Der Brief aus Kassel

„Meine Enkel sind so süß,“ hatte ihre Post-Crossing-Freundin Liane aus Deutschland geschrieben, „wenn ich sie ins Bett bringe, bitten sie mich momentan immer, ihnen von meiner Kindheit und Jugend zu erzählen, wie damals alles war, wie wir uns ohne Internet verabredet haben, was wir für Kleidung getragen haben und was wir für Spielzeug hatten. Sie werden gar nicht müde, den alten Geschichten zu lauschen. Gestern habe ich ihnen erzählt, wie ich Opa kennen gelernt habe. Ich dachte früher, dass die jungen Leute von heute direkt Reißaus nehmen, wenn man ihnen mit sowas kommt…“

Sovanny ließ den Brief sinken, von einer plötzlichen Übelkeit übermannt. Sie wusste, dass ihre Kinder und Enkel sie nie nach ihrer Kindheit und Jugend fragen würden, und sie wusste, dass eine solche Erzählung auch nicht zur Gute-Nacht-Geschichte geeignet wäre. Nicht, dass sie überhaupt von dieser Zeit sprechen würde, jemals, oder auch nur freiwillig an sie dächte. Am liebsten wäre ihr, sie könnte alles, was damals geschah, aus ihrem Gedächtnis löschen, allem voran die Zeit zwischen April 1975 und Januar 1979. Sovanny dachte sich, das wirke im Nachhinein, in ausgeschrieben, wie eine lächerlich kurze Zeitspanne; allein sie hatte nicht kurz gewirkt, als Sovanny sie durchgemacht hatte, nein, sie schien sich damals unendlich auszudehnen, keine Aussicht auf Rettung. Damit war Sovanny nicht alleine: sie kannte niemanden, dem es anders ging als ihr. Wahrscheinlich gab es in ganz Kambodscha kein Kind, das sich gerne von der jüngeren Vergangenheit erzählen lassen würde, und keinen Erwachsenen, der dieser Bitte nachkäme. Meistens taten hier alle so, als wäre das 20. Jahrhundert nicht passiert, oder sogar, als sei das Land direkt von Angkor, dem Wasser-Königreich, in die Gegenwart geschlittert.

„Wir sind das Volk ohne Vergangenheit,“ dachte Sovanny, nicht zum ersten Mal, „mindestens zwei Generationen leben hier und unterdrücken mit aller Macht ihre eigenen Erinnerungen, damit sie nicht unter ihnen leiden müssen.“ Zumindest versuchten sie es, sie alle, aber nicht jedes Mal gelang es, denn so sehr man sie auch verdrängt, sie schlagen um sich, bis sie wieder an der Oberfläche des Bewusstseins auftauchen, die Erinnerungen an die Hölle auf Erden, und ein traumatisiertes Volk leidet immer unter Flashbacks.

Eine unsichtbare, unbenannte und doch unüberwindbare Grenze trennt die Gegenwart des kambodschanischen Volkes von ihrer eigenen Vergangenheit, eine Grenze in den Köpfen, den Herzen und auf den Zungen der Khmer1; eine Grenze zwischen dem in seiner Schrecklichkeit Unbeschreiblichen, Unerklärlichen und dem Menschen, der nicht mehr versucht, Worte zu finden für das, was ihm passiert ist. Er sehnt den Frieden herbei, also befestigt er die Grenze zusätzlich, und aus der Sprachlosigkeit, in der er zurückgelassen wurde von seinem bösen Los, macht er die Lösung seiner Probleme, die Mauer des Schweigens für das Vergessen. Denn verstehen wird er nie, und vergeben kann er nicht.

Sovanny wurde von einem leisen Rascheln aus ihren Gedanken gerissen und merkte, dass ihre Hand, die noch immer Lianes Brief hielt, zitterte, sodass das Papier gegen ihren Oberschenkel schlug und die Geräusche verursachte. Sie legte den Brief auf den Beistelltisch neben dem Stuhl, auf dem sie saß, schüttelte ihre Arme aus, die sich merkwürdig substanzlos und schwach anfühlten, und beschloss, sich erst mal einen Tee zu machen. Das würde helfen, wieder auf andere Gedanken zu kommen. Hoffte sie zumindest.

