Die Philologin

Sie stellt sich Liebe vor.
Wenn sie Langeweile hat, überlegt sie sich, wie es sein könnte.
Liebe.
Sie lässt sich das Wort auf der Zunge zergehen,sie rollt es hin und her, dreht es um, befühlt es und schluckt es hinunter. Es bleibt ihr im Hals stecken und verschließt ihre Luftröhre.
Sie muss würgen, um nicht daran zu ersticken.
Das Wort schlägt um sich, während seine Fremdartigkeit sie erschauern lässt, anwidert.
Ihre mangelnde Anteilnahme, ihr Unglauben und ihre Unmenschlichkeit töten das Wort schließlich.
Sterbend liegt es auf ihrem Sternum und windet sich in den letzten Krämpfen.
Sie spürt das Ende nahen und zuckt gleichgültig mit den Schultern, bevor das Organversagen beginnt, wo das tote Wort durch ihren Körper sickert.
Worte sind Schall und Rauch, „Liebe“ hört sich auch lächerlich an, wenn man es oft genug sagt.

Liebeliebeliebeliebeliebeliebeliebeliebeliebeliebeliebeliebeliebeblablablablablabablablabla.

(Ein Lachen auf den kalten Lippen.)

Heimweg (mit Musik)

Flasche Jägermeister im Kopf.
Viel zu betrinken gewesen. Deprimiert. Alles wie immer. Alles lustiger, sobald es sich dreht.
Ich laufe heim.
In meinen Ohren laut Musik, übertönt den Lärm der Welt, der nachts eigentlich aushaltbar ist.
Nine Inch Nails.
The stars are all a fire in the sky; sometimes I get so loney I could-
Die Straße neben mir.
Schwarz vor mir. Ab und an Scheinwerfer. Kommen auf mich zu. Fahren vorbei.
Ich sehe keine Autos, nur Scheinwerfer.
Halten auf mich drauf.
Plötzlich mehr Scheinwerfer, nein, näher.
Scheinwerfer fahren auf mich zu. Ich sehe mich in ihrem Schein, eine kleines, unscheinbares, schwarzes Etwas. Lächerlich. Zu dünn. Schatten unter den Augen, sicherlich. Narben auf den Armen. Sicher viel zu blass.
Moment. Irgendetwas stimmt nicht. Die Scheinwerfer gehen nicht weg.
Ich kneife die Augen zusammen. Warum gehen sie nicht weg?
Das Auto hat gehalten. Es steht am Straßenrand, zusammengekauert, ein lauerndes, dunkles Etwas. Golf? Ich lache. Aber nur leise.
Golf. Ich laufe weiter, meinen Weg an der Straße entlang.
Keine Scheinwerfer mehr, irgendwie.
Aus dem plötzlich dunklen, stillen Auto am Straßenrand steigt ein Typ.
Ich laufe weiter, auf ihn zu, an ihm vorbei.
Kopf gesenkt.
Ruck in meiner Wirklichkeit.
In the blur of serenity, where did everything get lost?
Der Typ hat mich gepackt. Ich schaue ihn an, er sieht ganz normal aus, halblange Haare, schwarze Augen, aber, meine Güte, es ist eh ziemlich dunkel, was soll ich schon erkennen?
Überrascht glotze ich ihn weiter an.
Er hält mich mit eisernem Griff.
„Was…?“
Keine Antwort, kein Wort, ich spüre nur, wie seine Hand an meinem Arm fester wird, mich stärker umklammert.
Irgendwas stimmt hier nicht? Ich winde mich, versuche, mich zu befreien, seine Finger bohren sich in meinen Arm.
In meinen Ohren singt der MP3-Player.
I still recall the taste of your tears. Echoing your voice just like the ringing in my ears.
Nur Dunkel, keine Scheinwerfer mehr. Verdammt, wo sind die Scheinwerfer?
Keine Autos. Stille. Nur die Musik tief in mir.
Und darüber schwer, ekelhaft, sein Atem.
Er hat mich gezogen, irgendwo hinter, mir fehlt der Überblick, meine Welt dreht sich gerade nicht mehr so, wie sie soll, etwas läuft schief, und ich kann mich nicht wehren. Wie eine Puppe lasse ich mich bewegen wie gewünscht, tue nichts mehr dagegen.
Ich liege irgendwo, oder lehne ich?
Immer noch sein Atem, schwer und erregt.
Seine Finger, verschwitzt und dicklich. An Stellen, an denen sie nicht sein sollten. Meine Bluse reißt. Der Reißverschluss meiner Hose springt auf. Überall diese Finger. Sie sind in meiner Hose, sind in mir, ich wünschte, ich wäre weit fort.
Sein Atem. Ich spüre ihn auf mir.
Grey would be the colour if I had a heart. Musik in mir.
Er in mir. Keuchend, schwitzend, auf mir, zwängt er sich in mich, ich spüre keine Schmerzen, kein Nichts, ist das so, sollte es so sein?
Er ist überall, ich bin er, er ist ich, ich höre auf, zu existieren.
Immer noch keine Scheinwerfer.
But you’re too physical, physical too me.
Warum geht er nicht weg? Er hängt noch immer über mir, hampelt und keucht sich einen ab… Hält mich fest, so fest, ich kann nicht fort, er umarmt mich, als würde er mich lieben.
Er fängt an, zu zucken und ich spüre ihn tief in mir kommen, ich schließe die Augen und wünsche, er würde einfach weg sein, wenn ich sie öffne.
Er lässt ab von mir, irgendwohin hat er mich getreten, wohin? Ich spüre doch nichts mehr, wohin?
Ich höre einen Motor anspringen, ich sehe Scheinwerfer durch meine geschlossenen Lider hindurch.
Ich öffne die Augen, wo ist er hin? Ist er wirklich weg?
Ich rapple mich auf, ziehe meine Kleider wieder an, so gut das noch geht, taumle ein wenig beim Weiterlaufen. Noch immer kein Gefühl. Wo ist es hin?
Beim Gehen merke ich, wie er aus mir herausläuft und mit jedem Schritt laufe ich schneller, schneller, weg. Noch immer spüre ich keine Schmerzen.
Da, endlich!
Dunkle Straße.
Scheinwerfer.
Scheinwerfer halten auf mich zu.
Ich auf der schwarzen Straße.
Im Licht, im gleißend hellen Licht, plötzlich.
Zu hell? Halten auf mich drauf?
Mehr Scheinwerfer, nein, näher.
Verdammt, ich fühle doch nichts.
In meinen Ohren übermächtig die Musik, alles, was ich noch mitkriege.
Problems have solutions. A lifetime of fucked up things up fixed in one determined flash.
Bang.
Everything’s blue in this world.
The deepest shade of mushroom blue.
All fuzzy.
Spilling out of my head.

Woher plötzlich all die Lichter um mich?

