Der Irrtum

Anne

Mache ich ihn noch glücklich oder sind wir einander Automaten für mittelmäßige Bedürfnisbefriedigung geworden, könnte ein ausreichend gefüllter Kühlschrank mich ersetzen?

Seit diese Gedanken angefangen haben, bin ich empfindlich geworden. Ich beobachte ihn, analysiere all seine Handlungen, zerpflücke seine Aussagen auf der Suche nach Indizien für seine Gefühle und leide an der Problematik, dass man immer findet, was man gesucht hat – egal, ob es da war, bevor man begonnen hat, etwas auf eine bestimmte Fragestellung hin zu untersuchen. Schrödingers Beziehungsprobleme: Sobald man einen Gedanken über seinen Partner zu Ende gedacht hat, sieht man ihn überall bestätigt. Man könnte der glücklichsten Ehefrau der Welt die These einpflanzen, dass ihr Mann fremdgeht, und egal, ob er es tut oder nicht, die Hinweise darauf werden sich plötzlich häufen. Gemäß mittelalterlichem Verständnis von Recht würde so ein Initialverdacht schon reichen, um den mutmaßlichen Delinquenten ins Gefängnis zu werfen und zu foltern, bis er gesteht; denn entgegen landläufiger Auffassung war den Menschen damals sehr wohl bewusst, dass man keinen Unschuldigen foltern sollte – die Folter war so etwas wie die Strafe dafür, sich überhaupt verdächtig gemacht zu haben. Sich verdächtig zu machen, ist die erste Stufe von Schuld. Wussten Sie nicht? Danken Sie Foucault, nicht dem mit dem Pendel, dem mit der Philosophie über die Entwicklung von Strafen, Schuldverständnissen, Gerechtigkeit, Autor von Werken wie „Überwachen und Strafen“ oder „Wahnsinn und Gesellschaft“.

Also, ja, ich bin mir dessen bewusst, dass die Ergebnisse meiner Beobachtungen nicht viel mehr aussagen als: „Sie hat ihn beobachtet, wobei sie von vorneherein damit gerechnet hat, dass er nicht mehr glücklich sein könnte“. Ich weiß das. Fühlen tue ich leider etwas ganz anderes. Wenn man Angst hat, jemand könnte nicht mehr glücklich in der Beziehung mit einem sein, wirklich Angst, reagiert man sensibel auf alles, das vielleicht oder auch nicht darauf hindeutet, dass dem so sein könnte. Natürlich versucht man, vernünftig zu sein und immer auch eine mögliche andere Erklärung für dieses oder jenes Verhalten zu eruieren.

Etwa so:

Er kuschelt sich morgens nicht mehr an mich und macht mich damit halbwach genug, um zu spüren, dass er mir beim Schlafen zusieht.

Mögliche andere Erklärung: Er ist gerade furchtbar im Stress und etwas kaputt, sodass er so lange schläft, wie er irgendwie kann, und dann sofort aufsteht, um sich für die Arbeit fertig zu machen.

Er sagt mir nicht mehr, dass er mich liebt.

Mögliche andere Erklärung: Er denkt, dass ich weiß, dass er mich liebt.

Er geht öfter und länger mit Freunden weg als früher und nimmt mich nicht mit.

Mögliche andere Erklärung: Die Freunde haben Probleme, um die er sich kümmert. Oder: Er braucht einfach mal ein paar Wochen Abwechslung, will mal mit jemand anderem als mir reden, über Dinge, über die er mit mir nicht reden kann vielleicht.

Und so weiter, und so weiter. Mache ich mir etwas vor? Und wenn ja: Was mache ich mir vor – dass er nicht mehr glücklich ist oder dass er sehr wohl noch glücklich ist und es nur gerade weniger zeigt?

Fünf Jahre Beziehung klingt nach gar nicht so viel, ist aber genug Zeit, um eine Menge kaputt zu machen. In letzter Zeit fertige ich in meinem Kopf Listen davon an, was ich alles falsch gemacht, an welchen Stellen ich uns kaputt gemacht haben könnte. Fünf Jahre sind 3 mal 365 plus 2 mal 366 Tage, das sind eine Menge Chancen, Fehler zu machen.

Würde er mich nochmal heiraten, wenn er die Wahl hätte?

Wir drehen uns am Telefon im Kreis, meine beste Freundin und ich; seit Stunden wägen wir Für und Wider dessen ab, was gerade wirklich in meiner Beziehung passiert. Immer ist der Inhalt der Gleiche, als wären wir Personen in einem Film, die ihrer Rolle gemäß ihr Programm abspulen:

Ich: „Er hat mich seit Wochen nicht mehr angerührt. Also klar, ab und zu ein Begrüßungs- oder Abschiedskuss, aber wir schlafen nicht miteinander.“

Jenny: „Natürlich gilt sowas allgemein als schlechtes Zeichen, Anne, aber im Einzelfall muss es nicht zwingend bedeuten, dass mit euch etwas nicht in Ordnung ist; es kann bedeuten, dass in seinem sonstigen Leben etwas nicht in Ordnung ist. Vielleicht hat er Stress, das ist ein echter Libido-Killer…“

Ich: „Aber früher hatten wir auch ab und zu Stress, auf der Arbeit, im Studium, mit der Familie, und trotzdem haben wir miteinander geschlafen.“

Jenny: „Das kann ja gut sein, aber Beziehungen verändern sich, und das ist nichts Schlimmes. Du weißt selbst, dass man am Anfang einer Beziehung mehr Sex hat als ein paar Jahre später. Dafür macht man mehr andere Dinge zusammen.“

Ich: „Ja, das ist schon wahr… Ich weiß nicht, was ich glauben soll…“

Und da liegt das Problem: Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, ob er glücklich ist. Da kann ich noch so lange mit Dritten am Telefon rumlavieren. Fakt ist, der Einzige, der mir zuverlässig eine Antwort geben kann, ist er. Dass ich überhaupt so lange damit gewartet habe, ihn zu fragen, liegt nicht daran, dass ich dumm bin – es liegt daran, dass ich Angst vor seiner Antwort habe. Ganz einfach. Deshalb habe ich wochenlang versucht, mich für dieses Gespräch zu wappnen, habe versucht, mich irgendwie darauf einzustellen, dass das Schlimmstmögliche eintritt. Ich wollte mich nicht eiskalt erwischen lassen. Aber ich komme so nicht mehr weiter. Ich werde mit ihm reden müssen. Dafür gibt es keine Alternative. Heute Abend werde ich es angehen – mit ein oder zwei Gläsern Wein im Kopf, genug, um mutig genug zu sein, den Mund aufzukriegen, aber nicht so viel, dass ich unsachlich oder unvernünftig werde. Nicht, dass ich irgendwie so anfange:

„Schatz…“ (lall) „Du bumst mich nicht mehr, was soll das? Liebst du mich überhaupt noch?“ (hicks) „Jetzt sag halt was!“

Nein, nein. Ich werde ihm keine Vorwürfe machen, will ich auch gar nicht. Ich will von ihm wissen, ob meine Sorgen berechtigt sind oder ob ich rumspinne. Fertig.

Und ich merke gerade – auch, wenn ich die ganze Zeit versucht habe, mich auf das Übelste einzustellen, auf sowas kann man sich nicht einstellen. Egal, wie oft ich mir selbst die Option vor Augen gehalten habe, dass er mich verlässt, es wäre ein schrecklicher Schock und würde meine Welt aus den Angeln heben.

Ja, heute. Heute Abend kommt er von seiner Geschäftsreise zurück. Ich hoffe, er ist nicht zu erschöpft, aber ich muss es wissen. Ich muss mir endlich mal wieder sicher sein, was Sache ist in meinem Leben.


Marc

Mache ich sie noch glücklich? Oder bin ich für sie ein notwendiges Übel geworden, das mit ihr unter einem Dach lebt, langweilig aber passt schon? Würde sie mich mit einem anderen ersetzen, wenn sie die Wahl hätte, wenn sie ohne negative Konsequenzen Bäumchen wechsel dich spielen könnte?

Seit diese Gedanken angefangen haben, bin ich empfindlich geworden. Ich beobachte sie, ich achte darauf, wie sie mit mir umgeht, ich registriere jeden Blick, den sie mir zuwirft, suche die Liebe darin und finde nur Misstrauen oder Distanz, entweder sie mustert mich forschend, als dächte sie darüber nach, was sie mit mir überhaupt noch anfangen soll oder als sei sie schlicht weit weg, schotte sich gegen mich ab. Ich achte darauf, wie oft sie mich berührt, mir im Vorübergehen über die Haare streicht, mir einen Kuss gibt oder mich in den Arm nimmt. Wie oft sie sich nachts im Bett an mich kuschelt und ihre Hand über meinen Körper wandert, wie oft sie überhaupt irgendeinen näheren Kontakt mit mir initiiert. Und ich kann sagen, wie oft: fast nie. Ich habe den Eindruck, sie begehrt mich nicht mehr.

Nicht, dass sie zickig wäre oder Streit suchen würde. Sie ist nur wie nicht ganz da.

Natürlich kann das auch andere Ursachen haben – vielleicht hat sie gerade Stress im Job oder einer ihrer Freundinnen geht es schlecht (Jenny hat zum Beispiel alle paar Monate üblen Liebeskummer und Anne kümmert sich jedes Mal aufopferungsvoll um sie), vielleicht fehlt ihr irgendetwas im Leben, das mit mir gar nichts zu tun hat, vielleicht hat sie selbst eine melancholische Phase… Aber warum redet sie dann nicht mit mir? Warum erzählt sie mir nicht davon, dass sie wegen etwas unglücklich ist?

Ich zermartere mir das Hirn auf der Suche nach etwas, das ich falsch gemacht haben könnte. Ich finde eine Menge Kleinkram, aber nichts, das rechtfertigen würde, dass sie seit Wochen sauer sein könnte. Zumal sie mir nicht sauer vorkommt, eher so, als würde sie mit uns abschließen, als ließe sie uns langsam einschlafen.

Ich bin völlig fertig. Und traue mich seit Wochen nicht, ihr von meinen Sorgen zu erzählen, weil sie so abweisend wirkt. Sie ist sonst ein offener Mensch, der seine Gedanken und Gefühle direkt anspricht, und wenn sie das jetzt nicht tut, stimmt etwas ganz und gar nicht, stimmt so viel nicht, dass ich weiß, wenn ich sie konfrontiere, wird mir nicht gefallen, was sie mir zu sagen hat.

Aber mir bleibt ja nichts anderes mehr übrig. Weitergehen kann das so nicht, diese Ungewissheit macht mich kaputt. Ich kann teilweise kaum arbeiten.

Deshalb werde ich mit ihr reden, heute. Wenn ich in zwei Stunden zu Hause ankomme, werde ich sie mir schnappen und sie rundheraus fragen, was los ist. Wenn sich meine Befürchtungen bestätigen und sie mich nicht mehr liebt, habe ich wenigstens Gewissheit. Dann kann ich mich wenigstens drauf einstellen. Auch, wenn ich wirklich hoffe, dass es eine vernünftige Erklärung für das alles gibt, oder wenigstens eine, die nichts mit ihrer Liebe für mich zu tun hat.


Anne und Marc, Marc und Anne

Um 21:00 Uhr biegt Marcs Auto in die Einfahrt ein. Anne hat die letzte halbe Stunde am Fenster auf ihn gewartet; sie hat den Nachmittag in fiebriger Aktivität verbracht, versucht, sich irgendwie abzulenken, etwas zu tun, das sie nicht ständig an das bevorstehende Gespräch und seine möglichen Konsequenzen erinnert, doch irgendwann ging das nicht mehr, irgendwann erwischte sie sich dabei, wie sie länger und länger am Fenster rauchte, den Blick auf die Straße gerichtet, auf der Marcs BMW früher oder später auftauchen müsste, und so gab sie es irgendwann auf, den Artikel über das bevorstehende Spiel der Lions zu schreiben, die bereits glänzende Küche zu wienern, sich wieder und wieder die Haare zu bürsten und den Lippenstift nachzuziehen, und seitdem steht sie da, in der Küche, deren Fenster auf die Vorderseite des Hauses hinausgehen, die Rechte auf der Arbeitsplatte, in der Linken eine Zigarette nach der nächsten und ab und zu das Weinglas, die Augen bohren sich in die Dunkelheit draußen, wartend, wartend, bis endlich der dunkelrote Wagen auftaucht.

Marc fährt durch die einsetzende Nacht, zügig, eine Hand am Steuer, die andere umklammert eine Zigarette nach der nächsten, der rechte Fuß drückt das Gaspedal aufs Bodenblech, der alte Sechszylinder dreht gleichmäßig und ruhig, im Gegensatz zu Marcs Gehirn, das sich anfühlt, als würde es auseinanderbrechen vor widersprüchlichen Gefühlen und rasenden Gedanken. Auf dem Beifahrersitz liegt der Blumenstrauß, den seiner Frau mitzubringen er sich spontan entschieden hat. Irgendwas war da, ein Funken Hoffnung vielleicht nur, vielleicht auch ein ernstzunehmendes Gefühl, dass sie beide nicht erledigt sind, dass Anne ihn noch immer liebt.

Und dann ist er da.

Anne kann nicht anders, sie rennt zur Haustür und reißt sie auf, und da ist Marc, springt aus dem Auto, in der Hand einen gigantischen Strauß roter Rosen, und dann laufen sie aufeinander zu, mit wenigen Schritten sind sie beieinander; Marc sieht die Liebe in dem Blick, mit dem Anne zu ihm aufschaut, tiefe warme Liebe, die nie weg war, nur von Angst durchtränkt, Anne sieht das Lächeln auf Marcs Gesicht, dieses weltschönste Lächeln, das er nur für sie übrig hat; und in diesem Augenblick wird Anne klar, wie sehr er sie liebt und braucht, wie glücklich er ist, sie zu haben, begreift Marc, wie sehr sie ihn liebt und braucht, wie glücklich sie ist, ihn zu haben, und sie fallen einander in die Arme und halten sich aneinander fest, ganz fest. Minutenlang stehen sie eng umschlungen auf dem Gehweg, die Liebe strahlt von ihnen aus wie Licht, und sind einander die Welt.

Später werden sie über alles reden, werden sie herausfinden, wie es zu diesem furchtbaren Irrtum kommen konnte, was sie die letzten Wochen durchgemacht haben, und noch später werden sie beide über die Abstrusität der ganzen Sache lachen, aber jetzt gerade stehen sie nur da, so eng aneinander geschmiegt, dass kein Zweifel mehr zwischen sie passt, durchdrungen von Gewissheit:

Alles ist gut.

Primus inter pares

Für dich, Thorsten; natürlich für dich.