Sie ging in die Küche, setzte Wasser auf, hängte das Teesieb in die Kanne und füllte es mit Teeblättern. Während sie darauf wartete, dass das Wasser kochte, versuchte sie, ihre Gedanken wieder in den Griff zu kriegen. „Was koche ich eigentlich morgen?“, fragte sie sich, um sich von den Erinnerungen abzulenken, die wie eine Schlammlawine über sie hereinbrachen. Aber es brachte nichts, sie konnte noch so sehr versuchen, sich auf die Entscheidung zwischen Kary Banlai2 und Kary Trey3 zu konzentrieren, die Vergangenheit unterbrach im Sekundentakt ihren Gedankenfluss, sie goss den Tee auf, alles war wieder da, Bilder, Gerüche, Stimmen, das Weinen von Leap, ihrem jüngsten Bruder, der schreckliche Hunger, sie machte den Herd aus, in ihren Ohren Schreie, in ihrem Herzen wieder die Angst… Und Sovanny gab auf, ließ es geschehen, und da war sie, ihre Kindheit, und überwältigte sie. Sovanny spürte, wie ihre Beine unter ihr nachgeben und ließ auch das geschehen, sich auf den Fußboden sinken, und dann saß sie da, mit dem Rücken an der Wand, und umklammerte ihre zitternden Beine mit ihren zitternden Armen und es war, als zittere sogar ihre Seele, als ihr Bewusstsein an all die Orte in Zeit und Raum verschwand, an denen sie ihre Kindheit verbracht hatte.

Für Sovanny begann alles mit der Einnahme ihrer Heimatstadt Phnom Penh durch die Roten Khmer. Natürlich war davor schon viel passiert, der Sturz der Regierung von Prinz Norodom Sihanouk durch General Lon Nol und die Amerikaner, das amerikanische Borbardement kambodschanischer Gebiete an der Grenze zu Vietnam, das mindestens 200 000 kambodschanische Zivilisten das Leben kostete, die Korruption erst des Königreichs Kambodscha, danach der neuen Khmer-Republik unter Lon Nol, die Bildung und Entwicklung der kommunistischen Roten Khmer, die erst als Verfolgte im Dschungel lebten, dann langsam immer größere Teile des Landes einnahmen… Aber Sovanny war noch ein Kind, und ihre Eltern taten alles, um sie und ihre Geschwister vor den ständigen schlechten Neuigkeiten zu beschützen und ihnen, so gut es eben ging, eine unbeschwerte Kindheit zu ermöglichen. Phnom Penh war auch lange Zeit noch verhältnismäßig sicher vor den Kämpfen und Luftangriffen. Von allem konnten die Eltern ihre Kinder natürlich nicht abschirmen, und auch unbeschwerte Gemüter mussten irgendwann den Strom von Flüchtlingen aus anderen Teilen des Landes bemerken, der beständig in der Stadt eintraf.

Trotzdem – bis zu dem Tag, als ihre Familie ihre Wohnung in Phnom Penh fluchtartig verlassen musste, war Sovanny nicht klar gewesen, wie es um ihre Heimat stand.

Wenige Tage nach dem kambodschanischen Neujahr am 14. April gelang es Pol Pots Khmer Rouge nach einem gewalttätigen Vormarsch quer durch das Land, die Landeshauptstadt einzunehmen. Kaum waren die Kämpfer in Phnom Penh angelangt, begannen sie auch schon mit der Evakuierung. Sovanny erinnerte sich an die Lastwagen voller junger Männer, die meisten gerade so dem Kindesalter entwachsen und kaum älter als sie selbst, alle gekleidet in staubige, schwarze Hemden und Hosen, ausgeblichene rote Schals um die Köpfe geschlungen und Sturmgewehre in den Armen oder über den Schultern. Sie erinnerte sich daran, wie die Stadtbewohner den Kämpfern zugejubelt hatten und wie die sich bald über die ganze Stadt verteilt hatten und zwischen den Passanten herumliefen, ihre Waffen noch immer im Anschlag. Dann kamen die Lautsprecherdurchsagen von Armee-Fahrzeugen, die durch die Straßen fuhren und die Partisanen begannen, an alle Türen zu klopfen und Leute auf der Straße zusammenzutreiben. „Wir müssen die Stadt räumen,“ sagten sie, „die Amerikaner planen Luftangriffe auf Phnom Penh. Packt euer Nötigstes zusammen, beeilt euch, aber verfallt nicht in Panik. In drei Tagen spätestens haben wir die Situation unter Kontrolle, dann könnt ihr zurückkommen.“ Sovanny erinnerte sich an das unwirkliche Gefühl, das Besitz von ihr ergriffen hatte, als sie mit ihren älteren Schwestern Sotheara und Jorani Kleider und Hygiene-Artikel in Taschen, Koffer und Plastiktüten warf, während sich im Nebenzimmer ihre jüngere Schwester Chanmony um das kleinste der Geschwister, den fast zweijährigen Leap kümmerte, Mutter in der Küche Lebensmittel, Töpfe und Geschirr einpackte und ihr Vater bereits unten mit Kosal, dem Ältesten, den Lieferwagen belud, den er sonst für die Arbeit nutzte. Ihre Eltern, ihre Schwestern und Kosal hetzten durch die Gegend wie von der Tarantel gestochen, ständig brüllte einer von ihnen irgendetwas oder ließ irgendetwas fallen oder stieß sich an irgendetwas, der Radau war immens. „Kosal, jetzt hilf mir doch endlich, den Reis runterzutragen!“ „Jorani, hast du das rote Kleid gesehen, das ich an Neujahr… Jorani, ich rede mit dir!“ „Chanmony könnte auch mal helfen, und wo ist jetzt meine Bürste?“ „Kooosaaal, der Reis!“

