Piercingspaß, Klappe die 2.

Ich habe Babsy tatsächlich gegoogelt. Mich hat interessiert, was für eine Landsmännin sie ist, weil ich eine Wette gegen mich selbst gewinnen wollte. Und tatsächlich, meine Vermutung hat sich bestätigt: Sie entspricht nicht nur allen gängigen Klischees, die wir hier über Deutsche haben, sie ist Deutsche. Deutsche in Deutschland sind ja sehr vielschichtig im Charakter, aber Deutsche im Ausland erkennt man meist schnell heraus.
Wie auch immer…
Ich habe sie gegoogelt. Tatsächlich gibt es kaum etwas über sie zu finden, nicht einmal Wikipedia kennt sie. Nur eines kam ich nicht umhin, zu bemerken: Sie gibt auf ihrer tollen Homepage ein falsches Geburtstdatum an. Selbstverständlich ist sie älter. Eitle Ziege.
Dann, die zweite Unterrichtseinheit bei ihr. Meinen Namen hat sie sich als einzigen gemerkt *muahahaha*, ich scheine Eindruck hinterlassen zu haben. Keinen guten, wie sich später herausstellt. Den anderen erzählt sie, sie könne sich ihre Namen unmöglich merken, da sie ja sooo viel mit Menschen zu tun habe, jetzt erst wieder bei tausend verschiedenen Dreharbeiten (auch vom Googeln weiß ich, dass ihr letztes Filmprojekt ewig her ist, kein Wunder, dass sie sich den Nebenjob mit dem Unterricht krallen musste und kein Wunder auch, dass dieser sie zu frustrieren scheint). Aber Hauptsache, mal wieder wichtig gemacht. Jawoll, den unwissenden, ahnungslosen Schülern mal erzählen, was für ein Star wir sind! Und den Oscar hatten wir auch schon fast…
Zurück zum eindrucksvollen Erzquengel.
Zwei Unterrichtsstunden lang kritisiert Babsy ausschließlich mich. Egal, was wir tun, immer heißt es: “Quengel, das machst du falsch.” Sogar bei einer Übung, bei der wir frei ausgedachte Laute ausstoßen sollen, wie wir gerade lustig sind.
Alle anderen machen alles “ja soooo toll! Aber du, Quengel, solltest noch…”
Die Kritiken werden octopissig abstrus. Ich als einzige Deutsche in der Klasse werde zurechtgewiesen, ich könne kein Hochdeutsch (ich bin komplett dialektfrei erzogen worden, die einzige Sprache, die ich ordentlich kann, ist Hochdeutsch), ich würde “dem Walde” falsch aussprechen (angeblich sage ich nicht genug “deeeeeeem”) usw. usf. Egal, ich lasse mich nicht provozieren. Ich merke das alles gar nicht.
Dann, plötzlich, schnauzt mich Babsy vor versammelter Mannschaft an:
“Wann kommt jetzt endlich das Piercing raus?” Als hätte ich ihr im letzten Gespräch nicht deutlich erklärt, wann bzw. unter welchen Umständen es rauskommt.
“Erstmal gar nicht,” antworte ich ruhig.
“WAS?”, schnappt Babsy, wird rot im Gesicht, ihre Stimme eine einzige Aggression. “Es MUSS raus!”
“Ich hatte Ihnen doch bereits letztes Mal gesagt, ich täte es unverzüglich raus, sobald Komplikationen mit meiner Sprechweise aufträten,” erinnere ich sie.
Sie eskaliert weiter:” Nein, es muss sofort raus! Ich gehe zum Direktor…” WTF, sind wir hier in der Grundschule?
“Das wird wohl kaum nötig sein.”
“Oh doch, wir müssen zu dritt ein Gespräch mit dem Direktor führen, das MUSS raus!” schreit Babsy mich an, jetzt ganz eindeutig nicht mehr Herrin ihrer Gefühle. Ich weiß schon, warum mir dieser ganze “Lasst alles raus, zeigt eure Gefühle”-Kram zuwider geht, den wir lernen sollen – irgendwann kann man wahrscheinlich einfach nicht mehr erwachsen bleiben, weil die ganzen Gefühle von selbst aus einem hinausbrechen und jedes bisschen Selbstkontrolle unterbinden. Ein grauenvoller Gedanke.