Wie oft bin ich gefallen

In meinen Träumen

Meinem Kopf, mir selbst

Den Rest meiner Zukunft

Sah ich als Weg, 60 Meter lang

Von der Brücke bis zum Boden;

Dass ich mich jemals

Freiwillig würde fallen lassen

Ins Leben statt in den Tod

Hätte ich nie antizipiert

Doch nun tue ich genau das

Ich falle aus der Zeit

Und in der Unendlichkeit

Finde ich dich

So sicher, unsagbar schön

(äußerlich und innerlich)

In deinen bunten Augen:

Mein Universum

Und ich

Du trägst mich

Für immer bei dir,

immer

Und ich

Ich werde nicht gehen

Niemals.

Dich verlassen würde mich umbringen

Und Totsein hat seinen Reiz verloren

Seit ich dich habe.

Hier in der Ewigkeit

Du und ich

Sind Gefühle grenzenlos

Unlimitiert

Sie besiegen alles

Stärker als jedes Naturgesetz

Jenseits menschgemachter Logik

Metaphysisch, sinnstiftend,

Antwort auf Fragen

Von denen man nicht wusste

Dass man sie sich stellt

Es ist nicht richtig

Dass die Hummel

Physikalisch nicht fliegen kann

Auf den Menschen aber

Trifft das (normalerweise) zu ~

Dennoch kann ich mit dir

: Fliegen

Du bist meine Flügel

Meine Sinne

Durch dich, mit dir

Erst erschließt sich mir

: Die Welt

In all ihrer wilden Schönheit

In deinen Armen erst

Finde ich mich selbst

Und Frieden,

und Frieden

Mein Erster,

Mein Einziger.

Infinit.

~ Meine Liebe,

Deine Liebe,

Wir.

Eins und eins sind drei:

Du, ich, wir

Wir leben im Moment

Im Immer

Im Morgen, Übermorgen,

In jedem Moment bis zum letzten unseres Lebens

Wenn wir nicht einfach

Zu sterben vergessen

Dann leben wir so lang

Wie unsere Liebe es tun wird:

Ewig. 

(K)Eine Verbesserung // Bens Versprechen

Lene, 25.09.2018, 02:33:

Hallo, letzte große Enttäuschung meines Lebens,

Ich melde mich sicher nicht, weil es mir so viel Spaß macht, von dir zu hören oder auch nur an dich zu denken; ich wollte nur ein paar Dinge klarstellen, bevor ich dich endgültig aus meinem Leben – und meinem Telefonspeicher – kicke.

Du bist hier nicht das Opfer. Nicht das Opfer der Umstände (oh ja, wie sollst du das nur aushalten, wenn so eine willige kleine Schl… hinter dir her ist, jaja) und auch nicht das Opfer in unserem Disput, weil ich dich angebrüllt und dir eine verpasst habe. Obwohl ich kein Fan eines solchen Diskussionsniveaus bin, muss ich dir sagen: In diesem Fall, mein Lieber, hast du bekommen, was du verdient hattest. Kein Mitleid.

 

Lene, 25.09.2018, 02:36:

Wir waren nicht lange zusammen, nichtmal ganz ein Jahr, und in so kurzer Zeit hast du mir so viele Verletzungen beigebracht, wie ich davor in meinem ganzen Leben nicht erlitten habe. Na okay, das war vielleicht etwas übertrieben, gut, aber du hast mich kaputt gemacht. _Das_ ist nicht übertrieben. Zugrunde gerichtet hast du mich nicht, weil du von vorne bis hinten ein riesengroßes Arschloch gewesen bist, sondern eben gerade, weil du meistens wundervoll warst – und mir dann völlig unvorhersehbar Dinge reingewürgt hast, die so noch keiner mit mir abgezogen hat.

Monatelang warst du der perfekte Freund, ich dachte: “Wow, endlich habe ich jemanden wie dich gefunden, dich lasse ich nie wieder gehen.” Nicht, dass du nicht schön und schlau wärst, doch das hat ich gar nicht am meisten interessiert; das Wichtigste für mich an einem Partner war immer etwas anderes, wie ich schon auf meiner Tinder-Seite stehen hatte, die dich damals dazu animiert hat, mir zu schreiben – und damit den ganzen Zirkus hier ins Rollen zu bringen: ein gutes Herz. Charakter. Seit ich mich nicht mehr wirklich jung fühle, sprich spätestens seit meinem 30. Geburtstag, ist Neil Youngs “Heart of Gold” meine Hymne, wie du weißt: “I’ve been to Hollywood / I’ve been to Redwood / I crossed the ocean for a heart of gold // Keeps me searching for a heart of gold / And I’m getting old // You keep me searching and I’m growing old…”

Das drückt es genau aus: Ich habe nach einem Menschen mit einem Herzen aus Gold gesucht. Nicht mehr und nicht weniger. Du, wie du damals bei unserem ersten Date vor mir standest, mit deinem breiten Grinsen und den verletzlichen, ehrlichen Augen (die du auf mein Gesicht gerichtet hattest, sodass sie in den meinen versanken statt in meinem Ausschnitt), kaum größer als ich und trotzdem strahlte Stärke von dir aus wie Licht… Du hättest keinen Job haben müssen, kein Geld, kein Auto, keinen Schulabschluss, du hättest nicht so gut aussehen müssen, wie du es tatest, du hättest nichtmal die ganzen ungebräuchlichen Wörter verstehen müssen, die ich manchmal verwende, weil ich zu viele psychologische und philosophische Texte lese, oder die Einschübe auf Englisch und Französisch, wenn mir mal wieder irgendwas nicht auf Deutsch einfällt, weil ich zu viele fremdsprachige Texte lese. Das alles, es wäre nicht nötig gewesen. Denn als Allererstes, du hattest noch nicht den Mund aufgemacht, sah ich, was alles Andere in den Schatten stellte und gleichzeitig die Grundlage dazu abgab, dass ich echtes Interesse entwickelte, den zweitrangigen Rest über dich auch zu erfahren:

Du warst gut.

 

Lene, 25.09.2018, 02:47:

Was aus deinen Augen strahlte, hatte einen goldenen Schimmer – ich hatte gefunden, was ich all die Jahre gesucht hatte.

Heart of Gold – right there in front of me.

 

Lene, 25.09.2018, 02:49:

Lange dachte ich, dieser erste Eindruck hätte mich nicht getrogen. Lange tatest du, was nur Menschen mit goldenen Herzen tun würden. Lange gab es absolut nichts, was mir Anlass gegeben hätte, an meiner Ersteinschätzung zu zweifeln. Du hast dich um mich gekümmert, wenn es mir schlecht ging, du wusstest immer genau, wie du mich aufgeheitert kriegst, du hast mich nicht nur ausgehalten, wenn ich die schlimmste Version meiner selbst war, sondern hast mir sogar das Gefühl gegeben, ich wäre selbst dann noch liebenswert – was noch keiner vor dir geschafft hat. Du hast mir Frühstück ans Bett gebracht, bist mitten in der Nacht vorbeigekommen, um mir Wein und Zigaretten von der Tankstelle mitzubringen und meinem depressiven Ich stundenlang dabei zuzuhören, wie es – zunehmend betrunken – über seinen Weltschmerz heult. Du warst aufmerksam und zärtlich, allein deine Küsse konnten mich um den Verstand bringen. Dir war es nie peinlich, deine Gefühle zu zeigen, wir haben über alles geredet (dachte ich), zusammen gelacht, geweint oder uns über irgendwelche Ungerechtigkeiten auf der Welt aufgeregt… Und dafür, dass ich die erste Frau war, bei der du so viel geweint hast (sagst du zumindest), haben wir ganz schön viel gelacht. Gelacht haben wir nämlich am meisten. Und gelächelt. Gegrinst. Gefeixt. Uns angelächelt. Einander beim Lachen und Lächeln zugeschaut. Ich dachte, du seist perfekt.

 

Lene, 25.09.2018, 02:54:

Und ich hatte Anlass dazu, das war keine Naivität! Vielleicht hast du dir dein Theater selbst abgekauft. Vielleicht warst du genau so, wie du sein _wolltest_. Aber Wünschen allein reicht nicht, um ein guter Mensch zu sein oder zu werden. Nicht, wenn es so leicht erschüttert werden kann wie bei dir. Um einen Charakter zu formen, sich selbst zum Besseren zu verändern, braucht es mehr als einen frommen Wunsch, es braucht Willen. Eisernen Willen. Den hast du nicht. Du bist schwach.

 

Lene, 25.09.2018, 02:57:

Es war so schön mit dir, WIR waren so schön. Dein Geständnis hat mich völlig unvorbereitet getroffen. Ich hatte keinen Grund gesehen, mir eine Deckung aufzubauen, mich gegen einen Angriff aus deiner Richtung zu wappnen; deshalb erwischte es mich mit voller Härte. _DU_ mich betrogen? Mit _dieser_ Person?

Metaphorisch würde man in so einer Situation wohl von einem Schlag ins Gesicht sprechen. So nahm ich es aber nicht wahr. Zu erfahren, dass der Mann, den ich liebe, mir mit seiner ersten großen Liebe fremdgegangen ist, einer Frau, die ihn monatelang fertig gemacht hat, bis sie schließlich die Gnade besaß, ihn zu verlassen, eine Frau, die er behauptete zu verabscheuen – nein, das war kein Schlag ins Gesicht. Es lässt sich eher vergleichen mit einem Himmelskörper, der in einen anderen stürzt, als krachte der Mond auf die Erde und schleuderte sie aus ihrer bisherigen Umlaufbahn. Meine Welt wurde erschüttert, teilweise zerstört und verlor den Fixpunkt, den Stern, um den sie sich gedreht hatte.

Ist es albern, so etwas zu empfinden für eine Person, die man seit ein paar Monaten kennt? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es so war, egal, wie Andere darüber urteilen mögen. Du hast mich nie so geliebt, nicht wahr?

Sonst hättest du mir unmöglich so etwas antun können. Zumal du es nicht bei einem Mal belassen hast. Du hast gesehen, was es mit mir gemacht hat, davon zu erfahren – und hast es wieder getan. Und wieder. Als _wolltest_ du mir weh tun.

Bleiben wir fair, das war nicht der Fall, und ich weiß es. Natürlich wolltest du mir nicht weh tun. Es war dir nur egal.

 

Lene, 25.09.2018, 03:02:

Wie kann man so sein, Ben? _Du_, wie kannst _du_ so sein? Du warst doch immer so ein mitfühlender Mensch! Das kann doch nicht alles nur gespielt gewesen sein…

Ach, ich weiß gar nicht mehr, warum ich dir überhaupt schreibe, es hat keinen Sinn. Oder?

 

Benedikt Liedek, 25.09.2018, 03:11:

Lene, was willst du hören? du weißt, wie sehr mir das alles leid tut. Ich weiß, dass ich mist gebaut habe und zwar so richtig. Unverzeihlichen mist. Ich war ein arschloch und ich hasse mich dafür. Und ich entschuldige mich gerne zum 1000. Mal – es tut mir leid, lene. Ehrlich. Aber was hilft das? Uns? Dir, mir? Was soll ich tun?

 

Lene, 25.09.2018, 04:42:

Ich weiß es nicht, Ben :’(

Ich wünschte, alles wäre anders. Ich wünschte, wir hätten uns nie getroffen. Nein, eigentlich ist das nicht wahr. Mir würden doch so viele liebe Erinnerungen fehlen. Ich wünschte, du hättest mich nie betrogen. Ich wünschte, wir könnten die letzten Monate noch mal leben und dieses Mal alles richtig machen. Vielleicht habe ja auch ich Fehler gemacht, vielleicht hätte ich besser zu dir sein können…

 

Lene, 25.09.2018, 04:59:

Ich liebe dich, Benedikt. Mein Gott, wie sehr ich dich liebe.

 

Benedikt Liedek, 25.09.2018, 10:04:

Und ich liebe dich, Lene. Das weißt du.

 

Lene, 25.09.2018, 16:11:

[Status: I found an island in your arms, country in your eyes, arms that chain us, eyes that lie. Break on through to the other side, break on through… (The Doors)]

Oh fuck. Wieso schreibe ich dir nur so Zeug, wenn ich betrunken bin? Scheiße, ich liebe dich nicht, ich kann dich überhaupt nicht mehr lieben. Nach allem, was du mir angetan hast. Ich war wohl sentimental gestern, ätzend. Wird nicht mehr vorkommen.

Fick dich ins Knie, Ben – oder deine eklige Alte. Mir egal. Nur lass mich mit deinem “Es tut mir leid”-Rumgewinsel in Ruhe. Das nimmt dir kein Mensch ab.

 

Benedikt Liedek, 25.09.2018, 16:25:

Ok, die Lene nun wieder. Hass mich, wenn du das gerade brauchst. Aber es _tut mir leid_, ehrlich. So sehr. Wieso kannst du mir nicht wenigstens das glauben?

 

Lene, 25.09.2018, 16:27:

Weil du die Fotze dann *NICHT WOCHENLANG IMMER WIEDER GEFICKT HÄTTEST DU VERDAMMTES SCHWEIN! UND ES NICHT IMMERNOCH TUN WÜRDEST, SCHEISSE NOCHMAL!*

 

Benedikt Liedek, 25.09.2018, 16:27:

Was heißt hier immernoch

 

Lene, 25.09.2018, 16:28:

Immernoch heißt ich weiß, dass du die letzten Tage bei ihr warst, ich bin doch nicht blöd! Ich habe dir x Mal gesagt, ich _spüre_ das! Oder ist es etwa anders?

 

Benedikt Liedek, 25.09.2018, 16:35:

nein, du hast recht -.-

 

Lene, 25.09.2018, 16:37:

Und, Freitag habt ihr gebumst, was? Nachdem ihr euch sooo lange nicht gesehen habt..

 

Benedikt Liedek, 25.09.2018, 16:40:

Haben wir nicht!

 

Lene, 25.09.2018, 16:41:

Du hast sie NICHT gevögelt? Bullshit!

Also, wann?

 

Benedikt Liedek, 25.09.2018, 16:55:

gestern

 

Lene, 25.09.2018, 16:55:

Scheiße.

 

Benedikt Liedek, 25.09.2018, 16:56:

ja -.-

 

Lene, 25.09.2018, 16:57:

Ben, du bist das Letzte, echt. Und jetzt? Bist du stolz auf dich=

 

Benedikt Liedek, 25.09.2018, 16:58:

nein

 

Benedikt Liedek, 25.09.2018, 17:01:

Lene, ich liebe dich, das ist die wahrheit! Du hattest dich seit tagen nicht mehr gemeldet, ich dachte, ich höre nie wieder was von dir! Das hattest du sogar angekündigt, du meintest, du willst nichts mehr von mir wissen und ich soll dich in ruhe lassen

 

Lene, 25.09.2018, 17:05:

Und ich war blöd genug, zu denken, das würde dir mal die Augen öffnen und du würdest in der Zeit versuchen, herauszufinden, ob ich dir fehle und wenn ja, würdest du dich vielleicht _endlich_ mal um mich mich, um uns bemühen, alles daran setzen, mich zurückzugewinnen… Und weißt du was? Wenn du mich wirklich lieben würdest, hättest du auch genau das getan, statt SCHON WIEDER DEINE EX ZU KNALLEN VERDAMMT!

