Arabeske / Dementia praecox

Robert, die Liebe meines Lebens, Robert. / Kreisleriana. / It was you all along. Robert


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„Da! Da war es. Und jetzt ist es wieder weg.“

„Papa, ich erkenne dich nicht mehr.“

„Es ist voller Sterne, Julie, siehst du es nicht? Die rote Rinde ist voller Sterne. Weil jeder ein ganzes Universum in sich trägt. Er auch, der Baum. Julie, verstehst du nicht, was ich dir sagen will?“

„Papa, ich verstehe dich nicht mehr.“

„Aber warum nicht, Elise, warum siehst du es denn nicht?“

„Papa, ich bin nicht Elise.“

„Julie, entschuldige, du bist Julie. Tut mir leid, ich bin wohl ein wenig abwesend.“

„Papa, ich muss jetzt gehen. Elise schaut nachher mal nach dir.“

„In Ordnung, danke, Elise…“

Manchmal will sie mich nicht verstehen, Elise.

Das Schreiben ist schwer geworden. In letzter Zeit. Ich habe Ideen, so viele Ideen, aber sie lassen sich nicht richtig fassen… Die Sprache ist zu sperrig, um sie auszudrücken, ein viel zu brutales, ungeschlachtes Werkzeug für die filigranen Gedanken, die durch meinen Kopf schweben. Und sie hat die falsche Logik. Sie funktioniert nicht. Irgendwie funktioniert sie nicht mehr.

Ich wollte ein Gedicht über dich schreiben, doch die Worte haben sich mir verweigert. Ich wollte ein Gedicht darüber schreiben, wie du bist, wie einzigartig, wie vollkommen fehlerhaft, nein – wie fehlerhaft und doch vollkommen, verdammt,

Ich wollte über dich schreiben, Vinnie, über dein Lächeln, deine Stimme, darüber, wie die Morgensonne rote Strähnen in deine langen schwarzen Haare malt, wenn du nichts trägst als sie über den Schultern, aber dann konnte ich mich nicht mehr an dein Gesicht erinnern. Es war verschwunden. In letzter Zeit verschwinden alle Gesichter. Ich sehe nur noch bedeutungslose Anordnungen von Augen, Nasen, Mündern, die sich zu verschiedenen Fratzen verziehen, wenn es aus ihnen spricht und Laute macht. Aber dein Gesicht, Vinnie, dein liebes Gesicht, wie konnte ich das verlieren? Es ist das Einzige, das ich wirklich vermisse. Es ging als Letztes. Ich habe es mit allem festgehalten, das ich an Geisteskraft aufbringen konnte, ich wollte nicht, dass es sich in der gleichen Bedeutungslosigkeit auflöst wie die anderen. Monatelang waren es nur noch sinnlose Flächen, die die Menschen mir zuwandten, wenn sie mit mir sprachen, aber dein Gesicht war noch da, ich konnte es mir ins Gedächtnis rufen, ich konnte es mir auf Bildern ansehen, ich konnte es verstehen. Jetzt bin ich vollkommen alleine. Bald werde ich mein eigenes Gesicht im Spiegel nicht mehr begreifen. Wenn das fort ist, was ich an dir am meisten geliebt habe, Vinnie, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis ich selbst vergehe.

Ideen, Satzfetzen, Fragmente, Gedanken, die sich nicht fassen lassen, wenn ich mich nicht mehr ausdrücken kann, wer kann es dann?

Das letzte Gedicht, das ich über dich geschrieben habe, ist nicht fertig und wird es nie:

„Wie oft saßen wir schon hier

Tranken viel, sprachen mehr

Wie viele Nächte haben wir

Weggeredet, und wie sehr

Habe ich dich dafür geliebt

Dass du da warst, einfach da

Jemand, der stets auf mich achtgibt

Du in meinem Arm, du so nah.

Doch diese Tage sind längst vorbei

Wir sind älter geworden, unglücklicher

Schweigsamer, schon lange nicht mehr frei

Selbst bei dir bin ich nicht länger sicher

Du bist schwach und ich bin allein

Ich habe Angst vor der Welt, du vor mir

In meiner Gegenwart kannst du nicht sein

Es macht dich zu kaputt, ich glaube dir.

Nicht jeder stirbt jung, unsere Liebe schon“

Soll mein Vermächtnis ohne einen Reim enden?

Nicht jeder stirbt jung, unsere Liebe schon – schnell leben, früh sterben – wegen wem oder was sollte ich sterben wenn nicht deinetwegen – sterben, ich glaube nicht mehr ans Sterben – how many nights have we been here, how many mornings did shimmer through the trees – genau, die rote Rinde, die Kiefer mit ihren Sternen – I have been here before, but it’s not the same anymore – Vinnie – Elise – die meisten Menschen sind gut, wenn man’s bedenkt, sie handeln nur böse – Easter morning, church bell’s chimes – Through the early morning fog we hear / Is it us they’re calling for? Is it me you’re calling for?

Als ich neulich meinen letzten Roman gelesen habe, habe ich ihn selbst nicht mehr verstanden. Es ist, als hätte ich mein ganzes Leben im Schlaf verbracht. Wo ist die Conclusio? Es gibt keine Conclusio. Es gibt nicht einmal Ursachen und Wirkungen. Alles versinkt im Chaos.

„Papa?“

„Ja, was denn?“

„Julie meinte, ich soll nochmal nach dem Rechten sehen.“

„Wer ist da?“

„Deine Tochter, Papa. Elise.“

„Aha.“

„Brauchst du noch irgendwas, Papa?“

„Kannst du mir meinen Hut und meinen Mantel holen? Ich würde gerne noch etwas im Rhein spazieren gehen.“

„Am Rhein, meinst du, Papa.“

„Ja, genau. Ich bin bald wieder zu Hause.“

„Ist gut, Papa, ich hole dir die Sachen.“

„Danke, Vinnie.“

Ich gehe nach Hause, Vinnie.

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