“Ich halte es nicht für erforderlich, zu dritt ein Gespräch zu führen,” entgegne ich mit all der auf dieser Schule unerwünschten Gefühlsarmut, die in solchen Diskussionen meiner Meinung nach gesünder ist. “Ich werde das Piercing nicht entfernen, solange es keine Komplikationen gibt. Ich bin ein erwachsener Mensch. Und als solcher möchte ich selbst die Entscheidung fällen dürfen, wann und wieso ich mein Piercing entferne – wie gesagt, dann, wenn es stört. Nicht vorher.”
Babsy schnappt nach Luft, kann meine Unverschämtheit nicht fassen.
“Dann gebe ich dir keinen Unterricht mehr!” brüllt sie los.
“Das werden wir dann alles sehen. Könnten wir mit demselben dann fortfahren?”, hoffe ich, diesen Unsinn auch mal wieder beenden zu können.
Babsy fährt mir noch ein paar Beinahe-Beschimpfungen hin, versucht, mich vor den anderen lächerlich zu machen, macht dann aber tatsächlich mit dem Unterricht weiter.
Dann gibt sie mir keinen Unterricht mehr? ROFL, geht’s noch? Dann gibt sie mir halt keinen Unterricht mehr, dann bezahle ich sie halt nicht mehr? Was ist das denn für eine lächerliche Drohung? An dieser Diskussion sieht man eindeutig, dass es dieser Frau nicht darum geht, dass ich ein Piercing raustue, mit dem ich perfekt sprechen kann. Es geht ihr darum, dass ihr gehorcht wird. Es geht ihr darum, Recht zu haben. Es geht ihr darum, dass wir ihr nicht zu widersprechen haben. Es geht ihr schlicht und ergreifend darum, jeglichen Widerstand gegen das, was sie gut findet, zu brechen. Und mir geht es auch null um dieses Piercing – ich will ihr zeigen, dass ich oben genannte Dinge eben nicht einfach so mit mir machen lasse. Wenn ich damit einmal anfange – nämlich nach einem derartigen Kindergarten, einer von ihr induzierten Eskalation dieser Art, klein beizugeben, wird sie davon ausgehen, künftig alles mit mir machen zu können. Und auch, wenn ich mittlerweile null Bock mehr darauf habe, Schauspieler zu werden, kann ich mir nicht vorstellen, dass man in diesem Job besonders weit kommt, wenn man sich von jedem dahergelaufenen Deppen alles bieten lässt. Wie ein Lehrer von uns uns neulich noch eindrücklich klar machen wollte: “Ihr müsst lernen, euch durchzubeißen! Lasst euch nicht alles gefallen.”

Piercingspaß

Nur selten im Leben trifft man Personen, die einem auf Anhieb unsympathisch sind. Nicht einmal Octopissy gehört in diese Kathegorie Mensch. Lehrerin Babsy dagegen schon. Glücklicherweise kann man niemandem, dem sich die Nackenhaare sträuben, sobald er sie sieht, vorurteilbelastetes Verhalten unterstellen, denn schon nach fünf Minuten in einem Raum mit Babsy bestätigt sie sämtliche spontanen Ekelgefühle, die sich ihr gegenüber entwickelt haben, selbst.
Die erste Stunde bei Babsy, wir setzen uns in einen Kreis. Ihre Begrüßung fällt unkonventionell aus, kein “hallo” o.ä., sondern gleich das Folgende:
“Ihr habt mich ja bestimmt schon alle gegoogelt,” sagt Babsy in dem arroganten, selbstverliebten Ton, den wir alle jetzt noch oft zu hören kriegen.
Wir Schüler gucken uns fragend gegenseitig an: “Nein? Wieso?”
“Nun ja,” gibt sich Babsy pikiert ob soviel Gleichgültigkeit, “alles kann ich euch hier ja nicht erzählen, dann würden wir morgen noch hier sitzen. Ich gebe euch daher meine Homepage-Adresse, dann könnt ihr euch das zuhause noch durchlesen. Es wäre wohl wirklich angebracht gewesen, mich zu googeln.” Tatsächlich wirkt sie bereits beleidigt. Wie konnten wir es nur wagen, sie nicht zu googeln?