 

Benedikt Liedek, 25.09.2018, 17:08:

Das ist nicht fair, Lene. Woher sollte ich denn wissen, dass es das war, was du dir von mir gewünscht hast? Ich dachte, du willst wirklich nichts mehr von mir wissen und darüber gäbe es auch keine diskussion… Ich wollte wenigstens deinen wunsch respektieren, wenn ich schon sonst nichts richtig mache 🙁

 

Lene, 25.09.2018, 17:19:

NICHT FAIR?! Ist das dein verfickter Ernst, Benedikt? _Du_ wirfst _mir_ vor, ich wäre nicht fair? _Du_ warst es doch, der mich belogen und betrogen hat, der sein Wohl und das einer kleinen Schlampe, die dich nichts als benutzt und verarscht hat, die *nie* wirklich etwas für dich getan hat, geschweige denn dich geliebt, das Wohl von _so jemandem_ hast du über meins gestellt… Ich, die ich mich immer um dich bemüht habe, die ich fast alles getan hätte, um dich glücklich zu machen?

Aber insofern hat mein kleiner Test ja geklappt – ich wollte herausfinden, ob was dran ist an deinem Gelaber du würdest mich ja sooo lieben und ich wäre dir soo wichtig und du wolltest uuuunbedingt mit mir zusammen bleiben .. Ich dachte mir: wenn er mich liebt, wird er es nicht hinnehmen, dass ich ihn aus meinem Leben werfe, wird er alles tun, um mich zurückzugewinnen. Wenn ich Recht habe mit meiner Vermutung, dass das Liebes-G’schmarr genau so eine Lüge war wie seine Treue, wird er einfach nichts tun – sich nicht mehr melden, wahrscheinlich froh darüber, mich nicht mehr ertragen zu müssen..

Und du? Du hast dich nicht nur nicht gemeldet, du bist auch noch direkt in die Arme dieser Un-Person gerannt… Fall abgeschlossen.

 

Benedikt Liedek, 25.09.2018, 17:24:

Wie oft soll ich es denn noch sagen? Ich dachte, du willst deine ruhe vor mir haben! Ich habe es gehasst, dich so gehen zu lassen, aber ich habe deinen wunsch respektiert – weil ich _dich_ respektiere. Weil mir lieber ist, dich zu verlieren als dir weiter weh zu tun.

Verdammt lene, willst du wissen, warum ich die Tage bei Jessica war? Weil ich es nicht ertragen habe, allein zu sein. Warum ich das nicht ertragen habe? Weil ich dann nichts habe, was mich davon ablenken könnte, mir vorwürfe zu machen, nichts, das mich davon abbringen könnte, mich in gedanken selbst zu zerfleischen, mich auseinander zu nehmen wegen dem,was ich getan habe… Wenn ich momentan alleine bin, gibt es nichts, das meine innere Stimme übertönen könnte, die mich fortwährend anbrüllt, was für ein vollidiot ich bin, dass ich das wertvollste zerstört habe, das ich jemals das unverdiente glück hatte zu besitzen… Lene, ich weiß, dass ich selbst schuld dran bin und du nicht, aber nichtsdestotrotz bist du nicht die einzige, die hier leidet.

 

Lene, 25.09.2018, 17:25:

Oooooo, eine Runde Mitleid für den armen kleinen Benedikt! Er _leidet_, wie grauenvoll!

& das alles, weil seine neueste Exfreundin es persönlich genommen hat, dass er ihr fremdgevögelt hat, die paar Mal, war doch gar nichts, und die alte Hexe _verlässt_ ihn gleich deshalb, und, als wäre das nicht genug, ist sie jetzt auch noch gemein zu ihm! Buuu-huuuu!

Sollen deine Eltern dich aus dem Smaland abholen kommen?

 

Benedikt Liedek, 25.09.2018, 17:30:

Ok, das habe ich wohl verdient

 

Lene, 25.09.2018, 17:37:

Was du verdient hast, wäre, dass man dir dein Herz bricht, wie du meinst gebrochen hast, so richtig…

 

Lene, 25.09.2018, 17:38:

Ach, Ben. Kannst du es einem nicht wenigstens einfacher machen, sauer auf dich zu sein? Wenn du dauernd auf dir selbst rumhackst, kommt man sich irgendwie wie ein Schwein vor, wenn man dich dabei auch noch unterstützt -.-”

 

Benedikt Liedek, 25.09.2018, 17:39:

sorry -.-

tut mir ehrlich leid, kleine. Du hast jedes recht, auf mir rumzuhacken.

 

Lene, 25.09.2018, 17:40:

Als würde das irgendwas besser machen, Ben …

Liebst du sie? Liebst du Jessica? Sei ehrlich.

 

Benedikt Liedek, 25.09.2018, 17:44:

nein!

 

Benedikt Liedek, 25.09.2018, 17:51:

Ich meine, ich bin mir nich sicher. Aber zusammen sein will ich mit DIR, Lene.

 

Lene, 25.09.2018, 17:53:

Alright.. und tschüß.

 

Benedikt Liedek, 25.09.2018, 17:54:

Scheiße

Es tut mir leid, lene

 

Benedikt Liedek, 26.09.2018, 07:18:

Lene … wie geht es dir? Bitte meld dich

 

Benedikt Liedek, 26.09.2018, 12:02:

Schließ mich nicht aus, Kleine

bitte

 

Benedik Liedek, 26.09.2018, 20:21:

Willst du noch immer nicht mit mir reden?

 

Benedikt Liedek, 26.09.2018, 23:59:

du fehlst mir

bitte melde dich doch

 

Benedikt Liedek, 27.09.2018, 01:11:

Lene, ich habe Scheiße gebaut, so richtig. Ich habe dich betrogen, und dann auch noch mit einer frau, die nicht halb so toll ist wie du. Das hast du nicht verdient -.-

Ein teil von mir liebt jessica noch, das stimmt … aber sie ist nicht meine zukunft, Lene. Das bist du. Wenn ich jessica nicht mehr sehe, vergesse ich sie, wie zu der zeit, wo wir beide uns kennengelernt haben. Wenn ich DICH nicht sehe, geht es mir schlecht + ich vermisse dich. Bitte gib mir noch eine Chance. BITTE

 

Benedikt Liedek, 27.09.2018, 02:31:

BITTE SAG WAS

 

Benedikt Liedek, 27.09.2018, 03:05:

Lene, tu mir das nicht an. Ich liebe dich. Sprich mit mir.

scheiße ich weiß nicht wie ich ohne dich leben soll

 

Benedikt Liedek, 27.09.2018, 03:06:

Es tut mir leid, kleine

Ich kann so nicht mehr

mach’s gut, ja? Pass auf dich auf. Ich liebe dich über alles.

 

Lene, 27.09.2018, 03:14:

Was soll das, Ben? Bist du betrunken?

 

Lene, 27.09.2018, 03:25:

Ben?

 

Lene, 27.09.2018, 03:26:

Mach keinen Scheiß, Ben!

Sag was!

 

Lene, 27.09.2018, 03:28:

Ben, ich liebe dich auch. Bitte meld dich

 

Lene, 27.09.2018, 03:33:

Ok jetzt reichts. Ich komm rüber. In 15 min bin ich bei dir dir. Bis gleich

 

Benedikt Liedek, 29.09.2018, 23:17:

Danke für alles, schatz. Ich hoffe, du bist gut heimgekommen?

 

Lene, 29.09.2018, 23:20:

Ja, gerade zur Tür rein. Mein Bett wird ein bisschen einsam sein heute, so ohne dich…

 

Benedikt Liedek, 29.09.2018, 23:22:

Ich vermisse dich jetzt schon. Sehen wir uns morgen, Große?

 

Lene, 29.09.2018, 23:23:

Wenn die Chefin mich rechtzeitig heimlässt 😉 ist wahrscheinlich Einiges liegen geblieben die letzten 2 Tage

 

Benedikt Liedek, 29.09.2018, 23:25:

wollen wir noch kurz telefonieren, zum gute Nacht-Sagen?

 

Lene, 29.09.2018, 23:32:

ok, ich ruf an, mom

 

Lene, 30.09.2018, 19:53:

Ben-Schaaatz? In zwei Stunden bei mir?

 

Benedikt Liedek, 30.09.2018, 19:54:

Klar! Ich freu mich <3

 

Lene, 30.09.2018, 19:54:

Cool, bis dann :-*

 

Benedikt Liedek, 30.09.2018, 19:56:

C yu :-*

 

 

 

 

Lene, 15.10.2018, 20:17:

Hey Schatz, ich würde es heute doch noch schaffen, in der Klinik war kaum was los & sie brauchen mich nicht für die Nachtschicht. Wann soll ich bei dir sein? =)

 

Benedikt Liedek, 15.10.2018, 20:42:

Hey

Du musst nicht extra vorbeikommen, das ist doch stressig für dich jetzt. Und ich will nicht, dass du dich meinetwegen stresst :-*

 

Lene, 15.10.2018, 20:46:

Wie, stressig? Wenn ich keinen Nerv dazu hätte, würde ich es doch nicht vorschlagen. Muss nur eben die Katze füttern, dann komm ich rum

 

Benedikt Liedek, 15.10.2018, 20:48:

Ehrlich gesagt bin ich auch etwas müde

 

Lene, 15.10.2018, 20:49:

Warum sagst du das nicht gleich? Ist ja auch kein Problem

 

Lene, 15.10.2018, 20:52:

Moment – was ist los, Ben? Irgendwas stimmt doch hier nicht.

Warum solltest du um vor neun müde sein? Ich weiß, dass du gestern früh ins Bett bist. Und das von wegen zu stressig für mich… sind 15 min mitm Auto zu dir…

 

Lene, 15.10.2018, 20:54:

Du lügst mich doch gerade an!

 

Benedikt Liedek, 15.10.2018, 20:59:

Was spinnst du dir denn jetzt wieder zusammen?

 

Lene, 15.10.2018, 21:01:

& jetzt wirst du ausfallend… wie immer, wenn du ein schlechtes Gewissen hast.

Fuck, Ben – ist Jessica bei dir?!

 

Benedikt Liedek, 15.10.2018, 21:28:

Schatz, es ist nicht, wie du jetzt denkst

Jessy brauchte hilfe beim einkaufen, sie hat doch die neue wohnung .. und wir waren bei ikea, einen kleiderschrank kaufen.. Den hab ich ihr raufgetragen und aufgebaut, du weißt doch, wie schlecht sie in sowas ist. Und um sich zu bedanken hat sie mich noch auf ein glas Wein eingeladen. Das ist alles, ich schwöre es dir!

 

Lene, 15.10.2018, 21:29:

DU BIST _BEI_ IHR???

 

Benedikt Liedek, 15.10.2018, 21:34:

ja -.-

aber es ist NICHTS passiert!

 

Lene, 15.10.2018, 21:40:

Du hattest mir versprochen, das Weib nicht mehr zu sehen! Du hast gesagt, du hast den Kontakt abgebrochen!

 

Benedikt Liedek, 15.10.2018, 21:57:

Ich konnte sie doch nicht einfach im stich lassen, sie hatte sonst niemanden, der ihr helfen könnte -.-

Du weißt doch, dass ihr ex ein arsch ist

 

Lene, 15.10.2018, 21:58:

Ich dachte ehrlich gesagt, ihr Ex hätte sich geändert, aber ja, offensichtlich ist er das noch immer: 1 RIESENGROSSER ARSCH!

 

Benedikt Liedek, 15.10.2018, 22:10:

ok den hab ich verdient

aber ich habe von tom geredet, der hat sie einfach rausgeworfen… ich musste ihr helfen!

 

Lene, 15.10.2018, 22:12:

Es ist mir vollkommen egal, aus welchem Grund du dein Versprechen brichst und erst recht, was J. für Probleme mit ihren Stechern hat! Mich interessiert, _dass_ du dein Versprechen gebrochen hast! Das war Voraussetzung dafür, dass wir es nochmal versuchen!

 

Benedikt Liedek, 15.10.2018, 22:24:

Schatz, es ist doch gar nichts gelaufen!wir sind nur freunde! Ich verstehe gar nicht, warum du dich so aufregst

 

Lene, 15.10.2018, 22:25:

So, das verstehst du nicht? Vielleicht verstehst du ja das: Scher’ dich her und hol deinen Kram ab, sonst fliegt alles aus dem Fenster. Du hast ne halbe Stunde.

& warum brauchst du überhaupt jedes Mal so ewig zum Antworten? Stör ich euch bei was?

 

Benedikt Liedek, 15.10.2018, 22:28:

Verdammt NEIN! Wir saßen nur im Wohnzimmer und haben einen Wein getrunken! Sie freut sich für uns, dass wir wieder zusammen sind, lene!sie ist kein schlechter mensch!

Aber ich bin jetzt auf dem weg zu dir, ok?

Bitte mach nichts dummes bis dahin, ja?

Ich liebe dich. Nur dich!

 

Benedikt Liedek, 16.10.2018, 03:46:

Meine Große, heute hast du mir echt einen Schreck eingejagt. Ich dachte wirklich, du schmeißt mich raus -.-

Zu recht, ich war so ein vollidiot. Danke, dass du mir noch eine chance gibst. Du wirst es nicht bereuen! Ich schwöre dir, ab diesem tag gibt es keine Jessica mehr in meinem leben. Ich liebe dich, lene.

 

Lene, 16.10.2018, 06:36:

Ich liebe dich auch, Ben.

Aber das ist deine letzte Chance. Nochmal mach ich das nicht mit!

 

Benedikt Liedek, 16.10.2018, 13:37:

Und das musst du auch nicht, es kommt nie wieder vor. Ehrenwort! :*

 

 

 

 

Lene, 18.10.2018, 15:23:

Warum gehst du nicht an dein Handy?

Wo steckst du, verdammt??

How to Lovoo

Liebe Damen und Herren Lesende,

es folgt eine Liste von Ideen zur Gestaltung seines Lovoo-/Tinder-Profils. Wenn Sie mit denen nicht die Liebe Ihres Lebens finden, stimmt vielleicht etwas nicht mit Ihnen – oder der Welt.