Sogar der kleine Leap schien zu spüren, dass etwas nicht stimmte, und versuchte ständig, Chanmony wegzulaufen, bis eine der Schwestern fast über ihn stolperte, Chanmony ihn wieder einfing und er laut zu weinen begann.

Nur Sovanny fühlte keinen Stress und keine Angst. Sie fühlte – gar nichts so wirklich. Es war, als schwebte sie durch einen Traum, als könnte nichts sie wirklich berühren und als wäre nichts von all dem real. Sie erinnerte sich, dass sie die ganze Zeit einen Gedanken hatte: „Heute Morgen war ganz normal. Heute Morgen war alles ganz normal. Wie immer.“ und je öfter er in ihrem Kopf erklang, desto unwirklicher fühlte sich alles an. „Irgendetwas stimmt hier nicht,“ dachte sie damals weiter, „aber ich weiß nicht, was es ist.“

Dann der Weg im Lieferwagen aus der Stadt, die Eltern, Kosal und Leap vorne, die Mädchen hinten auf der Ladefläche, die Plane, die normalerweise einen geschlossenen Raum hinter der Fahrerkabine bildete, hatten sie an der einen Seite hochgebunden, um hinausschauen zu können. Spätestens, als sie das Mädchen mit der Infusion sahen, bereuten sie dies. Die junge Frau trug einen Krankenhauskittel, in ihrem Arm steckte noch die Nadel, von der aus ein Schlauch zu der Infusion führte, an deren Ständer sie sich klammerte, als würde sie sonst jeden Moment umkippen. Sie war bleich wie Schnee, ihre Haare hingen ihr ungekämmt ins Gesicht, so taumelte sie voran, inmitten der Menge, die zu Fuß, auf Fahrrädern, Motorrädern und Autos aus der Stadt drängte und keine Notiz von ihr nahm. Dass sie es überhaupt bis dorthin geschafft hatte, wo Jorani sie sah und ihre Schwestern auf sie aufmerksam machte, grenzte an ein Wunder. In Sovanny stieg Übelkeit auf und etwas Eiskaltes, wie gefrorener Stahl, das sie noch nie gefühlt hatte und erst einordnen musste – Entsetzen. Der traumähnliche Zustand, der sie bisher vor der Realität dieses Tages beschützt hatte, war fort. Er sollte nie wieder kommen.

Später, am Abend dieses Tages, erfuhr Sovanny, dass die Roten Khmer auch die Krankenhäuser geräumt hatten. Wer sich weigerte zu gehen oder nicht gehen konnte, wurde erschossen. Einige der Leute, die während der Evakuierung im Krankenhaus zu Besuch waren, schoben ihre Angehörigen im Krankenbett durch die sich leerenden Straßen von Phnom Penh, auf die Landstraße, so lange sie selbst noch die Kraft dazu hatten. Wahrscheinlich wäre es gnädiger gewesen, sie an Ort und Stelle erschießen zu lassen. Manche hatten solche Schmerzen, dass sie stundenlang schrien, quer durch die Vororte auf die Straße und den Weg entlang, bis sie dazu zu erschöpft waren, und irgendwann waren sie sowieso alle tot.

Hätte Sovanny damals geahnt, dass all das erst der Anfang war, sie hätte nie die Kraft gefunden, weiterzuleben. Aber sie ahnte und dachte gar nichts, als der Lieferwagen die Straße entlangrollte, vorbei an Massen und mehr Massen von Städtern, die ihr Hab und Gut und ihre Kinder schleppten, und je weiter der Tag fortschritt, desto müder und abgekämpfter sahen die Leute aus, an denen sie vorbeikamen, und desto kälter schien Sovanny das Entsetzen, das ihr Herz umfangen hielt.