Offensichtlich haben wir ihr aber immerhin einen Vorwand gegeben, über sich zu sprechen, was sie dann doch sehr zu freuen scheint. Sie redet wohl gern über sich. Und das tut sie dann auch. Bald schalten wir alle ab und dösen so vor uns hin. Gefühlte Ewigkeiten macht sie sich wichtig mit ihrer tollen Karriere, ihren tausend Jobs gleichzeitig, ihrem wahnsinnigen Können und so weiter und so fort (wir hätten sie wirklich googeln sollen, dann wäre uns aufgefallen, was für einen Star wir da im Raum sitzen haben, von ihr gehört hat nämlich trotz ihrer krassen Karriere noch niemand von uns). Eine für den Unterricht relevante Information erhalten wir nicht.
Jetzt muss man Folgendes wissen: An dieser Schule duzt Jeder Jeden. Schüler duzen Lehrer, Lehrer duzen Schüler, alle duzen sich untereinander.
“Ach, noch etwas,” beendet Babsy ihre Lobeshymnen auf sich selbst, “das hat man euch bestimmt schon gesagt (ganz genau, an dieser Schule hat niemand Besseres zu tun, als über sie zu sprechen): Ich werde gesiezt.”
Schon ziemlich selbstsicher, wenn sich in einer Gemeinschaft wirklich alle auf eine Form des Ansprechens geeinigt haben und eine einzige Person dann hingeht und findet, sie verdiene etwas anderes. Aber fein, wenn sie meint, dann siezen wir uns eben, das ist ja auch ok, kenne ich von der Uni nicht anders.
Doch dann der Hit. Schnell stellt sich heraus, dass Babsy keineswegs meint, dass wir uns siezen. Babsy wird gesiezt, uns duzt sie aber – eine Klasse, in der ausschließlich Volljährige sind. Eine solche Konstellation der Anreden hatte ich nicht mehr, seit ich 16 war. Entweder ich habe Leute gesiezt und sie mich auch, oder ich habe Leute geduzt und sie mich auch. Aber diese billige Methode, um künstlich ein Machtgefälle aufzubauen, ein Machtgefälle zwischen ihr, unserer Lehrerin, und uns, den Erwachsenen, die sie fürs Lehrersein bezahlen, ist neu für mich. Tatsächlich behandelt sie uns dann auch wie Kleinkinder und verlangt absoluten Gehorsam.
Schon mit ihrer von oben herab gestellten Frage in die Runde, wie wir denn “so plötzlich” (O-Ton) alle darauf gekommen wären, Schauspiel zu studieren, wird klar, dass sie uns alle nicht für voll nimmt. Wer hat denn was von plötzlich gesagt? Egal, es wird uns schon erstmal unterstellt, nicht ernst an die Sache heranzugehen.
Dazu kommt die Dämlichkeit, die Babsy, entsprechend ihres barbiehaften Aussehens (barbiehaft bis auf die Krater in ihrem Gesichtsteint), an den Tag legt.
Als Schülerin Jill, die Älteste von uns, sich vorstellt mit: “Ich bin die Mutti der Gruppe, ich bin 25″, fällt Babsy ihr schon nach dem Hauptsatz, ohne sich den 2. Teil anzuhören, rüde ins Wort mit: “Nein, ich bin hier die Mutti der Gruppe! Und wie alt bist du?”
Während des Unterrichts seufzt Babsy mehrfach theatralisch, blickt von oben auf uns herunter und sagt blasiert: “Ich weiß ja, was alles noch auf euch zukommt. Ihr (leicht abfälliger Ton) wisst das nicht…” Diesen Satz habe ich in 2 h wirklich oft von ihr gehört. Sie scheint echt betonen zu müssen, dass sie etwas weiß, sonst fällt es wohl keinem auf.
Schließlich spricht Babsy mich nach der Stunde an. Was heißt spricht, sie herrscht mich eher an.
“Das Zungenpiercing muss raus!” befiehlt sie.
“Darf ich fragen, warum?”, antworte ich.
“Damit kannst du nicht sprechen.”
Ich bleibe diplomatisch, denke immernoch, mit dieser Frau könne man ein vernünftiges Gespräch führen: “Das können Sie selbstverständlich besser einschätzen als ich, aber mir persönlich ist noch keine Sprachbehinderung aufgefallen.”