Die Ehrlichen:

„Suche angstfreien Beifahrer, der auf Kommando Zigaretten drehen, Essen anreichern und aus dem Haufen CDs zu seinen Füßen innert weniger Sekunden die richtige herauskramen und einlegen kann.“

„Du hast kein Problem damit, deiner Freundin um 2:00 Uhr nachts Nudeln zu kochen, nur um sie danach tief schlafend vorzufinden? Deine Ohren vertragen Hellectro UND Schumann? Du kannst stundenlang krude Theorien über die menschliche Psyche aufstellen? Meld dich.“

„Ich bin nicht mehr jung, zynisch bis bösartig und perfektionistischer als meiner Partnersuche gut täte, aber ich trage noch immer eine Kleidergröße 34.“

„Arbeitslose Philosophin, die das Verwenden von Pleonasmen eigentlich für schlechten Stil hält, sucht jemanden (w, m), der ihr einen Elfenbeinturm kauft oder sie in seinem mitwohnen lässt.“

„Chronisch Depressive, die mit ihrem Leben noch ein paar Rechnungen offen hat, sucht geistig und seelisch attraktiven Ihn (oder Sie) mit eigenem weißen Pferd, glänzender Rüstung und Erfahrung im (oder zumindest Bereitschaft zum) Kampf gegen innere und äußere Monster.“

Die Zynischen:

„Du magst ausgedehnte Shopping-Touren, Gespräche über das Wunder meiner Person und Nagellack, nennst ’sich volllaufen lassen‘ ‚feiern‘, gehst gerne ‚feiern‘ und findest, Schlaaand hätte 2018 Weltmeister werden sollen? Wunderbar! Nächster.“

„Ich, w, unter 30, schwafele gerne über Moral, während ich mein Schnitzel esse und nenne das ‚philosophieren‘. Ich mag: Superioritätsgefühle und meinen Gottkomplex. Ich hasse: dich (sofern du noch immer nicht auf die Knie gefallen bist).“

„Fürchte dich, fürchte dich maßlos. Was, immer noch hier? Na meinetwegen, dann schreib mir halt.“

Die, die nur RICHTIG gut ankommen, wenn man ein Ü30-Nerd ist, dem man ansieht  dass er selten das Haus verlässt:

„Meine Mutter hat mich gezwungen, das Profil hier anzulegen.“

„Qapla’…“

Die für Mutige:

„Suche Verstärkung im Kampf gegen das Böse. Da das Böse nie schläft, solltest du zumindest partiell nachtaktiv sein. Biete praktische Kampfeserfahrung mit Degen und (Schreib-) Feder sowie theoretische, über PC-Spiele erworbene Eliminierungs-Kenntnisse (Sims im Pool ertränken, Moorhühner erschießen,…)“

Voyeur und Voyeuse

Danke, unsympathisch starrendes Mercedes-Mädchen, für die Inspiration. 


Das merkwürdig unpersönliche Starren

das doch Intimität herstellt,

der Blick des Reality TV-Fans;

das Gesicht von keiner Emotion gerührt

eine glatte Oberfläche wie Stahl und Eis

die Augen keine Fenster, sondern Kameras,

dahinter bewegt sich nichts,

verbirgt sich

oder ist gar nicht da;

kein Gesichtsschleiher nötig, um sich zu verstecken,

während man sein Gegenüber mit Blicken auszieht.

Es will dich sehen, von Nahem

so genau wie möglich,

kein Detail entgeht ihm;

es will dabei nur nicht gesehen werden,

und vielleicht gibt es ja auch gar nichts zu sehen

vielleicht ist niemand zu Hause

oder Hirn und Herz stehen seit Jahren leer

und niemand will dort wohnen.

Wer weiß?

Erkennen kann man es nicht,

nicht  bevor der Mund aufgeht,

und noch schaut es nur, erforscht, ordnet zu, weidet sich, erkennt –

doch nichts;

die Welt wendet einem nur verschiedene Winkel

des gleichen ausdruckslosen Antlitzes zu,

wenn man sie nicht an sich heranlässt.

Und so glotzen sie einander an,

Welt und Einzelvieh,

baden ineinander, zum Schein,

nichts entsteht

und niemand wird jemals glücklich.

Empathen

Dich zu lieben, ist nicht einfach, denn dir geht es oft schlecht. Du bist unglücklich und niemand kann etwas daran ändern. Depressionen, du hattest sie schon alle. Was hast du nicht an Suizidgedanken und -versuchen überlebt.

Heute hast du mal wieder einen schlimmen Abend. Der Tag war schon übel. Du hast deine Klausur verhauen und nach ein bisschen Rumrechnen gemerkt, dass die Studienzeit dir langsam knapp wird, wenn du die auch noch wiederholen musst. Jetzt sitzt du auf dem Balkon, vor dir die Flasche Wein wird langsam leer, und rauchst Kette. Ein Blick in dein Gesicht verrät denen, die andere Personen nur sehen und nicht spüren, wie ich dich spüre, was ich mit geschlossenen Augen erkennen würde: Du bist mit den Nerven am Ende. Wer die Traurigkeit in deinen Augen, die tiefer als sonst eingekerbten Sorgenfalten um deinen Mund und zwischen deinen Augenbrauen, die Augenringe, die nach unten geneigten Mundwinkel, die zitternden Hände und die hängenden Schultern nicht zuordnen könnte, müsste zumindest die Schachtel Rasierklingen auf dem Tisch vor dir bemerken, den vollen Aschenbecher, das bereitgestellte Verbandszeug und Desinfektionsmittel. Wer dich nicht kennt, wäre schockiert. Ich bin einfach nur dankbar, dass du wenigstens an Wunderversorgung gedacht hast.

Deine Psyche tut dir weh. Ein konstanter, furchtbarer Schmerz, nicht physisch und doch im Körper verortbar, ein Ziehen und Zerren, eine Leere zwischen deinen Rippenbögen, etwa im Ursprung des Musculus rectus abdominis, aber eben nicht körperlich dort. Du hast zwei Stellen im Körper, an denen du seelische Schmerzen fühlen kannst: im Hals und eben am Oberbauch. Wenn es so etwas wie eine Seele gibt, nicht nur irgendwelche neuralen Verschaltungen und chemischen Prozesse im Gehirn, die ein Ich-Gefühl konstituieren, dann muss deine an einem dieser beiden Orte oder an beiden sitzen. Du leidest, du leidest auf eine Weise, die dich lähmt und dir die Zuversicht raubt, irgendetwas könnte jemals wieder gut werden. Du weißt aus Erfahrung, dass man sich nicht auf die Stimme der Depression verlassen kann, wenn sie einem so etwas einredet, wenn sie einem die lebenslange Verzweiflung voraussagt. Das ändert nichts daran, dass du ihr jedes Mal glaubst, auf einer Ebene, die über rationales Wissen hinausgeht und durch dieses nicht beeinflusst werden kann, eine Ebene, die du noch am ehesten als „emotionales Verstehen“ bezeichnen würdest, auch, wenn Sprache als selbst vor allem rationales Werkzeug schlecht dazu geeignet ist, darüber zu sprechen, wie Dinge sich anfühlen. Ja, über so etwas machst du dir Gedanken. Du machst dir über alles Gedanken. Ständig. Du fühlst dich für alles verantwortlich. Du versuchst, der Welt um dich herum der Atlas zu sein und lädst sie dir auf die Schultern, und wenn du unter ihrem Gewicht strauchelst, bestrafst du dich selbst dafür, in Gedanken, Worten und Taten.

Du würdest gerne weinen, du kannst es nicht. Obwohl, das trifft es nicht ganz – du hasst dich selbst, wenn du weinst, du kommst dir schwach vor, und Schwäche ist für dich einer der größten Charakterfehler, die es gibt; aber du weißt, dass Weinen dir besser tun würde als dieses zugeschnürte Erstickungsgefühl im Hals, das du stattdessen hast. Manchmal flüchtest du dich nach Hause oder zumindest irgendwohin, wo dich niemand sehen kann, wenn du weinen musst. Solange du nicht alleine bist, hältst du mit aller Macht die Tränen zurück; es ist schlimm genug, dir selbst zu beweisen, dass du ein Schwächling bist, indem du flennst wie ein Baby. Dass jemand anderes das mitkriegt, ist vollkommen inakzeptabel. Der Welt zeigst du nur dein emotionsloses Gesicht oder dein Lachen. Niemand kann so überzeugend lügen wie du, wenn du auf die täglich auf dich abgeschossene Frage nach deiner Befindlichkeit mit einem breiten Grinsen und fröhlicher Stimme verkündest: „Gut, wirklich gut. Und selbst?“ Wer nicht den hellen Funken in deinen Augen kennt, der dort brennt, solange du tatsächlich glücklich bist, würde nie an deiner Aussage zweifeln. Gut so. Du bist nicht auf der Welt, um anderen zur Last zu fallen. Als du das erste Mal vor mir geweint hast, wusste ich, dass du mich wirklich liebst. Nein, eigentlich wusste ich das schon, als du das erste Mal ehrlich auf mein „Wie geht es dir?“ reagiert hast.

Mit einem tiefen, entschiedenen Zug leerst du dein Weinglas und drückst deine Zigarette aus. Zeit, zur Tat zu schreiten. Du bist im Selbstzerstörungs-Modus, ich habe Angst. Um dich. Dir ist jetzt alles egal, du willst einfach nur nicht mehr so leiden. Die seelischen Schmerzen, sie müssen ja nicht ganz weggehen, das tun sie eh nicht, sie sollen nur ein bisschen, bitte nur ein kleines bisschen nachlassen. Etwas Erleichterung, ein wenig weniger Leere. Es mag paradox erscheinen, dass du dir weh tust, um weniger Schmerzen zu empfinden. Du könntest genau erklären, warum das funktioniert – der Körper schüttet Endorphine und Adrenalin aus, sobald er verletzt wird, sodass es einem geistig besser geht; das diente einst dazu, in Gefahrensituationen kämpfen oder fliehen zu können, das Gehirn mobilisiert die letzten Kräfte des durch die Schädigung geschwächten Körpers. Doch du bist es müde, solcherlei Erklärungen zu geben; zu oft wurdest du im Laufe deines Lebens schon auf deine mit Narben bedeckten Arme und Beine angesprochen, zu viele Fragen wurden dir nach dem Wie und Wieso ihrer Entstehung gestellt, zu selten hat man dir zugehört, wenn du dir tatsächlich die Mühe gegeben hast, eine Begründung vorzubringen. Und es ist doch auch vollkommen egal warum, oder? Es funktioniert. Punkt. Alles, was du jetzt willst, ist, dich zu schneiden. Du kriegst schon diesen Blick, der mich bis in meine bösesten Träume verfolgt, eine Mischung aus Junkie vorm nächsten Schuss und vollkommener Verzweiflung, die mir das Herz zerbricht. Nicht nur, weil du dir Schaden zufügst, vor allem, weil es dir so schlecht geht, dass dir nichts anderes mehr einfällt, als dir Schaden zuzufügen, um dem zu entkommen. Du ziehst eine Klinge aus dem Karton, öffnest mit geübten Fingern, völlig ruhig jetzt, das Zittern ist verschwunden, das Papier, in das sie eingewickelt ist, du öffnest ein Verbandpäckchen, mehrere Kompressen, Salbentüll zur Wundauflage, noch ein Verbandpäckchen, und legst dir alles bereit; vor meinen Augen beginnt alles, sich zu drehen. Du desinfizierst die Rasierklinge und deinen Arm; ich bin halb deine Ruhe und halb mein Schwindel. Sorgfältig bereitest du alles vor, du tust das hier schließlich nicht zum ersten Mal; meine Hand krampft sich um die Lehne meines Stuhls, mein Arm kribbelt, ich ertrage das hier schließlich nicht zum ersten Mal. Dann bist du fertig, bereit; meine Anspannung steht zwischen uns in der Luft wie eine Wand. Normalerweise würdest du sie fühlen, fast schon sehen können, jetzt bist du zu weit weg.

Du nimmst die Klinge in die Rechte, ich wende meine Augen ab und kann trotzdem spüren, wie sie niederfährt, wieder und wieder, wie das Blut mir, nein dir, sorry, den Arm hinunterläuft, das Brennen der geöffneten Haut und die tiefe Befriedigung über jeden einzelnen Schnitt. Es ist nicht zum Aushalten. Ich will die Verbindung zwischen uns kappen, will, dass das aufhört, will dich nicht immer fühlen müssen und gleichzeitig will ich, muss ich doch für dich da sein, verdammt, du brauchst mich doch, ich springe auf, schlage mir dabei das Knie am Tisch an, worauf du zusammenzuckst und dir mit einem „Auutsch“ ans Bein fasst, dann bin ich in der Wohnung, und noch immer gehst du nicht weg, aus meinem Kopf, meinen Gefühlen, ich renne auf die Straße und habe ein so tiefes Bedürfnis danach, so laut ich kann loszubrüllen, dass ich mir die Hand vor den Mund halten muss, ich renne, renne, und dann spüre ich, wie mich eine tiefe Welle von Gefühlen überrollt, Depression, Hoffnungslosigkeit, Selbsthass, ich stolpere gegen die nächste Hauswand, um mich an ihr festzuhalten, und dann ist da dieses Reißen in meinem linken Arm, Erschrecken und die Erkenntnis: „Verdammt, das war zu tief, viel zu tief, verdammt, verdammt, Scheiße, was mach ich denn jetzt, ich bin so ein nichtsnutziger Idiot…“ und ich weiß, jetzt muss ich dringend zu dir und dich ins Krankenhaus bringen. Ich ringe all die Schmerzen, die psychischen und die physischen, nieder, schiebe sie aus meinem vordersten Bewusstsein, um handlungsfähig zu bleiben, denn ich weiß, du bist es nicht mehr, du sitzt gerade da, starrst entgeistert auf deinen Arm und in deinem Kopf geht es nur noch „Fuck, fuck, fuck, fuck“, also brauchst du mich. Ich kehre um, verfalle ins Sprinten, innerhalb von Sekunden bin ich wieder an der Haustür, nehme mehrere Stufen auf einmal, die Treppe rauf in den 4. Stock, durch unsere Wohnungstür, die noch offen steht, ich knalle sie hinter mir zu, durch die Wohnung, und auf dem Balkon finde ich dich, bleich wie Papier, wie du deinen linken Arm vor dich hältst, auf dem ein wirklich viel, viel zu tiefer Schnitt prangt, den du entgeistert anstarrst, während du „Fuck, fuck, fuck“ flüsterst, und ich sage, außer Atem, aber so ruhig wie möglich: „Großer, ich bin ja da. Ich bin ja wieder da. Komm, wir fahren jetzt ins Krankenhaus und lassen das nähen.“ Du schaust auf, deine Dankbarkeit ist wie die Wärme eines Lagerfeuers in mir und auf deinem wunderschönen, todtraurigen Gesicht, aber wenigstens bist du wieder da, und nickst. „Ok,“ antwortest du. „Ok. Danke, Kleine. Danke, danke. Es tut mir so leid.“ „Pscht,“ mache ich, knie neben dir nieder und beginne, die Wunde zu verbinden – zum Glück hast du vorhin daran gedacht, Verbandszeug bereit zu legen.