Die blaue Blume

Die Welt hatte nach seinem Schlag noch nicht ganz aufgehört, sich zu schnell um sie zu drehen, da nahm er sanft ihr Gesicht in die Hand und zog es zu sich hin. Langsam öffnete sie die Augen und sah ihn an, während er ihr besorgt das Haar aus der Stirn strich. Vorsichtig versuchte sie, zu lächeln.
Er ließ sie nicht los, umfasste sie leicht, und dann drehte er ihren Kopf Richtung Licht.
„Ich schaue nur nach, ob du einen blauen Fleck kriegst,“ sagte er leise. „Nicht, dass die Leute morgen sonstwas denken.“
Sie wusste, sie hatte verdient, was sie kriegte, aber trotzdem – oder vielleicht genau deswegen – kamen ihr die Tränen. Sie wünschte, er würde einmal verständnisvoll reagieren, sie wünschte, er könnte ihr vergeben, dass sie immer so war, sie wünschte, sie könnte ihn glücklich machen, sie wünschte, sie könnte ihn zu dem Mann machen, der er sein wollte statt ihn immer wieder wütend zu machen, bis er ausrastete. Sie wusste, dass er es hasste, wenn er wütend war und dass er sie nicht gern schlug. Aber sie ließ ihm eben keine Wahl, das wusste sie auch, und dass sie ein wertloses Stück Scheiße war, seiner nicht würdig.
„Ach komm schon, Kleine,“ sagte er und nahm sie in den Arm. „Ich bin nicht mehr sauer, okay? Es tut mir leid. Es tut mir so leid. Hör bitte auf zu weinen, bitte. Sonst fang ich auch gleich an.“ Tatsächlich hörte sie die unterdrückten Tränen in seiner Stimme, aber das machte es nur noch schlimmer und sie fühlte sich noch schuldiger. Trotzdem kämpfte sie gegen ihren Heulkrampf an, denn sie würde nie wollen, dass es ihm noch schlechter ging. Zitternd hielt sie sich an ihm fest, bis das Schlimmste vorbei war und sie sich wieder halbwegs unter Kontrolle hatte, und er hielt sie in seinen starken Armen und wiegte sie, und dann hob sie ihren Kopf und er gab ihr einen Kuss, so sanft wie der Flügelschlag eines Schmetterlings, auf die Wange, die sich noch immer heiß anfühlte.

Wann sie mit dem selbstverletzenden Verhalten – so nannte man das korrekt, nicht Ritzen, Schneiden oder etwas ähnlich Blutrünstiges – angefangen hatte, wusste sie gar nicht mehr so genau. Irgendwann zu der Zeit, als das Leben langsam immer komplizierter wurde und ihr klar wurde, dass sie mehr als nur fehlerhaft war und dem allen mit Sicherheit niemals gewachsen sein würde. Vielleicht mit 12, vielleicht mit 13. Irgendwann nach der ersten großen Liebe, zwischen der ersten großen Enttäuschung und der Scheidung ihrer Eltern.
Jahre war das inzwischen her und mittlerweile konnte sie die Stimme der Depression nicht mehr von ihrer eigenen unterscheiden. Natürlich wusste sie, dass man Depressionen als Krankheit klassifizierte, aber ihr kam es eher so vor, als hätte sie einen Parasiten im Gehirn, der beständig wuchs und fraß, wuchs und fraß, langsam ihr komplettes Denken übernahm, ja, ihr Denken wurde, bis dort oben alles, was einst sie gewesen war, nun Depression war und eventuelle Eigengedanken ihr nur noch als letzte Zuckungen ihres sterbenden Geistes vorkamen.
Dazu kam der Schmerz. Ihre Psyche tat ihr weh wie anderen nur Körperteile weh tun konnten. Der Schmerz verließ sie nie.
Er war dumpf pochend an guten Tagen, konstant und zerstörerisch wie das ständige Tropfen, das irgendwann jeden Stein aushöhlt – schrecklich in seiner unbeirrten Geduld, aber manchmal konnte sie ihn sogar ignorieren.
An den schlechten Tagen dagegen glich der Schmerz einer heißen Nadel, die sich durch ihre Psyche wühlte, wild, kreischend und nicht auszuhalten. An diesen Tagen musste sie sich ihm stellen und den Kampf aufnehmen, wenn sie nicht wollte, dass ihre Suizidgedanken die Oberhand gewannen. So hatte sie mit der Selbstverletzung angefangen – sie tat ihrem Körper weh, um den viel schlimmeren Schmerz der Depression zu unterdrücken. Sie schnitt sich, verbrannte sich, schlug sich… Und es half, zumindest ein bisschen. Aber ihre Depression wurde stärker, deshalb brauchte sie stärkere körperliche Verletzungen. Aus Scheren wurden Messer wurden Skalpelle und noch immer war kein Ende abzusehen. Aber wenn es ihr half, bei Verstand zu bleiben, waren Aufenthalte in der Notaufnahme und von Narben entstellte Extremitäten ein geringes Übel.

Vor sechs Monaten dann lernte sie Stef kennen. Sie beide verstanden sich sofort und kamen bald zusammen. Natürlich dachte sie anfangs, eine glückliche Beziehung könnte sie von ihren Gespenstern heilen, aber das entpuppte sich bald als Wunschdenken. Dazu kam, dass die Beziehung nicht lange glücklich verlief. Stef hatte zwar schon früh die Narben an ihren Armen und Beinen bemerkt, aber als er erfuhr, dass sie vorhatte, sich weiter Neue zuzufügen, rastete er aus. Er sagte ihr, dass er sie liebe und dass es ihm selbst weh tat, wenn er neue Wunden an ihr sah. Da war es also: Sie verletzte einen geliebten Menschen, weil sie so scheiße war. Sie fühlte sich wie der letzte Dreck und wurde von Schuldgefühlen geplagt. Das half nicht gerade, denn umso mehr dachte sie, sie hätte jetzt ordentlich körperliche Schmerzen verdient. Aber ihm zuliebe versuchte sie, aufzuhören. Ein paar Wochen ging das gut, dann kamen zwei schlechte, sehr schlechte, Tage am Stück. Als er die Schnitte sah, verlor er die Beherrschung und schlug sie. Sie warf es ihm nicht vor, wusste sie doch, dass es aus Liebe geschehen war und sie es genau genommen verdient hatte. Aber sie konnte eben nicht aufhören, sich und damit ihn zu verletzen. Durch ihr ständiges schlechtes Gewissen wurde es sogar noch schlimmer. Und er? Sobald er neue Wunden sah, hatte sie seine Faust im Gesicht. Er entschuldigte sich oft bei ihr, fügte aber hinzu, er habe zum einen die Hoffnung, es ihr so austreiben zu können und zum anderen ginge es ihm dann zumindest etwas besser. Also ließ sie es geschehen.