“Du kannst die Übungen damit nicht mitmachen. Das muss raus, keine Diskussion.”
“Ich würde vorschlagen,” schlage ich vor, “dass ich das Piercing zunächst drinnen behalte und auf der Stelle entferne, sobald Ihnen oder mir auffällt, dass es Probleme beim Sprechen oder bei bestimmten Übungen gibt.”
“Nein, das geht nicht. Es muss raus.” Die Frau versteht es wirklich, zu diskutieren. Und da ich ihr durch mein Angebot, es sofort zu entfernen, falls es wirklich Probleme geben sollte, das Argument “Sprechen” genommen habe, braucht sie halt ein neues Argument. Auf den sofort vorgeschlagenen Kompromiss einzugehen ist natürlich unmöglich.
“Man sieht es ja auch,” fährt Babsy angewidert fort.
Verblüfft weiß ich erst nicht, was ich sagen soll. “Jaaa..?”
“Das geht nicht, dass man das sieht.”
“Selbstverständlich würde ich das Piercing spätestens in meinem Job raus nehmen, wenn ich tatsächlich mal vor der Kamera oder auf der Bühne stehe,” erkläre ich. Himmel, es ist ja wohl normal, dass man für seine Arbeitsstelle Piercings entfernt und Tätowierungen da sticht, wo es keiner sieht und sich seriös kleidet und ab und an mal duscht etc., das will sie mir nicht gerade erklären, oder?
Nein, will sie nicht. Sie will einfach Recht haben, denn sie fährt fort: “Es geht hier nicht um den Job. Man sieht es jetzt und das geht nicht. Ich muss euch ja auch in den Mund schauen und da will ich das nicht sehen.” Aha, es geht also um ihr persönliches ästhetisches Empfinden! Na, wenn das sooo ist, entferne ich das Dingen sofort, es ist ja wichtig, dass meine Lehrer mich optisch geil finden, dann ist meine Leistung auch nicht mehr so wichtig…
Mir steht der Mund offen wegen dieser Unverschämtheit, ich bin einfach baff, mir fällt nichts dazu ein. Hoffentlich sieht sie das jetzt nicht als Affront gegen sich, dass ich ihr so das Piercing präsentiere.
“Und außerdem,” führt Babsy weiter aus, jetzt mehr denn je in dem gebieterischen Ton, als spreche sie mit einem um sich schlagenden Kleinkind und nicht mit jemandem, der im Gegensatz zu ihr versucht, eine gemeinsame Lösung zu finden, “wäre es wohl kaum ein so großer Verlust.” Letzteres betont sie, als müsste sie sich gleich übergeben, weil mein Mundinneres sie so anekelt.
“Das,” entgegne ich, nun innerlich langsam echt genervt, äußerlich aber immernoch sehr freundlich, “liegt wohl im Auge des Betrachters. Es sollte jedem frei stehen, sich da eine eigene Meinung zu bilden.”
Ich glaube, für diese Art von Denken ist Babsy nicht geschaffen. Andere Meinungen zulassen? Niiieeemaaaaals! Wie zuvor bei meinem Vorschlag eines Kompromisses bricht sie den aktuellen Diskussionsstrang jäh ab.
“Es muss jedenfalls raus.” (Ein Befehl, was ihr nicht zusteht, wie ich finde) “Und das Nasenpiercing auch.” (Ok, jetzt geht es also gar nicht mehr um Stimmbildung) “Schlaf nochmal drüber.” (Jetzt tut sie so, als würde sie mir eine Wahl lassen, aber ihre Stimme spricht Bände – wenn ich es nicht rausnehme, werde ich Probleme mit ihr kriegen, sie wird mir schlechte Noten geben, egal, ob ich sie verdient habe, etc…)
“Wie gesagt, ich entferne es, sobald es mich behindert,” meine ich und gehe, bevor sie wieder mit ihrer Domina-Art anfangen kann – wenn jemand nicht das tut, was sie will, stampft sie auf den Boden und diskutiert à la: “Aber wenn ich das sage, ist das so!”