Du fühlst dich etwas besser an, jetzt. Und wenn die Wunde erst gescheit versorgt ist, wirst du dich noch besser anfühlen und fühlen.

Du trägst auf deinen Schultern die Last der ganzen Welt, mein Großer, aber du bist meine Welt und deshalb muss ich dich auf meinen Schultern tragen. Du würdest es mir wirklich leichter machen, wenn du die Welt ab und zu absetzen könntest. Soll sich doch zur Abwechslung wer anders um sie kümmern. Ich kümmere mich um dich, und das solltest du auch tun.

Später liegst du in meinem Arm, du bist am Einschlafen, und liebst mich so sehr, dass mir Tränen in die Augen steigen und ich weiß, es wird nicht immer so sein mit dir, du wirst nicht immer unglücklich sein; du bist viel zu stark, um immer unglücklich zu sein. Ich kenne dich schließlich.

Auf der Grenze

Manchmal hasse ich mich so sehr, dass ich es nicht länger ertrage, ich selbst zu sein. Dann beginnt das Dissoziieren: Ich tue so, als sei ich nicht ich. Es ist, als bräche meine Seele von meinem Körper ab und ginge dabei selbst entzwei. So kommt meine Psyche damit zurecht, sich selbst nicht leiden zu können – sie versucht, sich zu beweisen, dass sie gar nicht das ist, was sie hasst. Was sie hasst, das ist der andere Teil. Die beiden Seelensplitter hassen sich gegenseitig und machen einander für alle Probleme verantwortlich, die sie haben. Ich nenne das Stück, das den Bruch initiiert und das am meisten hasst Nicole, wie meinen zweiten Vornamen. Das Stück, das mehr wie ich ist und sich auf die Seite meines Körpers stellt, ihn und sich beschützen will, nenne ich Maja, nach meinem ersten Vornamen.

Nicole ist es, die immer auf mir herumtrampelt. Wenn sie da ist, übernimmt sie die Führung und macht mich zu einem Menschen, den ich selber nicht mehr erkenne, einem furchtbaren Menschen. Sie macht alles, um uns zu zerstören. Sie besäuft sich wie eine Irre, raucht dabei eine Menge, verletzt meinen Körper auf jede nur erdenkliche Weise – sie kann das ja, ist ja nicht ihr Körper. Denkt sie zumindest. Sie schneidet sich, drückt Zigaretten auf sich aus, schlägt mit voller Kraft gegen Wände, … Und sie ist gemein. Auch zu anderen. Dass die mich mögen, verwendet Nicole gegen sie. Wenn jemand es so gar nicht erträgt, dass ich mich selbst verletze, wird sie genau dieser Person ihre neuen Wunden unter die Nase halten. Ich bin mir nicht ganz sicher, was sie damit bezweckt, aber ich glaube, sie will sich selbst und meinen Freunden beweisen, dass sie ein schlechter Mensch ist und ihr Hass somit völlig berechtigt. So rechtfertigt sie ex post ihr selbstzerstörerisches Verhalten: „Siehst du, man muss mich einfach hassen. Und jetzt tust du’s auch.“

Nicole hält sich für unglaublich stark und Maja für extrem schwach. Sie empfindet keine Schmerzen, wenn der Körper leidet. Sie freut sich, wenn man ihm die Verletzungen ansieht. Wenn er blutet oder sich Verbrennungen bilden, lacht sie. Die ganze Zeit lacht sie. Sie lacht Maja aus, sich selbst, die ganze Welt. Für sie ist alles immer nur lächerlich. Das Leben, die Liebe, Verzweiflung, Glück, Sehnsucht, alles ein einziger großer Witz. Lachend hält Nicole die Hand auf die Herdplatte. Lachend rammt sie den Ellenbogen gegen die nächste Mauer. Lachend steht sie mit ihrem Messer da, alles ist voller Blut, und zieht es sich noch einmal übers Bein, diesmal mit ganzer Kraft, die Wunde klafft auf, sie ist viel zu tief, man kann den Knochen darunter sehen, überrascht hält Nicole inne, um dann erneut in lautes Lachen auszubrechen. „Ups,“ verkündet sie, „ich glaub, das muss genäht werden oder ich verblute.“ Immer steht sie mit einem Bein im Grab und findet’s geil.

Mit ihr kann man nicht diskutieren. Sie weiß, was sie tut. Und sie weiß alles besser als jeder andere. Ich habe Angst, dass sie uns umbringt.

Wo Nicole völlig irre ist, ist Maja besonnen, zurückhaltend, umgänglich. Sie mag sich selbst nicht, aber sie arbeitet daran, das zu ändern. Sie würde niemals absichtlich jemand anderem weh tun. Sich selbst eigentlich auch nicht. Sie glaubt an das Gute im Menschen, an die Liebe, daran, die Welt zu einem zumindest ein bisschen besseren Ort machen zu können, wenn sie moralisch handelt. Sie erträgt es nicht, wenn jemand leidet. Eigentlich ist sie eine ganz normale junge Frau, die einfach nur in Frieden leben will. Eigentlich bin ich eine ganz normale junge Frau, die einfach nur in Frieden leben will. Aber wenn mir nicht gerade jemand anders das Herz bricht, breche ich es mir selbst.

Es ist schwer zu sagen, woher psychische Krankheiten kommen – ein Teil wird vererbt, ein anderer entsteht durch Lebensumstände. Was das betrifft, gleichen psychische Erkrankungen dem Charakter, obwohl sie kein Charakterzug sind: es ist so gut wie unmöglich, zu rekonstruieren, was alles eine Rolle (oder was genau welche Rolle) bei seiner Bildung gespielt hat. Kinder sind geistig ihren Eltern ähnlich, aber ist das so, weil sie deren Gene haben oder weil sie deren Erziehung genossen haben? Ich weiß nicht, ob es unter meinen Vorfahren Borderline-Persönlichkeiten gegeben hat; zumindest wurde nie eine Diagnose gestellt. Vor fünfzig Jahren ist man nicht einfach zum Therapeuten gegangen, wenn es einem schlecht ging. Man war schließlich nicht verrückt! Man hatte nur gerade eine schwere Zeit. Psychiatrischen Erkrankungen haftete ein noch größeres Stigma an, als es das heute tut. Viele Behandlungsmöglichkeiten existierten nicht oder waren unausgereift. Jahrhundertelang hat man „Wahnsinnige“ einfach weggesperrt, statt zu versuchen, ihnen zu helfen. Noch in den 80-er, 90-er Jahren wurden in deutschen Psychiatrien (in anderen Ländern ist es heute noch so, und wer kann sicher sagen, dass so etwas in Deutschland nicht mehr statt findet?) Menschen misshandelt. Man experimentierte mit ihnen, oft ohne Einverständnis der Angehörigen oder Betroffenen wurden Medikamente und Behandlungsmethoden getestet, die schreckliche Nebenwirkungen hatten; man vernachlässigte sie; fixierte sie; körperliche Gewalt war an der Tagesordnung; wer geisteskrank war, galt nicht als vollwertiger Mensch. Tut es teilweise heute noch nicht. Man wird entmündigt, eingesperrt und unter Medikamente gesetzt. Alles hat schönere Namen heutzutage, man ist krank statt irre, das hier ist keine Klapsmühle, das ist ein Krankenhaus, das da ist keine Zwangsmaßnahme, es ist nötig, um eine Selbst- oder Fremdgefährdung auszuschließen.

Jedenfalls – ich weiß nicht, ob mir meine Borderline-Persönlichkeit vererbt wurde, ob ich eh eine erhöhte Gefahr hatte, an ihr zu erkranken. Ich weiß nur, was sie ausgelöst hat, seit wann ich mich nicht mehr leiden kann, wann ich das erste Mal dissoziiert habe: Seit der Vergewaltigung. Ich war 21, er war zu scharf auf mich, um meine Einwände zu beachten und hat sich genommen, was ich ihm nicht geben wollte; und ich begann, zu dissoziieren. Ich betrachtete mich selbst und die ganze Situation von Außen, eigenartig ruhig; der Rest von mir stellte sich tot. Nachher habe ich stundenlang geduscht und hatte dabei Fantasien davon, mir die Teile meines Körpers abzuschneiden, denen er die meiste Aufmerksamkeit gewidmet hatte oder mir die Haut abzuziehen. Ich wollte mich wieder sauber fühlen. Ich tue es heute noch nicht. Meine Seele ist nicht mehr sauber, was hilft da alles Waschen der Welt?

Schneiden dagegen hat geholfen. Doch irgendwann ist es meiner Kontrolle entglitten, hat sich verselbstständigt, wurde zum Selbstzweck. Irgendwann wurde Nicole mächtig genug, um mich zu übernehmen, wann sie wollte. Im Grunde macht sie nur das Gleiche mit mir wie er. Es fühlt sich an, als hätte ich es verdient, noch immer.

Ich werde nie wieder in Ordnung kommen, oder?

Ein Tag mit Nathalie Irène Messerschmidt

Geschrieben mit Jan, dem Macker, I mean – Jan the man!


Um 13 Uhr komme ich an der Wohnung meiner besten Freundin Nathalie Irène Messerschmidt an. Nachdem ich 10 Minuten geklingelt habe, macht sie mir auf, in Boxershorts und sonst nichts an. Die goldblonden Haare hängen in schlaffen Locken um ihren Kopf und verdecken wenigstens den Großteil ihrer Brüste. Wahrscheinlich hat sie sich gestern Abend irgendeine komische Frisur mit Wellen gestylt, normalerweise hat sie glatte Haare, die sie auch deutlich weniger nuttig aussehen lassen. Jetzt klebt ihr der Mascara unter den Augenbrauen und an den Wangen, blauer Lidschatten ist überall in ihrem Gesicht verteilt und irgendwas ist ihr an der Oberlippe.

„Komm rein,“ nuschelt sie, „ich hab schon Kaffee gemacht. Ich meine, gleich werde ich Kaffee gemacht haben.“

Das bedeutet natürlich, dass ich Kaffee machen muss, denn Nathalie fängt, kaum, dass ich in der Wohnung bin an, mir von ihren Eskapaden des letzten Abends zu erzählen. Weißt du, mit dem Typ A habe ich, und dann kam der Typ B und hat deutlich mehr Drinks ausgegeben, und plötzlich, als Typ C den Raum betrat… Jedenfalls bin ich alleine heim, ist doch nicht meine Schuld, wenn die denken, dass sie eine Frau mit ein paar Mojitos kaufen können. Unter einem Long Island und einer Portion Pommes bin ich nicht zu haben.

14 Uhr: Ich habe meinen ersten Kaffee, natürlich selbstgemacht, Nathalie ist langsam betrunken.

15 Uhr: Ich habe meinen zweiten Kaffee, natürlich selbstgemacht, Nathalie ist betrunken.

16 Uhr: Nathalie entscheidet sich, einen Beauty-Day zu machen. Leider ist sie zu betrunken, um die Gesichtsmaske richtig aufzusetzen. „Hilf mir mal das Ding auf mein Gesicht zu setzen. Oh ja, und hohl mir mal den azur Nagellack aus dem Schrank. Du weißt schon, welchen ich meine, den hellen azur, der andere ist kacke.“ Leider wusste ich es nicht.

16.30 Uhr: Fürchte um mein Leben. Azur und azur nicht auseinander halten zu können hat mich in Nathalies Augen degradiert, vom Sklaven zum Gladiator. Warte nur noch darauf, wann sie mich in die Arena zu den Löwen schickt. Momentan läuft sie fluchend im Bad auf und ab, verwünscht mich und meine ganze Sippe, sagt, ich sei ihrer eh noch nie wert gewesen und wirft Lidschatten-Paletten nach mir.

17 Uhr: Natahlie will shoppen. Aber nicht selbst, versteht sich, denn heute ist sie Beauty-Queen und sowieso zu fertig, um vor die Tür zu gehen. Außerdem braucht sie erstmal ihre Ruhe vor Leuten ohne Sehnerven. Also gehe ich los zu H&M, während sie mir einen Link nach dem anderen sendet. „Genau das, olivgrün, Größe S“, „Vergiss das Top, das ich dir geschickt habe, ich BRAUCHE das Kleid hier. In Rot. Und Sushi.“

18 Uhr: Noch immer bin ich im H&M, am Suchen. Noch immer schickt sie mir ihre Nachrichten. Ungefähr fünf in der Minute. Ich habe den Eindruck, ich habe den ganzen Laden durchsucht, um ihren ersten Wunsch zu finden, und jetzt tue ich das Gleiche nochmal für ihren zweiten, und ständig kommt von ihr: „Wo bleibst du?“ „Das kann doch nicht so schwer sein!“ „Das kleine Schwarze mit der Spitze, Mann!“

19 Uhr: Völlig am Ende mit den Nerven.

20 Uhr: H&M macht zu. Ich habe 14 von 150 Wünschen gefunden und bezahlt. Sie wird mich umbringen.

21 Uhr: Ankunft in der Wohnung von Nathalie. „Boa ey, na endlich, warum hat das so lange gedauert.“ Was für eine Begrüßung. Sie beginnt alle Klamotten auf dem Wohnzimmerboden auzubreiten und kritisch zu beäugen. „Das Kleid sieht scheiße aus in rot. Das hättest du dir eigentlich denken können, als du es gesehen hast. Ich meine, willst du, das ich damit vor die Tür gehe? Ich hoffe nicht. Morgen tauschst du es um in ein lachsfarbenes. Und jetzt Sushi.“ Ich merke ich habe das Sushi vergessen und sehe schon das apokalyptische Gewitter ihrer Worte über mich hereinbrechen. „Wie kann man nur so blöd sein. Ich hatte dich um eine Sache gebeten, nur eine Sache, einmal nur das zu tun was ich will. Warum muss es immer mich treffen? Warum habe ich das verdient? Und kannst du mir sagen, wie ich jetzt diesen Abend überstehen soll?“

22 Uhr: Nathalie noch immer am Fluchen.

23 Uhr: Nathalie, fast volltrunken, nimmt eine Nase Koks, ist wieder wach und bereit, mich zu beschimpfen. Tut sie auch. Dann kriegt sie einen halben Nervenanfall und schließt sich im Bad ein.