Und da waren sie, saßen in seinem Auto und er hielt sie.
„Ich liebe ihn so sehr,“ dachte sie, als er ihre Wange küsste. „Wenn ich nur endlich aufhören könnte, ihn unglücklich zu machen.“
„Na komm,“ unterbrach er ihre Gedanken, „ich muss morgen früh raus. Am besten, du gehst jetzt rauf in deine Wohnung, machst dir noch was zu essen und ich ruf dich morgen an.“
„Okay, Schatz,“ sagte sie, während sie die Autotür aufmachte. „Komm gut heim, ja?“
„Klar, ich schreib dir noch eine SMS.“ Er küsste sie auf den Mund und machte dann eine Husch-Husch-Bewegung mit den Armen, doch er lächelte, machte also nur Spaß. „Gute Nacht, Kleine!“
„Gute Nacht, Schatz.“
Sie stieg aus, schlug die Tür zu, und winkte ihm nach, bis er um die Ecke gebogen war. Dann kramte sie ihren Schlüssel hervor und machte sich auf den Weg zur Haustür.

Natürlich machte sie sich kein Abendessen mehr, Depressionen fressen nicht nur das Ich, sondern auch solche Marginalien wie Hunger, Schlaf oder Sexualtrieb (obwohl sie letzteres vor Stef verbarg und ihm gab, was er brauchte). Stattdessen ging sie erstmal ins Bad, um sich abzuschminken und den unbequemen BH auszuziehen. Als sie mit dem Abschminktuch an ihre Wange kam, zuckte sie vor Schmerz zusammen. Und dann sah sie in der hellen Lampe über ihrem Spiegel etwas.
Stef hatte nicht gut genug hingeschaut: Auf ihrem linken Wangenknochen erblühte ein Veilchen, noch vorwiegend rot, aber in der Mitte wurde es schon bläulich. Vorsichtig fuhr sie mit ihren Fingern darüber, während sie weiter im Spiegel darauf starrte. Sie konnte ihre Augen einfach nicht davon abwenden. Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie so da stand und dem Hämatom dabei zuschaute, wie es langsam die Farbe wechselte, das Blau langsam in das Rot lief. Sie stand einfach da und starrte sich selbst an – eine junge Frau mit dunklen Haaren, blassem Gesicht und einem inzwischen dicken blauen Fleck auf der Wange. Versuchshalber drückte sie leicht darauf – und zuckte sofort unter erneuten Schmerzen zusammen. Da hatte sie plötzlich das Gefühl, als risse die Wolkendecke in ihr auf, die ihre Depressionen über ihren Geist gespannt hatte, und ein einzelner, scharfer Gedanke schnitt durch das Grau, der erste Gedanke seit Ewigkeiten, von dem sie genau wusste, dass er von ihr selbst kam, nicht von dem grauen Monster:

„Falsch. Falsch. Falsch. Das ist falsch!“

Er traf sie härter als Stefs Faust das je vermocht hätte und sie fühlte sich, als müsste sie sich setzen. Sich setzen und vielleicht ein Glas Wein trinken. Aber sie blieb wie festgefroren vor dem Spiegel stehen und hörte zu, denn dem einen Gedanken folgten weitere. Ihr Ich sprach zu ihr und es hatte einiges zu sagen. So verharrte sie, bis der Monolog beendet war.

Dann ging sie nachdenklich ins Bett, und als sie am nächsten Morgen aufwachte, wusste sie, was sie zu tun hatte, wenn Stef sie heute anrief.

Liebe hin oder her.

Die Krankheit

Ich hasse sie leise am Morgen und laut in der Nacht.

Sie sind der Grund, aus dem ich sterbe, sie zehren mich aus.

Nie lassen sie mich los, sie hängen an mir, dringen in mich ein und machen mich kaputt.

Alles haben sie mir genommen, alles, und ich kann niemals wieder glücklich sein.

Kleine Parasiten, die auf mir und in mir herumkrabbeln, machen, dass ich sie aus mir hinauskratzen will, bis ich überall blute.

Sie wüten, sie zerstören, eins nach dem anderen, oft so schnell, dass man sie kaum wahrnimmt, dann quälend langsam, sodass ich jede Einzelne von ihnen spüre.

Ich wäre so gerne frei von all dem, frei und allein und endlos könnte ich fliegen, wäre ich nur frei.

Doch sie lassen mich nie allein, sie fressen von mir und werden stärker und stärker.

Anfangs habe ich sie gar nicht gespürt, aber irgendwann merkte ich, wie sie an mir nagen. Seitdem wurde es immer schlimmer, mit jedem Moment, der vergeht, nehmen sie mir mehr, mehr von mir, mehr von allem. Inzwischen habe ich begriffen, dass ich sie nicht mehr los werde, sie werden mich bis an mein Ende begleiten und immer mehr Macht gewinnen, wobei die Tortur sich immer und immer länger hinziehen wird.

Immer länger der Schmerz, doch gefühlt ist es einen Wimpernschlag her, dass ich so viel jünger war, so viel weniger geplagt, so viel gesünder und so viel mehr voll Hoffnung.

Das alles machen SIE, nur Sie. Die Minuten.

Funktionieren

Glücklich sein und funktionieren, glücklich sein und funktionieren, ich kann nicht immer glücklich sein und funktionieren.

Konsum. Schönes Zeug. Schöne Menschen. Partytime. Yeah, Partytime. Komische Substanzen konsumieren, aber nicht zu doll – noch sozial adäquat bleiben. Ich sehe so schön aus, so begehrenswert, kommt alle her und legt mich flach, ich bin das Berlin Citygirl, na sehen wir nicht geil aus, Leute, meine Freundinnen sind auch total heiß auf Schwänze.

Brechreiz. Leben. Erzähl mir nichts von Leben. Sexy und sexuell verfügbar. Intelligent, gebildet, unnahbar. Das Vorstadthaus mit den Kindern und dem Mann und dem Volvo in der Garage. Frei sein und erfolgreich und schön und stolz darauf sein, dass man KEIN Vorstadthaus hat. Ich bin ja so glücklich. Ich habe alles, was ich brauche. Aber ich will mehr. Das ist gut so, dann gebe ich mehr Geld aus. Geld haben ist auch gut. Geld ausgeben ist noch guter. Ääh besser. War Intelligenz jetzt gefragt oder nicht? Überqualifiziert, unterqualifiziert, Loser. So alleine.

Und nachts wache ich auf und heule.

Studium schaffen, Jura oder Medizin oder BWL, irgendetwas Vernünftiges. Oder etwas total Abgedrehtes, Schauspielerei oder so. Hauptsache smart und sexy, smart und sexy und glücklich, glücklich, wir sind glücklich.

Abgestumpft, aber klug daherreden. Freunde, viele schöne Freunde mit teuren Sachen, gar kein Problem. Immer schön im Takt.

Manchmal könnte man doch einfach nur noch schreien. Sachen kaputt schlagen, Menschen kaputt schlagen, von hohen Dingen springen, wie lächerlich.

Mainstream ist das Ziel und Gemochtwerden voll toll.