Tage waren sie so unterwegs, lebten von den rasch weniger werdenden Essensvorräten, die ihre Mutter eingepackt hatte und ließen sich von den Khmer Rouge-Kadern, die immer wieder ihren Weg kreuzten, die Richtung zeigen, in die sie sollten. Schon lange war keine Rede mehr von einer Rückkehr nach Phnom Penh. Sie sollten umgesiedelt werden, hieß es, die Städter sollten auf Dörfer verteilt und Mitglieder der Dorfgemeinschaft werden. Gerüchte machten die Runde. Die Roten Khmer forderten Beamte und Mitglieder der Lon Nol-Regierung dazu auf, sich zu melden, um Positionen im neugegründeten kommunistischen Staat einzunehmen, und wer sich meldete, der wurde erschossen. In den Straßengräben und Wegesrändern lagen immer mehr Leichen von Menschen, die auf dem anstrengenden Fußmarsch an Entkräftung gestorben, verhungert oder verdurstet waren. Zum Glück erfuhr Sovanny das nur aus den Schilderungen von Kosal, gesehen hatte sie es größtenteils nicht – die Schwestern hatten die Plane nach dem ersten Tag vollständig über die Ladefläche gezogen, obwohl es so furchtbar heiß war und sie im Dunkeln sitzen mussten.

Am 21. April 1975, vier Tage nach ihrem Aufbruch aus Phnom Penh, erreichten Sovanny und ihre Familie – zu Fuß inzwischen, der Tank des Lieferwagens war irgendwann leer gewesen und nirgendwo gab es Benzin zu kaufen – das Dorf, das von nun an ihre Heimat sein sollte: Kampong Krasang, östlich von Battambang, der zweitgrößten Stadt des Landes, auch sie vor ein paar Tagen vollständig geräumt und ihre Einwohner in alle Windrichtungen über Kambodscha verstreut.

Sovanny sah wieder den Dorfplatz vor sich, auf den sie und drei weitere Familien von schwarzgekleideten Soldaten geführt wurden. Die Dorfbewohner, ebenfalls in der Tracht der Roten Khmer, erwarteten die Neuankömmlinge bereits, eine schweigende schwarze Menge mit feindselig-verschlossenen, von der Sonne gegerbten Gesichtern. Hinter ihnen und um den Platz herum erhob sich das Dorf, ärmlich wirkende Stroh- und Bambushütten auf Pfählen, dazwischen einzelne Gemüsegärten und dahinter Reisfelder, Reisfelder, die in der leichten Brise wogten wie ein grünes Meer, und dahinter wiederum smaragdfarben der Dschungel, und für einen kurzen Augenblick, an den sie später oft mit Verbitterung dachte, regte sich Zuversicht in Sovanny, das Gefühl, dass vielleicht, irgendwie, alles in Ordnung kommen könnte.

Schon die ersten Worte des Dorfvorstehers machten Sovannys neuen Mut zunichte.

„Stellt euer Gepäck hier in die Mitte,“ kommandierte er ohne jedes Grußwort. „Das Zeug braucht ihr nicht mehr.“ Unterstrichen wurden seine Worte durch die Soldaten, die anfingen, Leuten ihre Taschen aus den Händen zu reißen und diese in der Mitte des Platzes auszuleeren.

„Ihr werdet neue Kleidung bekommen,“ fuhr der Dorfvorsteher fort, „wir tragen hier alle das Gleiche: die Uniform unserer Befreier. Für die Eitelkeiten, die euch Kapitalisten aus den Städten so zu Eigen sind, ist hier kein Platz. Von jetzt ab stellt ihr eure Arbeit in den Dienst von Angkar4, der Organisation, die dieses Land von der korrupten, durch die Amerikaner eingesetzten Regierung Lon Nols befreit hat. Von jetzt an sind wir alle Bauern, und wir alle werden Hand in Hand für unser Land arbeiten. Weil ihr aus der Stadt kommt, müsst ihr zunächst beweisen, dass ihr hier richtig anpacken könnt. Bis auf Weiteres steht ihr unter unserer Beobachtung. Wir werden euch anlernen, euch eure Arbeit, vor allem auf den Reisfeldern, erklären und euch zu guten Kommunisten machen. Wenn ihr euch als würdig erweist, wird Angkar gut für euch sorgen. Wenn ihr aber unbelehrbar seid, unerlaubtes Eigentum nicht abgebt, nicht oder zu wenig arbeitet, oft zu spät zur Arbeit erscheint und den Anweisungen von uns Basis-Leuten – also denen, die schon immer hier waren, von Anfang an die Kommunisten unterstützt und niemals Reichtum besessen haben – nicht Folge leistet, wird Angkar euch bestrafen, und wenn ihr euch als Verräter am Kommunismus und eurem Vaterland erweist, wird Angkar kein Erbarmen mit euch kennen und euch zerschmettern. Denn Angkar ist gütig, aber wehrhaft, wenn es darum geht, Kambodscha zu beschützen.“