00 Uhr: Nathalie kommt aus dem Bad, ihre Arme bluten, sie schreit mich an, das wäre alles meine Schuld.

00 Uhr 05: Nathalie zückt ihre Klinge, ein Rasiermesser, und fängt an, sich vor mir in die Oberschenkel zu schneiden. „Konntest du nicht einmal das Richtige tun?“, heult sie. „In dem Kleid sehe ich SCHEISSE aus, eine Katastrophe, man wird sehen, wie FETT ich bin…“ Nathalie wiegt 45 kg. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Sie schneidet weiter an sich rum. „Kannst du nicht EINMAL was sagen?“, brüllt sie. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was,“ gebe ich zu. „Na gut, dann schneide ich mir jetzt deinen Namen in den Bauch,“ verkündet sie. „S-E-B-A-S-T-I-A-N, wundervoll.“ Und dann lacht sie wie eine Wahnsinnige und fuchtelt mit ihrer Klinge herum. „Komm mir ja nicht zu nah, ich mach dich fertig!“ „Nathalie, ehrlich gesagt, ich weiß nicht,…“ „Bleib mir fern, Schwächling, ich werde der Welt meinen Namen einschreiben, mit BLUT, weißt du was, du kannst mich mal! Mich so zu enttäuschen!“ Sie brüllt weiter Beschimpfungen, Verunglimpfungen, sie ist mehr sie selbst als sonst meistens. „Kein passendes Kleid, kein Ich!“ „Kein Ich, kein Ich!“ „Hör mal, du schimpfst dich mein bester Freund, aber du kannst mir nichtmal das Kleid da besorgen, das passt mir nicht, hast du echt gedacht, ich wäre so fett?!“ Ich, völlig verdattert: „Nathalie, du hast gesagt, du willst das in S…“ „Und hast du mir das geglaubt? Du bist ja so bescheuert, ich hätte nie gedacht, dass du echt so doof bist… Du musst doch sehen, dass mir das zu groß ist!“ Und ich – weiß echt nicht mehr weiter.

01 Uhr: Nach ungefähr einer Stunde Vortrag darüber, dass ich ihr keine Sushi mitgebracht habe, meint Nathalie zu mir: „Wozu die ganze Show, was mache ich mir und dir eigentlich vor – können wir jetzt endlich vögeln, Sebastian?“

01 Uhr 01: Ich befinde mich auf der Straße vor Nathalies Haus, im Dauerlauf, mich entfernend. Ich habe dieses irre Mädchen gerne, aber – nein.

01 Uhr 05: Nathalie ruft mich an und fragt, wo jetzt verflucht nochmal ihre Sushi bleiben. Sie hätte doch wirklich alles getan, um sie zu kriegen. Ich gebe zu, dass das wahr ist und gehe zum nächsten Asiaten.

Arabeske / Dementia praecox

Robert, die Liebe meines Lebens, Robert. / Kreisleriana. / It was you all along. Robert


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„Da! Da war es. Und jetzt ist es wieder weg.“

„Papa, ich erkenne dich nicht mehr.“

„Es ist voller Sterne, Julie, siehst du es nicht? Die rote Rinde ist voller Sterne. Weil jeder ein ganzes Universum in sich trägt. Er auch, der Baum. Julie, verstehst du nicht, was ich dir sagen will?“

„Papa, ich verstehe dich nicht mehr.“

„Aber warum nicht, Elise, warum siehst du es denn nicht?“

„Papa, ich bin nicht Elise.“

„Julie, entschuldige, du bist Julie. Tut mir leid, ich bin wohl ein wenig abwesend.“

„Papa, ich muss jetzt gehen. Elise schaut nachher mal nach dir.“

„In Ordnung, danke, Elise…“

Manchmal will sie mich nicht verstehen, Elise.

Das Schreiben ist schwer geworden. In letzter Zeit. Ich habe Ideen, so viele Ideen, aber sie lassen sich nicht richtig fassen… Die Sprache ist zu sperrig, um sie auszudrücken, ein viel zu brutales, ungeschlachtes Werkzeug für die filigranen Gedanken, die durch meinen Kopf schweben. Und sie hat die falsche Logik. Sie funktioniert nicht. Irgendwie funktioniert sie nicht mehr.

Ich wollte ein Gedicht über dich schreiben, doch die Worte haben sich mir verweigert. Ich wollte ein Gedicht darüber schreiben, wie du bist, wie einzigartig, wie vollkommen fehlerhaft, nein – wie fehlerhaft und doch vollkommen, verdammt,

Ich wollte über dich schreiben, Vinnie, über dein Lächeln, deine Stimme, darüber, wie die Morgensonne rote Strähnen in deine langen schwarzen Haare malt, wenn du nichts trägst als sie über den Schultern, aber dann konnte ich mich nicht mehr an dein Gesicht erinnern. Es war verschwunden. In letzter Zeit verschwinden alle Gesichter. Ich sehe nur noch bedeutungslose Anordnungen von Augen, Nasen, Mündern, die sich zu verschiedenen Fratzen verziehen, wenn es aus ihnen spricht und Laute macht. Aber dein Gesicht, Vinnie, dein liebes Gesicht, wie konnte ich das verlieren? Es ist das Einzige, das ich wirklich vermisse. Es ging als Letztes. Ich habe es mit allem festgehalten, das ich an Geisteskraft aufbringen konnte, ich wollte nicht, dass es sich in der gleichen Bedeutungslosigkeit auflöst wie die anderen. Monatelang waren es nur noch sinnlose Flächen, die die Menschen mir zuwandten, wenn sie mit mir sprachen, aber dein Gesicht war noch da, ich konnte es mir ins Gedächtnis rufen, ich konnte es mir auf Bildern ansehen, ich konnte es verstehen. Jetzt bin ich vollkommen alleine. Bald werde ich mein eigenes Gesicht im Spiegel nicht mehr begreifen. Wenn das fort ist, was ich an dir am meisten geliebt habe, Vinnie, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis ich selbst vergehe.

Ideen, Satzfetzen, Fragmente, Gedanken, die sich nicht fassen lassen, wenn ich mich nicht mehr ausdrücken kann, wer kann es dann?

Das letzte Gedicht, das ich über dich geschrieben habe, ist nicht fertig und wird es nie:

„Wie oft saßen wir schon hier

Tranken viel, sprachen mehr

Wie viele Nächte haben wir

Weggeredet, und wie sehr

Habe ich dich dafür geliebt

Dass du da warst, einfach da

Jemand, der stets auf mich achtgibt

Du in meinem Arm, du so nah.

Doch diese Tage sind längst vorbei

Wir sind älter geworden, unglücklicher

Schweigsamer, schon lange nicht mehr frei

Selbst bei dir bin ich nicht länger sicher

Du bist schwach und ich bin allein

Ich habe Angst vor der Welt, du vor mir

In meiner Gegenwart kannst du nicht sein

Es macht dich zu kaputt, ich glaube dir.

Nicht jeder stirbt jung, unsere Liebe schon“

Soll mein Vermächtnis ohne einen Reim enden?

Nicht jeder stirbt jung, unsere Liebe schon – schnell leben, früh sterben – wegen wem oder was sollte ich sterben wenn nicht deinetwegen – sterben, ich glaube nicht mehr ans Sterben – how many nights have we been here, how many mornings did shimmer through the trees – genau, die rote Rinde, die Kiefer mit ihren Sternen – I have been here before, but it’s not the same anymore – Vinnie – Elise – die meisten Menschen sind gut, wenn man’s bedenkt, sie handeln nur böse – Easter morning, church bell’s chimes – Through the early morning fog we hear / Is it us they’re calling for? Is it me you’re calling for?

Als ich neulich meinen letzten Roman gelesen habe, habe ich ihn selbst nicht mehr verstanden. Es ist, als hätte ich mein ganzes Leben im Schlaf verbracht. Wo ist die Conclusio? Es gibt keine Conclusio. Es gibt nicht einmal Ursachen und Wirkungen. Alles versinkt im Chaos.

„Papa?“

„Ja, was denn?“

„Julie meinte, ich soll nochmal nach dem Rechten sehen.“

„Wer ist da?“

„Deine Tochter, Papa. Elise.“

„Aha.“

„Brauchst du noch irgendwas, Papa?“

„Kannst du mir meinen Hut und meinen Mantel holen? Ich würde gerne noch etwas im Rhein spazieren gehen.“

„Am Rhein, meinst du, Papa.“

„Ja, genau. Ich bin bald wieder zu Hause.“

„Ist gut, Papa, ich hole dir die Sachen.“

„Danke, Vinnie.“

Ich gehe nach Hause, Vinnie.

Der Brief aus Kassel

„Meine Enkel sind so süß,“ hatte ihre Post-Crossing-Freundin Liane aus Deutschland geschrieben, „wenn ich sie ins Bett bringe, bitten sie mich momentan immer, ihnen von meiner Kindheit und Jugend zu erzählen, wie damals alles war, wie wir uns ohne Internet verabredet haben, was wir für Kleidung getragen haben und was wir für Spielzeug hatten. Sie werden gar nicht müde, den alten Geschichten zu lauschen. Gestern habe ich ihnen erzählt, wie ich Opa kennen gelernt habe. Ich dachte früher, dass die jungen Leute von heute direkt Reißaus nehmen, wenn man ihnen mit sowas kommt…“

Sovanny ließ den Brief sinken, von einer plötzlichen Übelkeit übermannt. Sie wusste, dass ihre Kinder und Enkel sie nie nach ihrer Kindheit und Jugend fragen würden, und sie wusste, dass eine solche Erzählung auch nicht zur Gute-Nacht-Geschichte geeignet wäre. Nicht, dass sie überhaupt von dieser Zeit sprechen würde, jemals, oder auch nur freiwillig an sie dächte. Am liebsten wäre ihr, sie könnte alles, was damals geschah, aus ihrem Gedächtnis löschen, allem voran die Zeit zwischen April 1975 und Januar 1979. Sovanny dachte sich, das wirke im Nachhinein, in ausgeschrieben, wie eine lächerlich kurze Zeitspanne; allein sie hatte nicht kurz gewirkt, als Sovanny sie durchgemacht hatte, nein, sie schien sich damals unendlich auszudehnen, keine Aussicht auf Rettung. Damit war Sovanny nicht alleine: sie kannte niemanden, dem es anders ging als ihr. Wahrscheinlich gab es in ganz Kambodscha kein Kind, das sich gerne von der jüngeren Vergangenheit erzählen lassen würde, und keinen Erwachsenen, der dieser Bitte nachkäme. Meistens taten hier alle so, als wäre das 20. Jahrhundert nicht passiert, oder sogar, als sei das Land direkt von Angkor, dem Wasser-Königreich, in die Gegenwart geschlittert.

„Wir sind das Volk ohne Vergangenheit,“ dachte Sovanny, nicht zum ersten Mal, „mindestens zwei Generationen leben hier und unterdrücken mit aller Macht ihre eigenen Erinnerungen, damit sie nicht unter ihnen leiden müssen.“ Zumindest versuchten sie es, sie alle, aber nicht jedes Mal gelang es, denn so sehr man sie auch verdrängt, sie schlagen um sich, bis sie wieder an der Oberfläche des Bewusstseins auftauchen, die Erinnerungen an die Hölle auf Erden, und ein traumatisiertes Volk leidet immer unter Flashbacks.

Eine unsichtbare, unbenannte und doch unüberwindbare Grenze trennt die Gegenwart des kambodschanischen Volkes von ihrer eigenen Vergangenheit, eine Grenze in den Köpfen, den Herzen und auf den Zungen der Khmer1; eine Grenze zwischen dem in seiner Schrecklichkeit Unbeschreiblichen, Unerklärlichen und dem Menschen, der nicht mehr versucht, Worte zu finden für das, was ihm passiert ist. Er sehnt den Frieden herbei, also befestigt er die Grenze zusätzlich, und aus der Sprachlosigkeit, in der er zurückgelassen wurde von seinem bösen Los, macht er die Lösung seiner Probleme, die Mauer des Schweigens für das Vergessen. Denn verstehen wird er nie, und vergeben kann er nicht.

Sovanny wurde von einem leisen Rascheln aus ihren Gedanken gerissen und merkte, dass ihre Hand, die noch immer Lianes Brief hielt, zitterte, sodass das Papier gegen ihren Oberschenkel schlug und die Geräusche verursachte. Sie legte den Brief auf den Beistelltisch neben dem Stuhl, auf dem sie saß, schüttelte ihre Arme aus, die sich merkwürdig substanzlos und schwach anfühlten, und beschloss, sich erst mal einen Tee zu machen. Das würde helfen, wieder auf andere Gedanken zu kommen. Hoffte sie zumindest.

Sie ging in die Küche, setzte Wasser auf, hängte das Teesieb in die Kanne und füllte es mit Teeblättern. Während sie darauf wartete, dass das Wasser kochte, versuchte sie, ihre Gedanken wieder in den Griff zu kriegen. „Was koche ich eigentlich morgen?“, fragte sie sich, um sich von den Erinnerungen abzulenken, die wie eine Schlammlawine über sie hereinbrachen. Aber es brachte nichts, sie konnte noch so sehr versuchen, sich auf die Entscheidung zwischen Kary Banlai2 und Kary Trey3 zu konzentrieren, die Vergangenheit unterbrach im Sekundentakt ihren Gedankenfluss, sie goss den Tee auf, alles war wieder da, Bilder, Gerüche, Stimmen, das Weinen von Leap, ihrem jüngsten Bruder, der schreckliche Hunger, sie machte den Herd aus, in ihren Ohren Schreie, in ihrem Herzen wieder die Angst… Und Sovanny gab auf, ließ es geschehen, und da war sie, ihre Kindheit, und überwältigte sie. Sovanny spürte, wie ihre Beine unter ihr nachgeben und ließ auch das geschehen, sich auf den Fußboden sinken, und dann saß sie da, mit dem Rücken an der Wand, und umklammerte ihre zitternden Beine mit ihren zitternden Armen und es war, als zittere sogar ihre Seele, als ihr Bewusstsein an all die Orte in Zeit und Raum verschwand, an denen sie ihre Kindheit verbracht hatte.