Wir wollen doch alle nur satt werden und Appetit gemacht kriegen, gleichzeitig. Glückliche Beziehung, Frühstück ans Bett, Liebeserklärungen im Mondschein und Heiratsanträge im Knien. Platzen könnte man vor Glückseligkeit und sucht sich die nächste Affäre. Wie unabhängig, wie cool. Und weg ist das Vorstadthaus, ach, was für ein Unsinn, da ist es ja noch, weil wir uns doch alle mal verarschen lassen, kommt vor.

Betrogen fein, traurig meinetwegen, aber keine Tränen. Schlägt dich dein Typ, dann denk dir einfach, es könnte schlimmer kommen oder so. Stark und munter und immer dabei. Wir wollen doch nur das Eine: Alles.

Ein Einhornleben

Zum Träumen ist es nie zu spät
Einhornblümchen weit aussäht
Mein Jan, der mich nie verlässt
Mein Einer, er hält mich so fest

Dem Leben kommt die Zeit nie zu
Kaum erwacht – nur ich und du
Mein Mann und ich wir sind zwei
Zusammen, zusammen nur 2frei

Zum Sterben wollen wir nie hin
Das wär’ nie unser beider Sinn
Wir beide werden ewig leben
Und zu uns’rer Wahrheit streben.

Die böse Schwiegertochter

Ich bin depressiv, kaputt und voller Narben
Mein Körper ist gepierced und voller Farben
Anstößige Tattoos, zu viele radikale Ansichten
Was werde ich mit deinem Kind nur anrichten?
Ich rauche, ich trinke und bin selten am Boden
Und bald klaue ich deinem Sohn seine Hoden
Die kommen in ein schönes Einmachglas
Hoch auf meinem Regal, na wie wäre das?
Auf der Straße und im Bett bin ich eine Sau
Und zu Hause kein bisschen gute Hausfrau
Meine Bude sieht nicht aus wie in Indoor Living
Meine Einstellung ist sicher nicht sehr forgiving
Keine Zeit zum Putzen, ich lebe bedingungslos
Habe Spaß dran und sage dir schonungslos:
Für deine heile Welt werde ich mich nicht ändern
Da kannst du dich gerne grün und blau ärgern
So bin ich nun einmal, respektlos, böse und laut
Ich werde nicht geschlagen, ich bin es der haut
Zumindest wenn man meine Geliebten bedroht
Sie verletzt, sie beleidigt, dann sehe ich rot
So hast du dir mich sicher nicht vorgestellt
Aber für dein Kind spiele ich gerne den Held
Denn er gehört zu den Genannten allerdings
Für ihn mache ich alles, alles schlechterdings.
Normal und angepasst werde ich niemals sein
Darauf trinke ich jetzt meinen zehnten Wein
Hoch die Tassen, wir trinken auf das Flittchen
Auf dass sie nicht wie gedacht landet im Kittchen.
Ich entschuldige mich also absolut und zutief
Dass ich mit diesem deinem Sohne schlief
Ihn rücksichtslos in meinen Besitz brachte
Und ihn fürchterlich in mich verliebt machte
Dennoch tut es mir irgendwie absolut nicht leid
Denn er macht mich froh, er füllt meine Einsamkeit
Und ist es dir egal ob meiner Merkwürdigkeit,
Auch er ist glücklich in unserer Gemeinsamkeit.
Ich arbeite nichts Gescheites, ich werde Autorin
Zu meiner Beerdigung fahr’ ich mit dem Auto hin
Dann können sie mich verkehrtrum vergraben
Sodass ein jeder kann am Arsche mich gern haben.

Solitude à Paris

Paris, die Stadt meiner Träume.
Schon als ich aus dem TGV stieg, spürte ich es. Nichts Bestimmtes, ich kann es auch wirklich nicht sagen, es ist irgendwas in der Luft, irgendwas in der Art, wie die Menschen über den Bahnsteig huschen.
Hergekommen bin ich wegen Patricia.

Letztes Jahr war ich in Saint-Jean-de-Luz, und in einer Kneipe am Strand lernten wir uns kennen. Wir redeten viel, viel übereinander, wir gingen Hand in Hand am Strand spazieren, wir küssten uns zum ersten Mal in den Dünen. Und wir sprachen, sprachen übereinander, und gingen noch mehr spazieren. Ehrlich gesagt hatte ich irgendwann das Gefühl, dass wir alles über einander wüssten. Irgendwann haben wir einander gesagt, dass wir uns lieben.
Und am nächsten Tag mussten wir beide zurück nach Hause.
Sie wohnt in Paris, ich wohne in Marseille.
Wir wussten, wir würden uns wieder sehen.
An diesem Tag, an dem wir uns in den Dünen liebten, gaben wir uns das Versprechen, uns am nächsten Tag wieder zu sehen, um uns auf Wiedersehen zu sagen.
Und dann brach sich Ètienne das Bein. Und die Dinge verliefen wie in einem klassischen Hollywood-Film. Ich habe ihn ins Krankenhaus gefahren, ich kam zu spät zu meiner Verabredung mit Patricia, ich stand ewig rum in der blöden Hoffnung, sie würde doch noch irgendwie irgendwo auftauchen… Aber es war zu spät. Und im Gegensatz zu einem Hollywood-Film, in dem die ganze Sache zuletzt doch noch geklappt hätte, tat sie es hier eben nicht. Ich war zu spät gekommen. Punkt. Sie war weg. Punkt.
Aber ich liebe sie. Auch Punkt.

Und jetzt bin ich hier, in Paris. Sie hat mir gesagt, sie wohnt im Quartier de l’Arsenal. Und ich kenne ihren Namen: Patricia Dubois. Meine Chancen sind nicht perfekt, aber das ist mir egal. Ich werde sie finden.

Ok, so langsam bin ich frustriert. Es ist echt saumäßig schwer. Wahrscheinlich habe ich schon das halbe Viertel durchgearbeitet, aber ich habe sie nicht gefunden. Was soll ich tun, was soll ich bitte tun? Ich muss sie finden. Ich muss sie finden.

Nächster Morgen. Ich habe die Nacht im Hotel geschlafen und mache mich jetzt aufs Neue auf den Weg. Noch gebe ich nicht auf. Ich werde sie nicht verlieren, weil der blöde Ètienne sich das verfluchte Bein gebrochen hat, das kann doch nicht wahr sein, bitte!

Also auf, ein neuer Morgen, ein neuer Mut. Mein Streifzug geht weiter. Und jetzt erweitere ich meine Suche: ich schaue nicht nur an jeder Klingel nach, sondern ich gehe in jeden Laden rein und frage, ob einer meine Patricia kennt. Trotzdem überall das gleiche Ergebnis: Keins.
Ich suche weiter. Ich arbeite eine Klingel nach der anderen ab, ich lese irgendwann alles zweimal, um nichts zu verpassen. Und dann gehe ich zurück und lese es noch einmal. Sie ist einfach nirgendwo. Meine Patricia. Wie konnte ich nur so dumm sein, sie zu verlieren?