Während der Dorfvorsteher sprach, gaben die Ankömmlinge ihre Tüten und Taschen ab, und die Soldaten leerten sie eine nach der anderen aus. Essensvorräte wurden von Kleidung und Wertsachen getrennt und auf einem gesonderten Stapel gesammelt. Sie würden später unter den Basis-Leuten aufgeteilt werden, verkündete der Dorfvorsteher. Der Rest sollte – soweit möglich – verbrannt werden. Eigentum sei ihnen nicht mehr gestattet. Besonders streng geahndet würde der Besitz von Radios, Uhren und ausländischen Büchern.

Dann wurde die Kleidung ausgeteilt, die sie ab jetzt alle tragen mussten – schwarze weite Hose, schwarzes weit geschnittenes Oberteil mit langen Ärmeln, dazu ein rot-weiß kariertes Tuch, das man um den Hals oder gegen die Sonne auf dem Kopf tragen konnte. Schuhe gab es keine.

Dorfbewohner und Soldaten führten die Familien zu ihren Unterkünften.

Sovanny sah die Hütte vor sich, ein Raum für die ganze Familie, keine Möbel, statt Herd oder Ofen eine Feuerstelle vor der Hütte. Nachts mussten alle auf dem Boden schlafen, eng nebeneinander, mit gerade genug Platz, um sich umzudrehen.

Die Mahlzeiten wurden stets zusammen eingenommen, einmal mittags, einmal abends. Dazu stellten sich alle neben der Gemeinschaftsküche, einem schlichten Dach auf Streben, ohne Wände, mit einem Ofen in der Mitte, an. Basis-Leute kochten und teilten das Essen aus. Nach dem Abendessen gab es regelmäßig Propaganda-Veranstaltungen, bei denen den Neuen im Dorf beigebracht werden sollte, kommunistisch zu denken und Angkar zu lieben. Der Dorfvorsteher, die Basis-Leute und Soldaten redeten sich dort in Euphorie über die Großartigkeit des neuen Kambodscha, des „Demokratischen Kambuchea“, wie es jetzt hieß, über die Errungenschaften von Angkar, und in Rage über alle Feinde der Organisation, Kapitalisten, Vietnamesen, Amerikaner, und all die “kambodschanischen Körper mit ausländischen Seelen“, die den neuen Staat unterwanderten und zerstören wollten, gefährliche Verschwörer, die überall sein konnten, vielleicht sogar jetzt gerade direkt unter ihnen. Wenn irgendeiner hören sollte, wie jemand etwas gegen Angkar sagte, müsste er denjenigen sofort melden. „Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Feinde uns die soeben errungene Freiheit wieder nehmen!“, brüllte der Dorfvorsteher dann. Auch anderes Fehlverhalten sollte sofort gemeldet werden: der Besitz von Wertsachen, Diebstahl von Essen und weiteres, gegen die neue Gemeinschaft gerichtetes Verhalten.

Die Soldaten der Roten Khmer waren die neuen Vertreter von Recht und Gesetz. Sie bestimmten im Einzelfall, was Vergehen war und was nicht, sie überwachten die Dorfbewohner, um die Einhaltung der Regeln durchzusetzen und subversive Subjekte sofort zu entfernen, bevor sie giftiges Gedankengut verbreiten konnten, und sie richteten die, welche Unrecht begangen hatten. Im Demokratischen Kambuchea gab es dem Gesetz gemäß nur noch eine Strafe: die Todesstrafe. Es kam aber auch vor, dass die Soldaten Gnade walten ließen und Übeltäter lediglich körperlich züchtigten, besonders wenn es sich um Frauen und Kinder handelte, die zum ersten Mal gegen eine Regel verstießen.

