halten. Ich bin mir nicht ganz sicher, was sie damit bezweckt, aber ich glaube, sie will sich selbst und meinen Freunden beweisen, dass sie ein schlechter Mensch ist und ihr Hass somit völlig berechtigt. So rechtfertigt sie ex post ihr selbstzerstörerisches Verhalten: „Siehst du, man muss mich einfach hassen. Und jetzt tust du’s auch.“

Nicole hält sich für unglaublich stark und Maja für extrem schwach. Sie empfindet keine Schmerzen, wenn der Körper leidet. Sie freut sich, wenn man ihm die Verletzungen ansieht. Wenn er blutet oder sich Verbrennungen bilden, lacht sie. Die ganze Zeit lacht sie. Sie lacht Maja aus, sich selbst, die ganze Welt. Für sie ist alles immer nur lächerlich. Das Leben, die Liebe, Verzweiflung, Glück, Sehnsucht, alles ein einziger großer Witz. Lachend hält Nicole die Hand auf die Herdplatte. Lachend rammt sie den Ellenbogen gegen die nächste Mauer. Lachend steht sie mit ihrem Messer da, alles ist voller Blut, und zieht es sich noch einmal übers Bein, diesmal mit ganzer Kraft, die Wunde klafft auf, sie ist viel zu tief, man kann den Knochen darunter sehen, überrascht hält Nicole inne, um dann erneut in lautes Lachen auszubrechen. „Ups,“ verkündet sie, „ich glaub, das muss genäht werden oder ich verblute.“ Immer steht sie mit einem Bein im Grab und findet’s geil.

Mit ihr kann man nicht diskutieren. Sie weiß, was sie tut. Und sie weiß alles besser als jeder andere. Ich habe Angst, dass sie uns umbringt.

Wo Nicole völlig irre ist, ist Maja besonnen, zurückhaltend, umgänglich. Sie mag sich selbst nicht, aber sie arbeitet daran, das zu ändern. Sie würde niemals absichtlich jemand anderem weh tun. Sich selbst eigentlich auch nicht. Sie glaubt an das Gute im Menschen, an die Liebe, daran, die Welt zu einem zumindest ein bisschen besseren Ort machen zu können, wenn sie moralisch handelt. Sie erträgt es nicht, wenn jemand leidet. Eigentlich ist sie eine ganz normale junge Frau, die einfach nur in Frieden leben will. Eigentlich bin ich eine ganz normale junge Frau, die einfach nur in Frieden leben will. Aber wenn mir nicht gerade jemand anders das Herz bricht, breche ich es mir selbst.

Es ist schwer zu sagen, woher psychische Krankheiten kommen – ein Teil wird vererbt, ein anderer entsteht durch Lebensumstände. Was das betrifft, gleichen psychische Erkrankungen dem Charakter, obwohl sie kein Charakterzug sind: es ist so gut wie unmöglich, zu rekonstruieren, was alles eine Rolle (oder was genau welche Rolle) bei seiner Bildung gespielt hat. Kinder sind geistig ihren Eltern ähnlich, aber ist das so, weil sie deren Gene haben oder weil sie deren Erziehung genossen haben? Ich weiß nicht, ob es unter meinen Vorfahren Borderline-Persönlichkeiten gegeben hat; zumindest wurde nie eine Diagnose gestellt. Vor fünfzig Jahren ist man nicht einfach zum Therapeuten gegangen, wenn es einem schlecht ging. Man war schließlich nicht verrückt! Man hatte nur gerade eine schwere Zeit. Psychiatrischen Erkrankungen haftete ein noch größeres Stigma an, als es das heute tut. Viele Behandlungsmöglichkeiten existierten nicht oder waren unausgereift. Jahrhundertelang hat man „Wahnsinnige“ einfach weggesperrt, statt zu versuchen, ihnen zu helfen. Noch in den 80-er, 90-er Jahren wurden in deutschen Psychiatrien (in anderen Ländern ist es heute noch so, und wer kann sicher sagen, dass so etwas in Deutschland nicht mehr statt findet?) Menschen misshandelt. Man experimentierte mit ihnen, oft ohne Einverständnis der Angehörigen oder Betroffenen wurden Medikamente und Behandlungsmethoden getestet, die schreckliche Nebenwirkungen hatten; man vernachlässigte sie; fixierte sie; körperliche Gewalt war an der Tagesordnung; wer geisteskrank war, galt nicht als vollwertiger Mensch. Tut es teilweise heute noch nicht. Man wird entmündigt, eingesperrt und unter Medikamente gesetzt. Alles hat schönere Namen heutzutage, man ist krank statt irre, das hier ist keine Klapsmühle, das ist ein Krankenhaus, das da ist keine Zwangsmaßnahme, es ist nötig, um eine Selbst- oder Fremdgefährdung auszuschließen.

Jedenfalls – ich weiß nicht, ob mir meine Borderline-Persönlichkeit vererbt wurde, ob ich eh eine erhöhte Gefahr hatte, an ihr zu erkranken. Ich weiß nur, was sie ausgelöst hat, seit wann ich mich nicht mehr leiden kann, wann ich das erste Mal dissoziiert habe: Seit der Vergewaltigung. Ich war 21, er war zu scharf auf mich, um meine Einwände zu beachten und hat sich genommen, was ich ihm nicht geben wollte; und ich begann, zu dissoziieren. Ich betrachtete mich selbst und die ganze Situation von Außen, eigenartig ruhig; der Rest von mir stellte sich tot. Nachher habe ich stundenlang geduscht und hatte dabei Fantasien davon, mir die Teile meines Körpers abzuschneiden, denen er die meiste Aufmerksamkeit gewidmet hatte oder mir die Haut abzuziehen. Ich wollte mich wieder sauber fühlen. Ich tue es heute noch nicht. Meine Seele ist nicht mehr sauber, was hilft da alles Waschen der Welt?

Schneiden dagegen hat geholfen. Doch irgendwann ist es meiner Kontrolle entglitten, hat sich verselbstständigt, wurde zum Selbstzweck. Irgendwann wurde Nicole mächtig genug, um mich zu übernehmen, wann sie wollte. Im Grunde macht sie nur das Gleiche mit mir wie er. Es fühlt sich an, als hätte ich es verdient, noch immer.

Ich werde nie wieder in Ordnung kommen, oder?

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