Für Sovanny begann alles mit der Einnahme ihrer Heimatstadt Phnom Penh durch die Roten Khmer. Natürlich war davor schon viel passiert, der Sturz der Regierung von Prinz Norodom Sihanouk durch General Lon Nol und die Amerikaner, das amerikanische Borbardement kambodschanischer Gebiete an der Grenze zu Vietnam, das mindestens 200 000 kambodschanische Zivilisten das Leben kostete, die Korruption erst des Königreichs Kambodscha, danach der neuen Khmer-Republik unter Lon Nol, die Bildung und Entwicklung der kommunistischen Roten Khmer, die erst als Verfolgte im Dschungel lebten, dann langsam immer größere Teile des Landes einnahmen… Aber Sovanny war noch ein Kind, und ihre Eltern taten alles, um sie und ihre Geschwister vor den ständigen schlechten Neuigkeiten zu beschützen und ihnen, so gut es eben ging, eine unbeschwerte Kindheit zu ermöglichen. Phnom Penh war auch lange Zeit noch verhältnismäßig sicher vor den Kämpfen und Luftangriffen. Von allem konnten die Eltern ihre Kinder natürlich nicht abschirmen, und auch unbeschwerte Gemüter mussten irgendwann den Strom von Flüchtlingen aus anderen Teilen des Landes bemerken, der beständig in der Stadt eintraf.

Trotzdem – bis zu dem Tag, als ihre Familie ihre Wohnung in Phnom Penh fluchtartig verlassen musste, war Sovanny nicht klar gewesen, wie es um ihre Heimat stand.

Wenige Tage nach dem kambodschanischen Neujahr am 14. April gelang es Pol Pots Khmer Rouge nach einem gewalttätigen Vormarsch quer durch das Land, die Landeshauptstadt einzunehmen. Kaum waren die Kämpfer in Phnom Penh angelangt, begannen sie auch schon mit der Evakuierung. Sovanny erinnerte sich an die Lastwagen voller junger Männer, die meisten gerade so dem Kindesalter entwachsen und kaum älter als sie selbst, alle gekleidet in staubige, schwarze Hemden und Hosen, ausgeblichene rote Schals um die Köpfe geschlungen und Sturmgewehre in den Armen oder über den Schultern. Sie erinnerte sich daran, wie die Stadtbewohner den Kämpfern zugejubelt hatten und wie die sich bald über die ganze Stadt verteilt hatten und zwischen den Passanten herumliefen, ihre Waffen noch immer im Anschlag. Dann kamen die Lautsprecherdurchsagen von Armee-Fahrzeugen, die durch die Straßen fuhren und die Partisanen begannen, an alle Türen zu klopfen und Leute auf der Straße zusammenzutreiben. „Wir müssen die Stadt räumen,“ sagten sie, „die Amerikaner planen Luftangriffe auf Phnom Penh. Packt euer Nötigstes zusammen, beeilt euch, aber verfallt nicht in Panik. In drei Tagen spätestens haben wir die Situation unter Kontrolle, dann könnt ihr zurückkommen.“ Sovanny erinnerte sich an das unwirkliche Gefühl, das Besitz von ihr ergriffen hatte, als sie mit ihren älteren Schwestern Sotheara und Jorani Kleider und Hygiene-Artikel in Taschen, Koffer und Plastiktüten warf, während sich im Nebenzimmer ihre jüngere Schwester Chanmony um das kleinste der Geschwister, den fast zweijährigen Leap kümmerte, Mutter in der Küche Lebensmittel, Töpfe und Geschirr einpackte und ihr Vater bereits unten mit Kosal, dem Ältesten, den Lieferwagen belud, den er sonst für die Arbeit nutzte. Ihre Eltern, ihre Schwestern und Kosal hetzten durch die Gegend wie von der Tarantel gestochen, ständig brüllte einer von ihnen irgendetwas oder ließ irgendetwas fallen oder stieß sich an irgendetwas, der Radau war immens. „Kosal, jetzt hilf mir doch endlich, den Reis runterzutragen!“ „Jorani, hast du das rote Kleid gesehen, das ich an Neujahr… Jorani, ich rede mit dir!“ „Chanmony könnte auch mal helfen, und wo ist jetzt meine Bürste?“ „Kooosaaal, der Reis!“

Sogar der kleine Leap schien zu spüren, dass etwas nicht stimmte, und versuchte ständig, Chanmony wegzulaufen, bis eine der Schwestern fast über ihn stolperte, Chanmony ihn wieder einfing und er laut zu weinen begann.

Nur Sovanny fühlte keinen Stress und keine Angst. Sie fühlte – gar nichts so wirklich. Es war, als schwebte sie durch einen Traum, als könnte nichts sie wirklich berühren und als wäre nichts von all dem real. Sie erinnerte sich, dass sie die ganze Zeit einen Gedanken hatte: „Heute Morgen war ganz normal. Heute Morgen war alles ganz normal. Wie immer.“ und je öfter er in ihrem Kopf erklang, desto unwirklicher fühlte sich alles an. „Irgendetwas stimmt hier nicht,“ dachte sie damals weiter, „aber ich weiß nicht, was es ist.“

Dann der Weg im Lieferwagen aus der Stadt, die Eltern, Kosal und Leap vorne, die Mädchen hinten auf der Ladefläche, die Plane, die normalerweise einen geschlossenen Raum hinter der Fahrerkabine bildete, hatten sie an der einen Seite hochgebunden, um hinausschauen zu können. Spätestens, als sie das Mädchen mit der Infusion sahen, bereuten sie dies. Die junge Frau trug einen Krankenhauskittel, in ihrem Arm steckte noch die Nadel, von der aus ein Schlauch zu der Infusion führte, an deren Ständer sie sich klammerte, als würde sie sonst jeden Moment umkippen. Sie war bleich wie Schnee, ihre Haare hingen ihr ungekämmt ins Gesicht, so taumelte sie voran, inmitten der Menge, die zu Fuß, auf Fahrrädern, Motorrädern und Autos aus der Stadt drängte und keine Notiz von ihr nahm. Dass sie es überhaupt bis dorthin geschafft hatte, wo Jorani sie sah und ihre Schwestern auf sie aufmerksam machte, grenzte an ein Wunder. In Sovanny stieg Übelkeit auf und etwas Eiskaltes, wie gefrorener Stahl, das sie noch nie gefühlt hatte und erst einordnen musste – Entsetzen. Der traumähnliche Zustand, der sie bisher vor der Realität dieses Tages beschützt hatte, war fort. Er sollte nie wieder kommen.

Später, am Abend dieses Tages, erfuhr Sovanny, dass die Roten Khmer auch die Krankenhäuser geräumt hatten. Wer sich weigerte zu gehen oder nicht gehen konnte, wurde erschossen. Einige der Leute, die während der Evakuierung im Krankenhaus zu Besuch waren, schoben ihre Angehörigen im Krankenbett durch die sich leerenden Straßen von Phnom Penh, auf die Landstraße, so lange sie selbst noch die Kraft dazu hatten. Wahrscheinlich wäre es gnädiger gewesen, sie an Ort und Stelle erschießen zu lassen. Manche hatten solche Schmerzen, dass sie stundenlang schrien, quer durch die Vororte auf die Straße und den Weg entlang, bis sie dazu zu erschöpft waren, und irgendwann waren sie sowieso alle tot.

Hätte Sovanny damals geahnt, dass all das erst der Anfang war, sie hätte nie die Kraft gefunden, weiterzuleben. Aber sie ahnte und dachte gar nichts, als der Lieferwagen die Straße entlangrollte, vorbei an Massen und mehr Massen von Städtern, die ihr Hab und Gut und ihre Kinder schleppten, und je weiter der Tag fortschritt, desto müder und abgekämpfter sahen die Leute aus, an denen sie vorbeikamen, und desto kälter schien Sovanny das Entsetzen, das ihr Herz umfangen hielt.

Tage waren sie so unterwegs, lebten von den rasch weniger werdenden Essensvorräten, die ihre Mutter eingepackt hatte und ließen sich von den Khmer Rouge-Kadern, die immer wieder ihren Weg kreuzten, die Richtung zeigen, in die sie sollten. Schon lange war keine Rede mehr von einer Rückkehr nach Phnom Penh. Sie sollten umgesiedelt werden, hieß es, die Städter sollten auf Dörfer verteilt und Mitglieder der Dorfgemeinschaft werden. Gerüchte machten die Runde. Die Roten Khmer forderten Beamte und Mitglieder der Lon Nol-Regierung dazu auf, sich zu melden, um Positionen im neugegründeten kommunistischen Staat einzunehmen, und wer sich meldete, der wurde erschossen. In den Straßengräben und Wegesrändern lagen immer mehr Leichen von Menschen, die auf dem anstrengenden Fußmarsch an Entkräftung gestorben, verhungert oder verdurstet waren. Zum Glück erfuhr Sovanny das nur aus den Schilderungen von Kosal, gesehen hatte sie es größtenteils nicht – die Schwestern hatten die Plane nach dem ersten Tag vollständig über die Ladefläche gezogen, obwohl es so furchtbar heiß war und sie im Dunkeln sitzen mussten.

Am 21. April 1975, vier Tage nach ihrem Aufbruch aus Phnom Penh, erreichten Sovanny und ihre Familie – zu Fuß inzwischen, der Tank des Lieferwagens war irgendwann leer gewesen und nirgendwo gab es Benzin zu kaufen – das Dorf, das von nun an ihre Heimat sein sollte: Kampong Krasang, östlich von Battambang, der zweitgrößten Stadt des Landes, auch sie vor ein paar Tagen vollständig geräumt und ihre Einwohner in alle Windrichtungen über Kambodscha verstreut.

Sovanny sah wieder den Dorfplatz vor sich, auf den sie und drei weitere Familien von schwarzgekleideten Soldaten geführt wurden. Die Dorfbewohner, ebenfalls in der Tracht der Roten Khmer, erwarteten die Neuankömmlinge bereits, eine schweigende schwarze Menge mit feindselig-verschlossenen, von der Sonne gegerbten Gesichtern. Hinter ihnen und um den Platz herum erhob sich das Dorf, ärmlich wirkende Stroh- und Bambushütten auf Pfählen, dazwischen einzelne Gemüsegärten und dahinter Reisfelder, Reisfelder, die in der leichten Brise wogten wie ein grünes Meer, und dahinter wiederum smaragdfarben der Dschungel, und für einen kurzen Augenblick, an den sie später oft mit Verbitterung dachte, regte sich Zuversicht in Sovanny, das Gefühl, dass vielleicht, irgendwie, alles in Ordnung kommen könnte.

Schon die ersten Worte des Dorfvorstehers machten Sovannys neuen Mut zunichte.

„Stellt euer Gepäck hier in die Mitte,“ kommandierte er ohne jedes Grußwort. „Das Zeug braucht ihr nicht mehr.“ Unterstrichen wurden seine Worte durch die Soldaten, die anfingen, Leuten ihre Taschen aus den Händen zu reißen und diese in der Mitte des Platzes auszuleeren.

„Ihr werdet neue Kleidung bekommen,“ fuhr der Dorfvorsteher fort, „wir tragen hier alle das Gleiche: die Uniform unserer Befreier. Für die Eitelkeiten, die euch Kapitalisten aus den Städten so zu Eigen sind, ist hier kein Platz. Von jetzt ab stellt ihr eure Arbeit in den Dienst von Angkar4, der Organisation, die dieses Land von der korrupten, durch die Amerikaner eingesetzten Regierung Lon Nols befreit hat. Von jetzt an sind wir alle Bauern, und wir alle werden Hand in Hand für unser Land arbeiten. Weil ihr aus der Stadt kommt, müsst ihr zunächst beweisen, dass ihr hier richtig anpacken könnt. Bis auf Weiteres steht ihr unter unserer Beobachtung. Wir werden euch anlernen, euch eure Arbeit, vor allem auf den Reisfeldern, erklären und euch zu guten Kommunisten machen. Wenn ihr euch als würdig erweist, wird Angkar gut für euch sorgen. Wenn ihr aber unbelehrbar seid, unerlaubtes Eigentum nicht abgebt, nicht oder zu wenig arbeitet, oft zu spät zur Arbeit erscheint und den Anweisungen von uns Basis-Leuten – also denen, die schon immer hier waren, von Anfang an die Kommunisten unterstützt und niemals Reichtum besessen haben – nicht Folge leistet, wird Angkar euch bestrafen, und wenn ihr euch als Verräter am Kommunismus und eurem Vaterland erweist, wird Angkar kein Erbarmen mit euch kennen und euch zerschmettern. Denn Angkar ist gütig, aber wehrhaft, wenn es darum geht, Kambodscha zu beschützen.“

Während der Dorfvorsteher sprach, gaben die Ankömmlinge ihre Tüten und Taschen ab, und die Soldaten leerten sie eine nach der anderen aus. Essensvorräte wurden von Kleidung und Wertsachen getrennt und auf einem gesonderten Stapel gesammelt. Sie würden später unter den Basis-Leuten aufgeteilt werden, verkündete der Dorfvorsteher. Der Rest sollte – soweit möglich – verbrannt werden. Eigentum sei ihnen nicht mehr gestattet. Besonders streng geahndet würde der Besitz von Radios, Uhren und ausländischen Büchern.

Dann wurde die Kleidung ausgeteilt, die sie ab jetzt alle tragen mussten – schwarze weite Hose, schwarzes weit geschnittenes Oberteil mit langen Ärmeln, dazu ein rot-weiß kariertes Tuch, das man um den Hals oder gegen die Sonne auf dem Kopf tragen konnte. Schuhe gab es keine.

Dorfbewohner und Soldaten führten die Familien zu ihren Unterkünften.

Sovanny sah die Hütte vor sich, ein Raum für die ganze Familie, keine Möbel, statt Herd oder Ofen eine Feuerstelle vor der Hütte. Nachts mussten alle auf dem Boden schlafen, eng nebeneinander, mit gerade genug Platz, um sich umzudrehen.

Die Mahlzeiten wurden stets zusammen eingenommen, einmal mittags, einmal abends. Dazu stellten sich alle neben der Gemeinschaftsküche, einem schlichten Dach auf Streben, ohne Wände, mit einem Ofen in der Mitte, an. Basis-Leute kochten und teilten das Essen aus. Nach dem Abendessen gab es regelmäßig Propaganda-Veranstaltungen, bei denen den Neuen im Dorf beigebracht werden sollte, kommunistisch zu denken und Angkar zu lieben. Der Dorfvorsteher, die Basis-Leute und Soldaten redeten sich dort in Euphorie über die Großartigkeit des neuen Kambodscha, des „Demokratischen Kambuchea“, wie es jetzt hieß, über die Errungenschaften von Angkar, und in Rage über alle Feinde der Organisation, Kapitalisten, Vietnamesen, Amerikaner, und all die “kambodschanischen Körper mit ausländischen Seelen“, die den neuen Staat unterwanderten und zerstören wollten, gefährliche Verschwörer, die überall sein konnten, vielleicht sogar jetzt gerade direkt unter ihnen. Wenn irgendeiner hören sollte, wie jemand etwas gegen Angkar sagte, müsste er denjenigen sofort melden. „Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Feinde uns die soeben errungene Freiheit wieder nehmen!“, brüllte der Dorfvorsteher dann. Auch anderes Fehlverhalten sollte sofort gemeldet werden: der Besitz von Wertsachen, Diebstahl von Essen und weiteres, gegen die neue Gemeinschaft gerichtetes Verhalten.