Im neuen Kambodscha musste jeder arbeiten, jeden Tag. Kleine Kinder halfen in der Küche oder in den Gemüsegärten, solange sie noch nicht kräftig genug für die Arbeit auf den Reisfeldern waren. Dafür bekamen sie dann auch weniger zu Essen. Wer krank wurde oder aus irgendeinem anderen Grund nicht arbeiten konnte, dem wurden die Essensrationen immer mehr gekürzt. Sovanny mit ihren elf Jahren wurde als alt genug für die entbehrungsreiche Arbeit auf dem Feld angesehen, und dort pflanzte und erntete sie dann Reis und Mais, zwölf Stunden am Tag. Anfangs tat sie sich schwer, wie die meisten Leute aus der Stadt, die so harte körperliche Arbeit nicht gewohnt waren, aber da ihnen allen keine Wahl gelassen wurde und es zusehends gefährlich wurde, negativ aufzufallen, mussten sie sich fügen.

Alles schien sich um Sovanny zu drehen, wie sie da an die Wand ihrer Küche gekauert saß, während die Erinnerungen auf sie einprasselten. So vieles hatte sie für gnädigerweise vergessen gehalten, aber es war noch da, es war alles da.

Sovanny spürte die Sonne unbarmherzig auf sich niederbrennen, ihre Hitze verstärkt von den schwarzen Kleidern, sie spürte ihren Rücken schmerzen, ein beständiges Stechen und Ziehen vom Hals bis in die Lendenwirbel, das nach ein paar Wochen auf dem Feld nicht mehr wegging, sie spürte das Jucken und Brennen überall auf dem Körper, weil sie alle weder Zeit noch Mittel für ausreichende Körperhygiene hatten und die Hütten voller Ungeziefer waren.

Die Verpflegung war von Anfang an knapp gewesen und die Auswahl bescheiden, besonders für die neu Hinzugezogenen, die sich erst als vertrauenswürdig erweisen mussten. Sovanny gewöhnte sich daran, ständig Hunger zu haben. Aber als die Monate ins Land zogen, wurde das Essen immer weniger und weniger. Der Reis und das Gemüse, das sie anbauten, wurde regelmäßig abtransportiert; für die Armee, hieß es, und als Tauschmittel gegen Waffen aus China. Die Nahrungsrationen sahen irgendwann nur noch ein paar Löffel Reis pro Kopf am Tag vor. Ständig wurde eine baldige Verbesserung der Umstände versprochen, ständig war von einem enormen Wirtschaftswachstum die Rede, und dass bald jeder so viel zu Essen hätte, wie er wolle. Trotzdem gab es immer weniger.

Sovanny war es, als wäre sie wieder dort, in Kampong Krasang, umgeben von Dschungel und Reisfeldern, jeden Tag von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang am Arbeiten, ohne Schutz gegen die brennende Sonne im Sommer und die Nässe, den Dauerregen im Winter. Abends brach sie einfach in ihren schmutzigen Kleidern zusammen und schlief vollkommen erschöpft ein, bis der Tagesanbruch sie nach wenigen Stunden wieder weckte. Als das Essen zur Neige ging, fiel ihr erst das Arbeiten, dann sogar das Aufstehen, jede Bewegung immer schwerer. Schon lange hatte sie vergessen, wie es ist, keinen Hunger zu empfinden, doch womit sie nicht gerechnet hatte war, wie schrecklich der Hunger irgendwann werden konnte, wenn einem der Magen fürchterlich weh tat, jeder Gedanke sich nur noch um Essen drehte. Ihr Bauch blähte sich auf, während der Rest ihres Körpers immer dünner und ausgemergelter wurde. Ihren Geschwistern ging es nicht anders. Ohnmächtig mussten ihre Eltern mit ansehen, wie ihre Kinder langsam verhungerten, sie konnten nichts dagegen tun.

Leaps erschöpftes Weinen hallte in Sovannys Ohren wider. Ihr kleiner Bruder war mit seinen nichtmal zwei Jahren fast noch ein Baby, und er verstand nicht, wieso er Hunger leiden musste, wieso seine Eltern, die immer für ihn da gewesen waren, ihm nicht helfen konnten. Mutter hatte ihn größtenteils noch gestillt, aber das Hungern war auch an ihr nicht spurlos vorbeigegangen – ihre Milch war versiegt. In der wenigen Zeit, die ihr mit der Familie blieb, abends vor dem Schlafengehen, wiegte sie ihren Sohn und sprach mit ihm, wiegte ihn scheinbar endlos, damit er endlich das Weinen aufhörte, und irgendwann war der Kleine so erschöpft, dass er nur noch wimmerte, und weiter wiegte sie ihn, in den Schlaf, der nicht kommen wollte, weil die Hungerschmerzen den kleinen Körper schüttelten. Sie und Vater sparten sich jeden Bissen, den sie erübrigen konnten, vom Mund ab, um ihn den Kindern zu überlassen, aber ein bisschen mussten auch sie essen, um für ihre Kinder am Leben zu bleiben und um weiter arbeiten zu können, denn wer nicht arbeiten konnte, war für Angkar entbehrlich und erhielt noch weniger zu Essen.