Irgendwann ist es wieder Nacht und ich gehe in die nächste Kneipe, die offensichtlich noch Zimmer oben frei hat. Scheiße, das ist so dermaßen schief gegangen, so verdammt schiefgegangen, und noch immer habe ich meine Patricia noch nicht gefunden.
Ich kriege ein Zimmer, zu einem horrenden Preis, ich muss mich wohl noch an Paris gewöhnen, und das ganze ohne Frühstück, weil das noch mehr horrenden Preis oben drauf gekostet hätte.
Immerhin hat diese Kaschemme eine Bar unten, und ich bin gerade so genervt, enttäuscht und frustriert, dass ich sie konsultieren kann.
Ich lasse mich an der Bar nieder.
“Einen Pastis bitte.”
“Danke.”
Und runter mit dem Zeug.
“Noch einen Pastis, bitte.”
“Danke.”
Ja, so läuft das bei uns Frustrierten.

Und die Zeit vergeht, und irgendwann kann ich mich kaum noch auf meinem Stuhl halten, und es ist mir trotzdem vollkommen egal, und ich schnauze den Typen an, der mir helfen will.

Tja, und dann bin ich so besoffen, dass ich dem Barkeeper erzähle, wieso ich da bin. Ich fürchte, dass ich auch irgendwann ein wenig unsachlich geworden bin, die Sache mit mehr Worten erzählt habe, als sie unbedingt brauchte, und so weiter….
Woran ich mich auf jeden Fall immer erinnern kann, ist der Moment, in dem ich so superbesoffen sage: “Aaaauuuuf jeden Fall werde ich Patricia immer lieben.”, der Barkeeper meint: “DIE Patricia?”, ich keine Ahnung habe, wovon er jetzt schon wieder labert, und mich dann plötzlich jemand von hinten packt, umdreht, auf den Mund knutscht, und der Barkeeper süffisant sagt: “DIE!!! Patricia!”

Das borstige Gedicht

Ich weiß du legst wert auf Reime und auf Zeilen
Aber ich lege einfach nur Wert auf mein Borsti
Wenn ich dabei bin, an einem Gedicht zu feilen
Ist mir einfach nur wichtig es gefällt dem Thorsti

Um mich zu animieren höre ich ein wenig Musik
CCR, Led Zeppelin oder Chopin, nichts so gut
Dass es dauerhaft nicht standhält deiner Kritik
Oder wenn ich dann mal loslege, meiner Wut.

Ich habe es jetzt hinausgezögert, mein Schatz
Dir zu sagen, dass ich dich über alles liebe, und
Der Ort, wo du mit mir bist, der allerbeste Platz
Wo wir sind, ist alles gut, dort läuft alles rund.

Wenn die Liebe nicht weiß, was sie sagen soll
Das Glück in mir wächst und sich groß macht
In meiner Seele ist es einfach nur wundervoll
Dass mein Geist sich bewegt und dann aufwacht.

Eine Geschichte für Jan Masurczak

Seit 30 Tagen sitze ich jetzt an dieser Bar und trinke einen Long Island Ice Tea nach dem nächsten. Ich bin inzwischen ernsthaft angetrunken, könnte kotzen, oder schlafen, oder auch nicht, denn wenn ich zurück auf mein Zimmer gehe, gäbe es deutlich mehr Anlass zum Kotzen als nur Alkohol.

Wie ich hier gelandet bin, in diesem blöden Hotel, auf einem Zimmer mit ANDREAS, dem Dauernörgler, das ich nur verlassen darf, um an die Bar zu gehen?
Tolle Story. Vor etwa einem halben Jahr geriet ich mit meinem Motorrad unglücklich unter einen LKW und konnte nur noch in Einzelteilen gerettet werden. Naja, “gerettet” ist vielleicht euphemistisch. “Geborgen” passt da wohl besser. Es hat gar nicht erst jemand versucht, mich wiederzubeleben, es erschien ihnen wohl müßig angesichts der Tatsache, dass zwei 100 m voneinander entfernt stehende Sanitäter problemlos eine Herz-Lungen-Wiederbelebung hätten durchführen können – immerhin lag mein Kopf im Straßengraben und mein Torso unter meinem Motorrad unter dem LKW.
Nach ein paar interessanten Einblicken in die Momente direkt nach meinem Tod wurde ich auch schon weitergeleitet. Mein Sachbearbeiter, ein gewisser Herr Sartre, stellte nach Überprüfung meiner Akten fest, dass die großen Bosse sich noch nicht vollständig über meinen Aufenthaltsort im ewigen Leben geeinigt hätten. Momentan werde noch über Himmel oder Hölle beratschlagt, aber die Kapazitäten seien derzeit schlimm überlastet und so könne das Ganze gut und gerne noch ein paar Monate dauern. Desweiteren käme es schon einmal vor, dass man einfach dorthin geschickt würde, wo als erstes ein Zimmer frei würde. Die Überbrückungszeit verbrächte man traditionsgemäß im Hotel “Vorhölle”, wo man sich jeweils zu zweit einen Raum teilte. Würde das einmal zu anstrengend, gäbe es noch die Hotelbar.
So war das.

Anfangs habe ich auch wirklich versucht, das Beste aus meiner Situation zu machen. Ich war sogar fast beschwingt, als ich von Herrn Sartre zum Hotelzimmer geführt wurde, ich meine, das hörte sich doch gar nicht so schlecht an, Zimmer und Bar… Nicht, dass ich noch nie einen Urlaub genau so verbracht hätte. Aber die gute Laune hielt nicht lange an. Herr Sartre führte mich zum Zimmer mit der Nummer 1408, klopfte an und öffnete dann die Tür. “Herr Bünzli, Ihr neuer Zimmergenosse ist da,” verkündete er und wandte sich zum Gehen. Neugierig streckte ich meinen Kopf in das Zimmer. Typisch Hotelzimmer: stabile, ein wenig abgewohnte Möbel, trotzdem schön sauber. Links neben der Eingangstür ein Badezimmer, rechts eine Garderobe mit Kofferablage. Dahinter dann der Wohnbereich: auf der rechten Seite ein Tisch mit zwei Stühlen, dahinter eine Kommode, auf der ein Fernseher stand; auf der linken Seite zwei Betten, einzeln (oooh Gott sei Dank!) mit zwei Nachtischen zwischen sich, wobei das erste Bett an der Wand zum Badezimmer stand und das hintere am Fenster. Auf letzterem saß ein Mann Mitte 40, farbloses Haar, schon einige Sorgen- und Grübelfalten im Gesicht, eine dieser Brillen mit minikleinen Gläsern weit vorne auf der Nase. Er trug ein beigefarbenes Hemd mit schwarzem Karo-Muster, eine beigefarbene Hose, die seinen nicht unbeachtlichen Bauch umspannte, und beigefarbene Socken, die ich gut erkennen konnte, weil er im Schneidersitz auf dem Bett saß. Dabei war er wohl am Lesen gewesen, denn in seiner Hand hielt er noch immer eines von diesen grausamen Ratgeber-Büchern, irgendwas in der Art von “Finde deine innere Mitte” oder so.
“Hoi Andreas,” sagte ich und machte, ins Zimmer tretend, die Tür hinter mir zu.
“Ah! Ah!”, schnauzte Andreas streng. “Schuhe ausziehen!”
Was für eine nette Begrüßung, das fing ja heiter an.
“Kann ich das nicht auf dem Bett machen? Es ist nicht so leicht, sich in einer Lederkombi zu bücken,” entgegnete ich (ja, ich trug noch immer die Kleider, in denen ich gestorben war und hoffte arg, ich könnte sie hier gegen andere tauschen, denn ich trug jetzt schon bestimmt 12h am Stück die Motorrad-Lederkombi, meine SIDI-Racing-Stiefel und hatte den Helm, in den ich meine Handschuhe inzwischen gestopft hatte, auch bisher nirgendwo ablegen können. Das tat ich dann jetzt gleich als Erstes und legte ihn auf die Kofferablage rechts neben der Tür. Gar nicht gut.
“Mach das da weg!”, schnauzte Andreas weiter. “Und nein, die Schuhe kannst du NICHT auf dem Bett ausziehen! Schuhe werden im Vorraum ausgezogen und unter die Ablage gestellt!”
Ich seufzte innerlich ein bisschen, zog unter ziemlichen Verdrehungen meine Stiefel an Ort und Stelle aus, stellte sie neben die leicht abgetragenen Leder-Slipper, die schon dort standen, und nahm meinen Helm wieder an mich.
“Wo soll ich denn den Helm sonst hinlegen?”, wagte ich zu fragen.
“Woher soll ich das wissen? Siehst du hier eine Helm-Ablage? Nein,” nörgelte Andreas.
“Ich kann ihn doch aber schlecht mit ins Bett nehmen, oder?”, meinte ich, inzwischen ernstlich genervt.
“Oh nein, ins Bett geht gar nicht!”
“Na siehste, dann lasse ich ihn lieber hier.”
“Meinetwegen.” In einem Ton, als würde er mir gerade einen Riesengefallen tun. “Und jetzt sei bitte leise, ich möchte lesen.”