Himmel, Arsch und Zwirn – mir ist doch das Piercing vollkommen egal. Mir geht es darum, dass ich mich weder von jemandem duzen lassen will, den ich siezen muss, noch wie mit einem kleinen Kind mit mir sprechen lasse und zum Thema Piercing eben, mir erst recht keine Befehle geben lasse von jemandem, der Unsummen in den Arsch geblasen kriegt, weil er mich unterrichtet. Ich dachte, wenn man für etwas bezahlt wird, sollte man in Richtung des Bezahlenden eine Art Servicegedanken haben. Das hieße z.B., seinen Schülern auf Augenhöhe zu begegnen, nicht von Vorneherein alles abzutun, was sie sagen, dafür sorgen, dass beide Seiten mit dem Verlauf des Unterrichts zufrieden sind etc.

Let me see you stripped, down to the bone… and further, please!

Ein Hauptbestandteil des Schauspielstudiums scheint der Seelenstriptease vor dem Lehrer zu sein. Unter dem Deckmäntelchen der Selbstfindung und der Weiterentwicklung unserer Ichs horchen unsere Lehrer uns ordentlich aus, wollen alles über uns wissen. Wahrscheinlich holen sie sich dann daheim heimlich einen auf unsere Probleme runter.
Esotherika z.B., die Bewegungslehrerin, bat uns, unsere Biographie für sie aufzuschreiben. Dabei, so meinte sie, interessierten sie nicht die äußerlichen Daten, also, wann wir wo wie lange zur Schule gegangen seien etc., sondern die prägensten Erlebnisse in unserem Leben – was wir persönlich alles erlebt hätten und wann. Sie wolle, dass wir ihr das aufschrieben, weil das viel zu persönlich sei, um es in großer Runde zu erzählen. Da hatten wir sie gerade die erste Stunde. Was denkt die sich denn, was wir ihr, einer komplett fremden Person, da alles aufschreiben? Dinge, die wir nicht bereit wären, in großer Runde zu erzählen? Ja wohl garantiert nicht! “Ich will alles wissen,” beharrte Esotherika. Jaja, aber sonst ist alles klar, ja?
In einer anderen Vorstellungsrunde bei einer anderen Lehrerin wurden wir doch allen Ernstes gefragt, was “die größten Katastrophen” in unserem Leben bisher gewesen seien. Die Dinge, “die uns am meisten fertig gemacht haben”. Was geht das denn die Leute an? Wenn ich wirklich mit Method Acting (Schauspielmethode, bei der man Gefühle dadurch spielt, dass man sich an eine Situation erinnert, in der man genau so gefühlt hat) arbeiten will, dann reicht es doch, dass ich weiß, an welche Katastrophe ich beim Weinen denke?
Meine Mitschüler scheinen das größtenteils weniger befremdlich zu finden. Frank und frei erzählen sie davon, dass ihre Eltern sie nie in den Arm genommen haben, dass sie als Teenager unterentwickelt und zurückgeblieben waren, so sehr, dass niemand ihr Geschlecht erkennen konnte, wie ihre Eltern sich getrennt haben etc. Ich finde das alles nur peinlich. Es ist mir schon unangenehm, bei den anderen zuzuhören, wie sie ihre Seelen entblättern. Geschweige denn, dass ich selbst bereit bin, derartig indiskret zu sein.
“Katastrophen? Das kommt doch immer auf den Blickwinkel an. Aus der richtigen Sicht der Dinge gibt es keine Katastrophen. Man darf sich eben selbst nicht immer so ernst nehmen…”
Meine Antwort befriedigt die Skandalgier der Lehrerin nicht. “Ok, was fandest du dann nicht so schön?”
Meine Fresse, dann sauge ich mir eben etwas aus den Fingern. Nur eine Sache reicht der Lehrerin aber immer noch nicht. “Und weiter?”, bohrt sie nach. Langsam reicht es ja wohl…
Bestimmt ist das keine Schauspielschule. Selbst Esotherika bezeichnete die Schule schon als “Labor”, wo wir uns selbst erforschen. Wahrscheinlich stimmt das auch zur Hälfte: Die Schule ist ein Labor, wo Menschen, die merkwürdig genug sind, um Schauspiel studieren zu wollen, von außen beobachtet und erforscht werden wie Karnickel im Käfig. Unsere intimen Schilderungen unserer Probleme und schlimmen Erfahrungen sind nur eins von vielen Experimenten, die Ergebnisse bringen sollen bei der Suche nach dem “Merkwürdigkeitsgen”…