Als Leap im Sterben lag, beschloss Vater, Reis vom Feld stehlen zu gehen. Mutter flehte ihn an, es nicht zu tun, bettelte, dass es doch einen anderen Weg geben müsse, dass er das nicht dürfe, dass die Felder bewacht würden, auch nachts, und dass sie ohne ihn nicht wüsste, wie sie weitermachen sollte. Essen stehlen galt als Hochverrat an der Gemeinschaft und an Angkar, und wenn Vater erwischt werden sollte, drohte ihm der Tod. „Wenn ich es nicht tue, stirbt Leap,“ antwortete ihr Vater, und darauf wusste sie nichts mehr zu sagen. Also ging er los, in der Dunkelheit schlich er sich aufs Feld und stahl ein paar Handvoll Reis. Dieses Mal wurde er nicht erwischt. Mutter kochte Reisbrei für Leap. Aber es war zu spät. Als sie versuchte, ihrem kleinen Sohn von dem Brei einzuflößen, reagierte er schon kaum mehr. Als sie es doch schaffte, ihn zum Schlucken einer kleinen Menge zu bringen, erbrach er alles sofort wieder. Am nächsten Morgen war er tot.

Tränen stieg in Sovanny auf, als sie wieder an ihren armen, kleinen Bruder denken musste, Leap, der schon so aufgeweckt und schlau gewesen war, den sie von seinem ersten Tag auf dieser Welt an geliebt hatte, den sie früher wickelte und anzog, mit ihm spielte und ihm Wörter beibrachte, die er glucksend nachplapperte, Leap, der niemals etwas Böses getan hatte in seinem kurzen Leben und der so lange gelitten hatte, bis sein kleiner Körper den Kampf aufgab.

„Ich weiß, warum ich diese Grenzmauer gezogen habe,“ schrie sie innerlich, „ich weiß schon, warum ich lieber ohne Vergangenheit bin als mir diese Erinnerungen anzutun!“

Das Schluchzen brach aus ihr hinaus, als sie Leaps liebes süßes Gesicht vor sich sah, ausgemergelt vom Hunger, die Augenlider purpurn, der Rest der Haut gelblich bleich, die Augen fiebrig glänzend, und doch so ein wunderschönes Baby, sie krallte sich die Fingernägel in die Kopfhaut und raufte sich die Haare, die Tränen flossen jetzt in zwei starken Strömen und ihr war, als könne sie nie wieder mit dem Weinen aufhören, sie schlug ihren Hinterkopf gegen die Wand, um Leaps Gesicht zu verjagen und das entkräftete Wimmern, das er zum Schluss von sich gegeben hatte, es tat so weh, so dermaßen weh, oh warum…

An dem Abend vor Leaps Tod wurde Vater nicht beim Essenstehlen erwischt. Das geschah erst ein paar Wochen später, als Chanmony im Sterben lag und er sich wieder auf den Weg machte, getrieben von der Verzweiflung, nicht noch ein Kind an den Hunger verlieren zu können.

Sovanny erinnerte sich daran, wie sie auf ihn gewartet hatten, Mutter, Kosal, Jorani, Sotheara und sie. Chanmony dämmerte in einer Ecke des Raumes vor sich hin. Manchmal durchzuckten sie starke Krämpfe, die Sovanny jedes Mal selbst zusammenfahren ließen. Die Nacht schien sich ewig zu ziehen, und Vater kam einfach nicht zurück. Sovanny erinnerte sich nicht, an welchem Punkt sie alle wussten, dass etwas Furchtbares geschehen war, aber je mehr Zeit verging, desto furchtsamer waren die Blicke, die sie einander zuwarfen, desto mehr rückten sie alle zusammen, suchten die Nähe zueinander, den Schutz vor der Welt in den Armen ihrer Liebsten.

Aber die Welt ließ sich nicht aussperren. Nach einer durchwachten Nacht standen zwei Soldaten der Khmer Rouge vor ihrer Hütte. Sie brachten Vaters Leiche. Und sie durchwühlten die Hütte, warfen die wenigen Besitztümer der Familie durcheinander, auf der Suche nach Diebesgut, wie sie sagten. Schließlich war das Familienoberhaupt beim Stehlen erwischt worden. Die Familie stand jetzt unter besonderer Beobachtung. Ein Fehltritt und die Folgen wären katastrophal.