Das war also unser erstes Gespräch. Und es war vielleicht noch das Erfreulichste, was wir je führten. Dazu kamen seine unerträglichen Gewohnheiten: jeden Morgen um 6:00 Uhr früh klingelt sein Wecker erstmal eine halbe Stunde durch, bis er darauf reagiert und ihn ausmacht, dann schmeißt er sofort die Glotze an, geht dann aber ins Bad, wo er eine weitere halbe Stunde duscht, wobei die Dusche die unmöglichsten Töne von sich gibt – nicht nur das laute Rauschen, sondern auch irgendein Pfeifen in den Rohren – und der Fernseher läuft währenddessen ständig. Ich habe ihn mal gebeten, den Fernseher erst anzumachen, wenn er auch schaut, aber das war unmöglich, weil seine “Rituale” ihm heilig sind. Manchmal singt er auch irgendeinen Scheiß unter der Dusche, meistens Schlager oder Kirchenlieder. Jedenfalls läuft es immer darauf hinaus, dass ab 6:00 Uhr morgens ein Mords-Krach im Zimmer ist, sodass ich nicht mehr schlafen kann. Dann kommt er rüber, bereits wieder in seine ekelhaft beige-farbenen Klamotten gehüllt, wirft sich mit einem Grunzen aufs Bett, dass die Federn quietschen, und schaut Frühstücksfernsehen. Nur manchmal kommt es vor, dass er endlich wieder zu seiner Ratgeber-Literatur übergeht und ein paar Stunden lang eine wunderbare Stille herrscht. Aber meistens schaut er fern und wählt dabei den langweiligsten Mist, den es gibt. Talkshows, Blabla und Gelaber. Und ja, hier in der Vorhölle laufen noch Talkshows. Einmal die Woche gibt es bei RTL einen ganzen Nachmittag Oli Geissen. Ich frage mich, wie das Fernsehprogramm in der Hölle erst ist – viel schlimmer geht ja gar nicht.

Aber ich bin noch nicht fertig, es ist noch viel, viel schlimmer auf dem Zimmer. Nicht nur, dass Andreas einfach ohne Rücksicht auf mich alles macht, was er gerade will, nein, er verbietet mir auch noch, das zu tun, was ich will. “Mach’s doch einfach trotzdem,” würdet ihr sagen und dabei keine Ahnung haben, wie nervenzerfetzend Andreas’ Genörgel und Geunke ist. Ja, fünf Minuten seine Stimme ist schlimmer als ein Nachmittag Oli Geissen. Und wenn ihr mir nicht glaubt, dann bin ich trotzdem nicht so gemein, euch zu wünschen, ihr würdet es einmal erleben, denn das wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht.
Jedenfalls darf ich nicht nackt durchs Zimmer laufen, ich darf meine Nägel nicht auf dem Bett schneiden, obwohl ich sie dabei sowieso sofort in den Mülleimer schneide, der neben dem Bett steht, ich darf das Fernsehprogramm nicht aussuchen, NIE, ich darf das Radio nicht anmachen, um mal einfach nur Musik zu hören, ich darf nicht rauchen, ich darf nicht furzen oder rülpsen, ich darf nie zu irgendwas meine Meinung oder überhaupt etwas sagen, wobei er mich aber die ganze Zeit zutextet mit seinem langweiligen Leben (“Ich war Steuerprüfer bei der Allianz AG, und ich gehörte zu dem besten Drittel der zweiten Hälfte Dezember letztes Jahr”, “In meiner Freizeit arbeite ich gerne mal für die Gemeinde, wir haben da diesen tollen Flohmarkt organisiert”, “Meine Katze Leila ist die Frau in meinem Leben, sie hat zwar ein wenig an meiner Leiche genagt, als ich diesen Herzinfarkt hatte, weil die Tuss bei Vera am Mittag ihr Top ausgezogen hat” – ok, letzteres war übertrieben) und seinen furchtbaren Ansichten (“Ich bin konservativ, da stehe ich zu. Homosexualität ist einfach unnatürlich, da entstehen doch keine Kinder bei”, “Ordnung ist das halbe Leben”, “Du bist also auch so ein Raser? Weggesperrt gehört ihr, WEGGESPERRT!”, und so weiter, und so weiter). Meistens redet er, während der Fernseher läuft und in dem allgemeinem Sprachabfall weiß ich dann gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht.
Außerdem verräumt er mir ständig die wenigen Sachen, die ich habe, nicht, ohne mich vorher anzubrüllen, warum das denn jetzt schon wieder da liegt, und dann wuselt er los, ich kann ihn nicht davon abhalten, und ich darf dann wieder tagelang suchen, wo meine MOTORRAD ist, wo meine MOTORRADFAHRER ist, wo mein Tagebuch ist (jaaa, halleluja, ich schreibe auch Tagebuch), wo meine Stephen King-Romane sind, ich finde meine Bürste nicht mehr und die Socken sind ganz verschwunden, wofür ich allerdings heimlich seine klaue (und die Tatsache, dass er es bemerkt, ausrastet, und meine unter seinem Kopfkissen hervorzieht, sie mir reicht, damit ich ihm seine wiedergebe, lässt meiner Meinung nach Aufschluss darüber zu, dass Teile seiner Rumräumerei keine Neurose, sondern der pure Sadismus sind).
Sooo. Versteht ihr JETZT, warum ich seit 30 Tagen ununterbrochen an der Bar sitze und saufe?