Die Soldaten der Roten Khmer waren die neuen Vertreter von Recht und Gesetz. Sie bestimmten im Einzelfall, was Vergehen war und was nicht, sie überwachten die Dorfbewohner, um die Einhaltung der Regeln durchzusetzen und subversive Subjekte sofort zu entfernen, bevor sie giftiges Gedankengut verbreiten konnten, und sie richteten die, welche Unrecht begangen hatten. Im Demokratischen Kambuchea gab es dem Gesetz gemäß nur noch eine Strafe: die Todesstrafe. Es kam aber auch vor, dass die Soldaten Gnade walten ließen und Übeltäter lediglich körperlich züchtigten, besonders wenn es sich um Frauen und Kinder handelte, die zum ersten Mal gegen eine Regel verstießen.

Im neuen Kambodscha musste jeder arbeiten, jeden Tag. Kleine Kinder halfen in der Küche oder in den Gemüsegärten, solange sie noch nicht kräftig genug für die Arbeit auf den Reisfeldern waren. Dafür bekamen sie dann auch weniger zu Essen. Wer krank wurde oder aus irgendeinem anderen Grund nicht arbeiten konnte, dem wurden die Essensrationen immer mehr gekürzt. Sovanny mit ihren elf Jahren wurde als alt genug für die entbehrungsreiche Arbeit auf dem Feld angesehen, und dort pflanzte und erntete sie dann Reis und Mais, zwölf Stunden am Tag. Anfangs tat sie sich schwer, wie die meisten Leute aus der Stadt, die so harte körperliche Arbeit nicht gewohnt waren, aber da ihnen allen keine Wahl gelassen wurde und es zusehends gefährlich wurde, negativ aufzufallen, mussten sie sich fügen.

Alles schien sich um Sovanny zu drehen, wie sie da an die Wand ihrer Küche gekauert saß, während die Erinnerungen auf sie einprasselten. So vieles hatte sie für gnädigerweise vergessen gehalten, aber es war noch da, es war alles da.

Sovanny spürte die Sonne unbarmherzig auf sich niederbrennen, ihre Hitze verstärkt von den schwarzen Kleidern, sie spürte ihren Rücken schmerzen, ein beständiges Stechen und Ziehen vom Hals bis in die Lendenwirbel, das nach ein paar Wochen auf dem Feld nicht mehr wegging, sie spürte das Jucken und Brennen überall auf dem Körper, weil sie alle weder Zeit noch Mittel für ausreichende Körperhygiene hatten und die Hütten voller Ungeziefer waren.

Die Verpflegung war von Anfang an knapp gewesen und die Auswahl bescheiden, besonders für die neu Hinzugezogenen, die sich erst als vertrauenswürdig erweisen mussten. Sovanny gewöhnte sich daran, ständig Hunger zu haben. Aber als die Monate ins Land zogen, wurde das Essen immer weniger und weniger. Der Reis und das Gemüse, das sie anbauten, wurde regelmäßig abtransportiert; für die Armee, hieß es, und als Tauschmittel gegen Waffen aus China. Die Nahrungsrationen sahen irgendwann nur noch ein paar Löffel Reis pro Kopf am Tag vor. Ständig wurde eine baldige Verbesserung der Umstände versprochen, ständig war von einem enormen Wirtschaftswachstum die Rede, und dass bald jeder so viel zu Essen hätte, wie er wolle. Trotzdem gab es immer weniger.

Sovanny war es, als wäre sie wieder dort, in Kampong Krasang, umgeben von Dschungel und Reisfeldern, jeden Tag von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang am Arbeiten, ohne Schutz gegen die brennende Sonne im Sommer und die Nässe, den Dauerregen im Winter. Abends brach sie einfach in ihren schmutzigen Kleidern zusammen und schlief vollkommen erschöpft ein, bis der Tagesanbruch sie nach wenigen Stunden wieder weckte. Als das Essen zur Neige ging, fiel ihr erst das Arbeiten, dann sogar das Aufstehen, jede Bewegung immer schwerer. Schon lange hatte sie vergessen, wie es ist, keinen Hunger zu empfinden, doch womit sie nicht gerechnet hatte war, wie schrecklich der Hunger irgendwann werden konnte, wenn einem der Magen fürchterlich weh tat, jeder Gedanke sich nur noch um Essen drehte. Ihr Bauch blähte sich auf, während der Rest ihres Körpers immer dünner und ausgemergelter wurde. Ihren Geschwistern ging es nicht anders. Ohnmächtig mussten ihre Eltern mit ansehen, wie ihre Kinder langsam verhungerten, sie konnten nichts dagegen tun.

Leaps erschöpftes Weinen hallte in Sovannys Ohren wider. Ihr kleiner Bruder war mit seinen nichtmal zwei Jahren fast noch ein Baby, und er verstand nicht, wieso er Hunger leiden musste, wieso seine Eltern, die immer für ihn da gewesen waren, ihm nicht helfen konnten. Mutter hatte ihn größtenteils noch gestillt, aber das Hungern war auch an ihr nicht spurlos vorbeigegangen – ihre Milch war versiegt. In der wenigen Zeit, die ihr mit der Familie blieb, abends vor dem Schlafengehen, wiegte sie ihren Sohn und sprach mit ihm, wiegte ihn scheinbar endlos, damit er endlich das Weinen aufhörte, und irgendwann war der Kleine so erschöpft, dass er nur noch wimmerte, und weiter wiegte sie ihn, in den Schlaf, der nicht kommen wollte, weil die Hungerschmerzen den kleinen Körper schüttelten. Sie und Vater sparten sich jeden Bissen, den sie erübrigen konnten, vom Mund ab, um ihn den Kindern zu überlassen, aber ein bisschen mussten auch sie essen, um für ihre Kinder am Leben zu bleiben und um weiter arbeiten zu können, denn wer nicht arbeiten konnte, war für Angkar entbehrlich und erhielt noch weniger zu Essen.

Als Leap im Sterben lag, beschloss Vater, Reis vom Feld stehlen zu gehen. Mutter flehte ihn an, es nicht zu tun, bettelte, dass es doch einen anderen Weg geben müsse, dass er das nicht dürfe, dass die Felder bewacht würden, auch nachts, und dass sie ohne ihn nicht wüsste, wie sie weitermachen sollte. Essen stehlen galt als Hochverrat an der Gemeinschaft und an Angkar, und wenn Vater erwischt werden sollte, drohte ihm der Tod. „Wenn ich es nicht tue, stirbt Leap,“ antwortete ihr Vater, und darauf wusste sie nichts mehr zu sagen. Also ging er los, in der Dunkelheit schlich er sich aufs Feld und stahl ein paar Handvoll Reis. Dieses Mal wurde er nicht erwischt. Mutter kochte Reisbrei für Leap. Aber es war zu spät. Als sie versuchte, ihrem kleinen Sohn von dem Brei einzuflößen, reagierte er schon kaum mehr. Als sie es doch schaffte, ihn zum Schlucken einer kleinen Menge zu bringen, erbrach er alles sofort wieder. Am nächsten Morgen war er tot.

Tränen stieg in Sovanny auf, als sie wieder an ihren armen, kleinen Bruder denken musste, Leap, der schon so aufgeweckt und schlau gewesen war, den sie von seinem ersten Tag auf dieser Welt an geliebt hatte, den sie früher wickelte und anzog, mit ihm spielte und ihm Wörter beibrachte, die er glucksend nachplapperte, Leap, der niemals etwas Böses getan hatte in seinem kurzen Leben und der so lange gelitten hatte, bis sein kleiner Körper den Kampf aufgab.

„Ich weiß, warum ich diese Grenzmauer gezogen habe,“ schrie sie innerlich, „ich weiß schon, warum ich lieber ohne Vergangenheit bin als mir diese Erinnerungen anzutun!“

Das Schluchzen brach aus ihr hinaus, als sie Leaps liebes süßes Gesicht vor sich sah, ausgemergelt vom Hunger, die Augenlider purpurn, der Rest der Haut gelblich bleich, die Augen fiebrig glänzend, und doch so ein wunderschönes Baby, sie krallte sich die Fingernägel in die Kopfhaut und raufte sich die Haare, die Tränen flossen jetzt in zwei starken Strömen und ihr war, als könne sie nie wieder mit dem Weinen aufhören, sie schlug ihren Hinterkopf gegen die Wand, um Leaps Gesicht zu verjagen und das entkräftete Wimmern, das er zum Schluss von sich gegeben hatte, es tat so weh, so dermaßen weh, oh warum…

An dem Abend vor Leaps Tod wurde Vater nicht beim Essenstehlen erwischt. Das geschah erst ein paar Wochen später, als Chanmony im Sterben lag und er sich wieder auf den Weg machte, getrieben von der Verzweiflung, nicht noch ein Kind an den Hunger verlieren zu können.

Sovanny erinnerte sich daran, wie sie auf ihn gewartet hatten, Mutter, Kosal, Jorani, Sotheara und sie. Chanmony dämmerte in einer Ecke des Raumes vor sich hin. Manchmal durchzuckten sie starke Krämpfe, die Sovanny jedes Mal selbst zusammenfahren ließen. Die Nacht schien sich ewig zu ziehen, und Vater kam einfach nicht zurück. Sovanny erinnerte sich nicht, an welchem Punkt sie alle wussten, dass etwas Furchtbares geschehen war, aber je mehr Zeit verging, desto furchtsamer waren die Blicke, die sie einander zuwarfen, desto mehr rückten sie alle zusammen, suchten die Nähe zueinander, den Schutz vor der Welt in den Armen ihrer Liebsten.

Aber die Welt ließ sich nicht aussperren. Nach einer durchwachten Nacht standen zwei Soldaten der Khmer Rouge vor ihrer Hütte. Sie brachten Vaters Leiche. Und sie durchwühlten die Hütte, warfen die wenigen Besitztümer der Familie durcheinander, auf der Suche nach Diebesgut, wie sie sagten. Schließlich war das Familienoberhaupt beim Stehlen erwischt worden. Die Familie stand jetzt unter besonderer Beobachtung. Ein Fehltritt und die Folgen wären katastrophal.

Die ständige Angst. Das ständige Gefühl, von allen Seiten bespitzelt zu werden. Die Stille. Während der Arbeit durfte nicht gesprochen werden und während dem bisschen freier Zeit, das blieb, traute man sich nicht, zu reden. Ein falsches Wort genügte, damit man verschwand. In den letzten Monaten waren immer wieder Menschen verschwunden, und es wurden immer mehr. Inzwischen verschwanden ganze Familien, meist über Nacht. Manchmal hörte man nachts Schreie aus den Häusern der Nachbarn, und am nächsten Tag war keiner von ihnen mehr da.

Kurz nach Vaters Tod starb Chanmony unter Krämpfen, die ihren ganzen Körper schüttelten. Ihr Todeskampf dauerte Stunden.

Der Geruch. Irgendwann roch das ganze Dorf nach Tod. In den Hütten lagen ganze Familien, die am Hunger gestorben waren. Viele vergifteten sich selbst, weil sie unwissentlich giftige Pflanzen aßen, auf die sie bei ihrer verzweifelten Suche nach etwas Essbarem gestoßen waren. Wer überleben wollte, aß, was er in die Finger kriegte: Blätter, Wurzeln, verrottete Pflanzenreste, Ratten, Würmer, Insekten. Manche wollten irgendwann nicht mehr überleben. Ganze Familien begingen Suizid, als sie die Hoffnung auf ein Ende dieser Hölle auf Leben verloren. Überall Tod. Sovanny war gerade zwölf geworden; es gab nichts mehr, was sie schockieren konnte. Sotheara wurde von Soldaten der Roten Khmer vergewaltigt. Ihr Körper überlebte, ihre Seele nicht. Einige Zeit lang lief sie durch die Gegend wie eine lebendige Tote, sprach kein Wort, erledigte ihre Aufgaben mechanisch, lag nachts mit ausdruckslosen offenen Augen da und starrte ins Nichts. Dann vergiftete sie sich. Mutter redete sich ein, das wäre ein Unfall gewesen, wie bei der Nachbarstochter. Im Grunde ihrer Herzen wussten sie alle, dass es das nicht war. Jorani und Kosal wurden weggeschickt, in ein Arbeitslager für Jugendliche. Sovanny blieb bei ihrer Mutter, die beiden waren jetzt ganz alleine auf der Welt. Dann musste auch Sovanny fort, in ein anderes Arbeitslager, für ältere Kinder. Ihr Leben war ein einziges großes Grauen und ständig wurde es nur noch schlimmer. Die Einsamkeit, die Angst, die Trauer, und täglich kämpfte sie sich wieder auf die Beine und machte weiter. Es hätte nichts gegeben, was sie sonst hätte tun können, denn Sothearas Beispiel zu folgen, kam ihr gar nicht in den Sinn – obwohl sie jetzt oft davon träumte, tot zu sein. Wie sie das alles geschafft hatte, wusste sie heute nicht mehr.

Sovanny schlug sich die Hände vors Gesicht und weinte. Um Leap. Um Chanmony. Um Vater. Um Sotheara. Um sich. Ihre Mutter, Kosal und Jorani hatte sie nach der Befreiung Kambodschas durch die Vietnamesen wiedergefunden. Sie war nicht vollkommen allein, wie manche, die ihre ganzen Familien verloren hatten, aber sie war vierzehn und schon eine alte Frau, und alle waren sie unrettbar zerbrochen.

„Ich muss damit aufhören,“ sagte sie sich, „ich muss aufhören, aufhören, aufhören.“

„Geht weg,“ brüllte sie innerlich die Gesichter all der Toten an, die sie von der anderen Seite der Grenze aus anstarrten. „Verschwindet und lasst mich alleine, ich kann das nicht wieder und wieder durchleben, ich kann das einfach nicht!“

Wut mischte sich in ihre Verzweiflung, Wut über ihre Verzweiflung, Wut über alles, was sie verzweifeln ließ, Wut über Lianes Brief, der den Schutzwall eingerissen hatte, den sie zwischen sich und dem Grauen errichtet hatte, Wut über ihre Naivität, die sie hatte glauben lassen, dass dieser Wall ewig halten würde, dass er hoch und stark genug wäre, sodass sie nie wieder einen Blick hinüber werfen müsste in das Land der Erinnerungen und die Grenze ausreichend befestigte, um dessen Einwohner daran zu hindern, ihr mit ihren toten Blicken in die Gegenwart zu folgen.

1Khmer = kambodschanisch, Kambodschaner/in, die kambodschanische Sprache

2Gemüse-Curry

3Fisch-Curry

4Khmer für: „die Organisation“