Die ständige Angst. Das ständige Gefühl, von allen Seiten bespitzelt zu werden. Die Stille. Während der Arbeit durfte nicht gesprochen werden und während dem bisschen freier Zeit, das blieb, traute man sich nicht, zu reden. Ein falsches Wort genügte, damit man verschwand. In den letzten Monaten waren immer wieder Menschen verschwunden, und es wurden immer mehr. Inzwischen verschwanden ganze Familien, meist über Nacht. Manchmal hörte man nachts Schreie aus den Häusern der Nachbarn, und am nächsten Tag war keiner von ihnen mehr da.

Kurz nach Vaters Tod starb Chanmony unter Krämpfen, die ihren ganzen Körper schüttelten. Ihr Todeskampf dauerte Stunden.

Der Geruch. Irgendwann roch das ganze Dorf nach Tod. In den Hütten lagen ganze Familien, die am Hunger gestorben waren. Viele vergifteten sich selbst, weil sie unwissentlich giftige Pflanzen aßen, auf die sie bei ihrer verzweifelten Suche nach etwas Essbarem gestoßen waren. Wer überleben wollte, aß, was er in die Finger kriegte: Blätter, Wurzeln, verrottete Pflanzenreste, Ratten, Würmer, Insekten. Manche wollten irgendwann nicht mehr überleben. Ganze Familien begingen Suizid, als sie die Hoffnung auf ein Ende dieser Hölle auf Leben verloren. Überall Tod. Sovanny war gerade zwölf geworden; es gab nichts mehr, was sie schockieren konnte. Sotheara wurde von Soldaten der Roten Khmer vergewaltigt. Ihr Körper überlebte, ihre Seele nicht. Einige Zeit lang lief sie durch die Gegend wie eine lebendige Tote, sprach kein Wort, erledigte ihre Aufgaben mechanisch, lag nachts mit ausdruckslosen offenen Augen da und starrte ins Nichts. Dann vergiftete sie sich. Mutter redete sich ein, das wäre ein Unfall gewesen, wie bei der Nachbarstochter. Im Grunde ihrer Herzen wussten sie alle, dass es das nicht war. Jorani und Kosal wurden weggeschickt, in ein Arbeitslager für Jugendliche. Sovanny blieb bei ihrer Mutter, die beiden waren jetzt ganz alleine auf der Welt. Dann musste auch Sovanny fort, in ein anderes Arbeitslager, für ältere Kinder. Ihr Leben war ein einziges großes Grauen und ständig wurde es nur noch schlimmer. Die Einsamkeit, die Angst, die Trauer, und täglich kämpfte sie sich wieder auf die Beine und machte weiter. Es hätte nichts gegeben, was sie sonst hätte tun können, denn Sothearas Beispiel zu folgen, kam ihr gar nicht in den Sinn – obwohl sie jetzt oft davon träumte, tot zu sein. Wie sie das alles geschafft hatte, wusste sie heute nicht mehr.

Sovanny schlug sich die Hände vors Gesicht und weinte. Um Leap. Um Chanmony. Um Vater. Um Sotheara. Um sich. Ihre Mutter, Kosal und Jorani hatte sie nach der Befreiung Kambodschas durch die Vietnamesen wiedergefunden. Sie war nicht vollkommen allein, wie manche, die ihre ganzen Familien verloren hatten, aber sie war vierzehn und schon eine alte Frau, und alle waren sie unrettbar zerbrochen.

„Ich muss damit aufhören,“ sagte sie sich, „ich muss aufhören, aufhören, aufhören.“

„Geht weg,“ brüllte sie innerlich die Gesichter all der Toten an, die sie von der anderen Seite der Grenze aus anstarrten. „Verschwindet und lasst mich alleine, ich kann das nicht wieder und wieder durchleben, ich kann das einfach nicht!“

Wut mischte sich in ihre Verzweiflung, Wut über ihre Verzweiflung, Wut über alles, was sie verzweifeln ließ, Wut über Lianes Brief, der den Schutzwall eingerissen hatte, den sie zwischen sich und dem Grauen errichtet hatte, Wut über ihre Naivität, die sie hatte glauben lassen, dass dieser Wall ewig halten würde, dass er hoch und stark genug wäre, sodass sie nie wieder einen Blick hinüber werfen müsste in das Land der Erinnerungen und die Grenze ausreichend befestigte, um dessen Einwohner daran zu hindern, ihr mit ihren toten Blicken in die Gegenwart zu folgen.

1Khmer = kambodschanisch, Kambodschaner/in, die kambodschanische Sprache

2Gemüse-Curry

3Fisch-Curry

4Khmer für: „die Organisation“

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