Immerhin ist der Barkeeper nett. Er meint, dass er hier ständig mit Leuten zu tun hat, die einen fürchterlichen Zimmernachbarn erwischt haben (obwohl man nie einen anderen an der Bar sieht, vielleicht gibt es ja für jedes Zimmer eine eigene Bar? Ich verstehe das Konzept hier nicht so ganz) und hört sich nur zu gerne all die schlimmen Details über Andreas an. Seine Kommentare sind pointiert, sarkastisch und einfach genial. Manchmal erzählt er auch etwas über seine Arbeit als Barkeeper in der Vorhölle. Er hat den Job jetzt seit fünf Jahren, nachdem er eine klassische Ausbildung durchlaufen hat. Allerdings will er mir nicht sagen, ob er ursprünglich ein Engel oder ein Dämon war. Das erführe ich schon noch früh genug, meint er leichthin jedes Mal, wenn ich frage. Ist ja auch egal. Jedenfalls ist die Bar meine Rettung. Auch, wenn es vielleicht ungesund ist, so viel zu trinken – äh, Moment. Haha, genial, wie man immernoch in diesen sterblichen Dimensionen denkt, man kriegt es einfach nicht aus dem Kopf raus.

Zu Beginn bin ich nach ein paar Tagen an der Bar auch immer noch zurück zu Andreas aufs Zimmer, mit dem festen Vorsatz, mit ihm klar zu kommen, und außerdem hatte ich die Hoffnung, in betrunken wäre der Mensch erträglicher. Aber nach drei Tagen saufen war er noch genauso nervtötend. Also war ich das nächste mal eine Woche weg, deutlich angetrunkener, als ich auf dem Zimmer ankam, und vielleicht machte ich mir nur etwas vor, aber er wirkte schon ein bisschen sympathischer. Das hielt allerdings nicht lange, denn bald wurde ich wieder nüchtern. Also blieb ich das nächste Mal zwei Wochen weg. Gleicher Effekt: er erschien noch ein bisschen annehmbarer, aber sobald die Wirkung des Alkohols nachließ, war alles wie vorher. Und so blieb ich immer längere Zeitspannen unten und verbrachte immer weniger Zeit auf dem Zimmer, bis ich irgendwann, das war eben vor 31 Tagen, beschloss, gar nicht mehr zurück zu gehen.

Ersatzklamotten gab es übrigens keine. Aber mit der Zeit bemerkte ich, dass die Lederkombi immer bequemer wurde, und schwitzen tat ich hier irgendwie nicht, genauso wenig, wie ich auf die Toilette musste. Schon ein Phänomen, dass ein Andreas sich trotzdem jeden Tag duscht. Ich habe anfangs auch geduscht, das erste Mal nackt, weil ich mich nach dem Unfall nicht so frisch fühlte, und weil ich nicht wusste, dass ich nicht mehr schwitze, das zweite Mal in meiner Kombi, weil die im Gegensatz zu mir noch ein bisschen blutig war. Danach war sie wie neu.

Um den Bogen zu schlagen: das bringt mich also hier an diese Bar, in meiner rechten Hand der ichweißnichtwievielte Long Island Ice Tea, in meiner Linken eine Zigarette, die man hier auch in unbegrenzter Menge kredenzt kriegt, und lalle den Barkeeper zu, der immer wieder so dermaßen lustige Sachen sagt oder erzählt, dass wir beide abbrechen und minutenlang lachen, bis ich fast vom Barhocker falle und mich langsam wieder einkriege, was nicht so einfach ist, wenn der Barkeeper schon wieder das Lachen anfängt, weil ich so lustig aussehe, wenn ich fast umkippe.
Plötzlich tippt mich jemand auf die Schulter. Ich, der ich in dieser Bar noch nie jemanden außer dem Barkeeper und mir gesehen habe (naja, mich sehe ich nicht direkt), erschrecke so dermaßen, dass ich jetzt tatsächlich mit dem Stuhl umkippe, auf den Rücken plumpse (wobei ich bemerke, dass es hier wohl auch keine Schmerzen gibt) und meine Beine tierisch kompliziert im Fußteil des Barhockers verheddere. Ziemlich neben der Spur schaue ich in das Gesicht von Herrn Sartre, der sich über mich beugt.
“Geht es Ihnen gut? Ich wollte Sie nicht erschrecken,” fragt er besorgt.
“Kein Problem, ich bin wohl etwas betrunken,” sage ich beschwichtigend und versuche, mich zu befreien und aufzustehen. Herr Sartre streckt mir hilfsbereit eine Hand hin und zieht mich mit erstaunlicher Kraft wieder in die Vertikale. Ich hebe noch den Hocker auf, klopfe mir aus alter Gewohnheit Rücken und Hintern ab (als ob es hier Staub gäbe) und bedanke mich bei ihm.
“Ich habe hervorragende Neuigkeiten für Sie,” kommt Herr S. daraufhin gleich zur Sache. “Es wurde über Ihren Fall entschieden.”
“Jaaa? Und, wo lande ich?”, will ich gespannt wissen.
“Sie wurden als tauglich eingestuft, Ihre Ewigkeit im Himmel zu verbringen.”
“Waaas? Oh wow. Oh, das ist ja genial! Ich freue mich so! Danke!”, jubele ich und falle Herrn Sartre spontan um den Hals, was den arg zu überraschen, aber nicht besonders zu stören scheint.
“Wenn Sie direkt mitkommen, ich zeige Ihnen Ihr Zimmer,” meint er, als ich ihn endlich wieder losgelassen habe.
“Alles klar,” erwidere ich eifrig, “ich bin bereit.” Schnell mache ich meine Zigarette aus und wende mich noch an den Barkeeper: “Vielen, vielen Dank dir (wir haben uns das “Du” angeboten, schon vor fünf Monaten), ohne dich wäre das hier so unerträglich gewesen… Du bist der beste Barkeeper, der mir jemals begegnet ist, noch deutlich besser als der aus ‘The Shining’… Scherz am Rande…” Der Barkeeper grinst mich an, macht einen Diener, und erklärt, es sei ihm eine Ehre und stete Freude gewesen.
Herr Sartre führt mich wieder zurück zu meinem Zimmer, wohl, damit ich meine Sachen holen kann. Komisch nur, dass er die Tür aufschließt, normalerweise schließt Andreas nicht ab. Aber vielleicht ist das wieder eine neue Idee, um mich zu nerven.
Doch dann verkündet Herr S.: “Hier, bitte sehr, Ihr Zimmer.”
Mir entgleisen die Gesichtszüge, aber er tritt zur Seite und macht den Blick frei auf das Innere. Irgendetwas ist anders… Aber was? Tatsächlich brauche ich ein paar Sekunden, die mir wie Ewigkeiten erscheinen, um zu begreifen, was es ist: Andreas ist weg. Ich schaue unter die Kofferablage – seine Schuhe sind auch weg. Nirgendwo liegt Ratgeberliteratur herum. Und auf dem Nachttisch neben meinem Bett steht – ein Aschenbecher.
Ich drehe mich zu Herrn S. um: “Wo ist Andreas?”
“Ich habe Ihnen doch bereits erklärt, dass man sich in der Vorhölle ein Zimmer teilen muss. Das hier ist aber nicht die Vorhölle, das hier ist der Himmel. Wenn Sie irgendetwas brauchen, können Sie jetzt den Zimmerservice rufen. Die Hotelbar steht Ihnen natürlich weiterhin offen, ebenso wie der Fitnessraum, der Swimming Pool und unser Wellness-Center.”
Mir steht der Mund offen. “Das ist ja genial!”, rufe ich und hätte Herrn S. fast schon wieder gedrückt. “Sieht der Himmel für jeden so aus? Also wahrscheinlich schon für jeden, der sich mit Andreas ein Zimmer teilen musste…”
Er lächelt und sagt: “Nicht für JEDEN sieht der Himmel komplett gleich aus, es gibt schon einzelne Sektionen, und hier im Hotel sind eben Leute, denen es hier gefällt… Aber das ist ja alles nicht so wichtig. Genießen Sie Ihren Aufenthalt! Ich muss leider schon wieder zurück an die Arbeit, Ihrem geliebten Andreas ein Zimmer in der Hölle zuweisen – ups, sowas darf ich eigentlich gar nicht ausplaudern, Betriebsgeheimnis…” Er zwinkert mir zu, winkt noch einmal und ist dann verschwunden.
Ich betrete das Zimmer – MEIN Zimmer, haue erstmal mit Karacho die Tür hinter mir zu, stiefele mit Schuhen zum Bett, und warum eigentlich nicht, ist ja noch die Tagesdecke drauf, werfe mich, ohne sie auszuziehen, darauf, angele mir eins meiner Bücher, die noch im Nachtkästchen aufgereiht stehen, und fange an, zu lesen. Erst ein paar Tage später denke ich daran, dass ich ja jetzt auch endlich rauchen darf hier – die Gewohnheit mal wieder, ich hatte dank Andreas gar nicht mehr im Kopf, dass man in Hotelzimmern rauchen kann – und ich stecke mir genüsslich eine an, löse dabei ein Kreuzworträtsel in einer meiner Zeitschriften und beschließe danach, doch mal meine Stiefel auszuziehen.
Hach, herrlich. Ja, genau so habe ich mir den Himmel vorgestellt.

Nachtrag:
Nachdem ich ein paar Wochen gelesen, geraucht, Musik gehört, und mich irgendwann sogar soweit von meinem Trauma erholt hatte, dass ich den Fernseher anmachte, um einen Krimi zu schauen, begann ich, mich ein wenig einsam zu fühlen und den Barkeeper zu vermissen. Also machte ich mich mal wieder auf den Weg nach unten zur Hotelbar und konnte es gar nicht fassen, dass ich schon so lange nicht mehr da gewesen war. Früher war ich der Bar höchstens ein, zwei Tage fern geblieben.
Beschwingt und äußerst ausgeruht, das erste Mal seit vor meinem Tod, riss ich die Tür auf und verkündete: “Da bin ich wieder!”
Und blieb wie vom Donner gerührt stehen. Die Bar war voller Leute. Alle waren sie jung, sahen entspannt und gut gelaunt aus, lachten, redeten, und alle trugen sie Lederkombis und Motorradstiefel. Auf mein Eintreten hin drehten sie sich alle um, prosteten mir zu und manche riefen “Hallo, na, wird Zeit, dass du mal hier reinschneist!”, “Huhuuu!”, und so weiter.
Der Barkeeper, nun mit deutlich sichtbaren Flügeln, öffnete die Arme, als wolle er mich über den Raum hinweg drücken und meinte: “Willkommen zurück! Na, ein Long Island Ice Tea, wie immer?”
Komplett verdattert ging ich an den Tresen, wobei ich bemerkte, dass mein Stammplatz noch leer war, ließ mich auf ebendiesen fallen und sagte schwach: “Ja, Long Island ist gut.”
Der ganze Laden lachte über mein verdattertes Gesicht und Benehmen.
Der Barkeeper beugte sich zu mir, als er mir meinen Drink reichte und meinte: “Wieso denn so überrascht? Das ist der Bereich des Himmels, in dem du gelandet bist, also der, in dem es dir gefällt – nie damit gerechnet, dass Leute, die dir ähnlich sind, auch da landen?”
Nach zwei Long Island Ice Tea ließ meine Überraschung dann langsam nach und ich kam wieder ein bisschen klar. Ich ließ meinen Blick durch den Raum schweifen und nahm erstmal alles in mir auf, diesmal ein bisschen ruhiger.
Links neben mir saß eine junge Frau mit roten Haaren, so um die 20. Rechts von mir saß ein Mann, etwa 10 Jahre älter, der mir zuprostete und mich noch einmal herzlich willkommen hieß. Nicht lange danach waren wir drei in ein ehrlich gesagt ziemlich spannendes Gespräch über unsere Tode verwickelt.

Im Nachhinein frage ich mich, warum ich mich eigentlich in der Vorhölle nie gewundert habe, wo die anderen Hotelgäste sind und nur kurz den Gedanken hatte, jeder hätte einen eigenen Barkeeper. Auch jetzt weiß ich natürlich nicht, warum in der VORHÖLLE keiner war außer Andreas und mir. Wäre der nicht so dermaßen ätzend gewesen, hätte man ja prima Gespräche über sowas führen können. Egal. Jetzt bin ich im Himmel, und er in der Hölle, was mir ehrlich gesagt nicht wenig Spaß bereitet, und alles ist gut.
Ich gehe regelmäßig runter in die Bar, oder mal zum Schwimmen, oder was mir sonst gerade noch so einfällt, treffe mich mit den Leuten, die ich irgendwie alle sehr sympathisch finde und sie mich und sich untereinander auch, manchmal geht auch bei irgendwem auf dem Zimmer eine Party, zu der als Ehrengast dann ab und an der Barkeeper, der Poolboy, die Masseuse oder irgendwer anders vom Personal auftaucht, auch ich hatte schon fünf Leute hier, und wir haben aus Jux Oli Geissen geschaut, uns dabei dicht gesoffen, uns prima amüsiert und Albtraum-Stories über unsere ehemaligen Zimmergenossen ausgetauscht.

Motorräder gibt es hier übrigens nicht. Herr Sartre, der mich zwischendurch noch einmal besucht hat, um nach dem Rechten zu sehen, meinte, in dieser Sektion des Himmels hätte da keiner mehr Bock drauf.